Ein Tabuthema: Thomas Schopf möchte eine Beratungsstelle für Opfer häuslicher Gewalt
Wenn die Fassade bröckelt

"Die meisten machen sich selbst Vorwürfe und geben sich die Schuld." Zitat: Thomas Schopf, Stadtrat und Polizeibeamter
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Grafenwöhr
06.02.2018
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Händchenhaltend schlendert das Paar durch den Ort, jeden Sonntag geht es mit den Kindern in die Kirche. Eine Familie, auf die man neidisch werden könnte. Doch Thomas Schopf weiß, dass der Schein trügt.

Hinter verschlossener Tür sieht es oft anders aus: Der fürsorgliche Partner wird zum Prügler, statt Streicheleinheiten gibt es Schläge. "Häusliche Gewalt existiert überall", weiß der Grafenwöhrer Stadtrat und Polizist. Umso wichtiger sei es, den Opfern eine Anlaufstelle zu bieten. Um Betroffenen so schnell wie möglich zu helfen, wünscht sich der 49-Jährige eine örtliche Beratungsstelle. Damit es in Grafenwöhr nicht nur beim Wunsch bleibt, hat er bereits die Zusammenarbeit zwischen Sozialpädagogin Martina Pain-Liebl von der Interventionsstelle Weiden und Learning-Campus in die Wege geleitet. Wer Hilfe sucht, findet sie zu festgelegten Zeiten im Grafenwöhrer Mehrgenerationenhaus. "Unverbindlich und anonym; bei der Beratung herrscht Schweigepflicht", betont Schopf.

Manchmal hilft es Betroffenen, einfach nur über das Geschehene zu sprechen. Manchmal aber auch nicht. "Dann ist es Aufgabe der Beratungsstelle, herauszufinden, wo Opfer die bestmögliche Unterstützung bekommen." Das könnten sie zwar auch bei Vorträgen erfahren, die Schopf gerne organisieren würde. "Aber da kommt bestimmt kaum jemand", vermutet er. Nur zu gut kennt er das Gedankenkarussell vieler Opfer: Was, wenn mich dabei jemand sieht? Wenn mein Partner davon erfährt? Wenn alles nur noch schlimmer wird?

Doch braucht Grafenwöhr eine solche Beratungsstelle? "Ja", meint Schopf. Er war lange genug polizeilicher Sachbearbeiter für häusliche Gewalt - achteinhalb Jahre - um zu wissen, dass Übergriffe in den eigenen vier Wänden nicht nur in sozialen Brennpunkten ein Problem sind. "Das gibt's bei den Reichen genauso." Nur käme man bei den meisten nicht darauf: "Nach außen hin sind sie eine Vorzeigefamilie, und hinter den Türen geht es ab." 15 Fälle aus Grafenwöhr wurden vergangenes Jahr bei der Polizei gemeldet. Wie viele es wirklich sind, ist unklar. "Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist groß", so Schopf.

Schopf geht es nicht darum, Täter vor Gericht zu zerren. "Ich möchte, dass sich Opfer Hilfe holen, bevor es zu spät ist", erklärt er. Doch manchmal dauert es, bis sich ein Mensch dazu durchringen kann. "Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem es ein dreiviertel Jahr gedauert hat." Viel zu lange, findet Schopf: "Niemand hat es verdient, im eigenen Zuhause geschlagen oder gedemütigt zu werden." Für viele ist aber die Scham größer als der Schmerz - und schweigen lieber über das, was zu Hause passiert. "Viele machen sich Vorwürfe und geben sich die Schuld."

Umso wichtiger sei es, Opfer wachzurütteln und aus der "Gewaltspirale" zu holen. Egal ob Nachbarn, Freunde oder Verwandte: Jeder sollte ein wachsames Auge haben. "Lieber einmal zu oft als einmal zu wenig hinsehen", betonte der Stadtrat. Der schöne Schein von Familienglück kann schnell täuschen.

Die meisten machen sich selbst Vorwürfe und geben sich die Schuld.Thomas Schopf, Stadtrat und Polizeibeamter


Hier gibt es HilfeEin blaues Auge, eine aufgeplatzte Lippe oder eine verletzte Seele: Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. "Emotionale Herabsetzung gehört genauso dazu wie Schläge", betont Thomas Schopf.

Was viele ebenfalls vergessen: Auch Männer können in die Opferrolle rutschen. Schopf appelliert an alle Betroffenen - egal welchen Geschlechts - so schnell wie möglich Hilfe zu holen. Wer nicht weiß, wohin, bekommt jederzeit unter dem Notruf 110 polizeiliche Unterstützung. Frauen können sich außerdem an das Frauenhaus in Weiden (0961/38931-74 oder 0961/38931-70) oder an die Beauftragten der Polizei für Frauen und Kinder (BPFK) unter Telefon 0941/506-13333 wenden. (esm)

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Weitere Informationen:

www.diakonieweiden.de/html/interventionsstelle.de
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