24.03.2017 - 17:10 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Familie Hofmann und ihr Kampf mit den Versicherungen für ihr behindertes Kind Streitfall Felix

Ärzte, Hebamme und Krankenhaus sind schuld, dass Felix Hofmann vor 12 Jahren behindert zur Welt kam. Das haben mehrere Gerichte entschieden. Die Versicherungen müssen für alle Folgen aufkommen. Das klingt eindeutig, trotzdem muss die Familie ständig aufs Neue für ihr Recht kämpfen.

Ein süßer Kerl: Felix Hofmann. Später wollte er noch mit seinen Eltern in die Weidener Regionalbibliothek, um sich eine CD auszuleihen. Doch erst wartet - mal wieder - ein Prozess um das Schicksal des Jungen. Bild: gsb
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Weiden/Grafenwöhr. Wie auf dem Basar geht es am Donnerstag vorm Zivilgericht zu. Die Anwälte debattieren um Haftungsfragen, einen Vergleich. Das Objekt der Haftung sitzt ganz brav mit im Gerichtssaal und hört zu. Felix heißt der Junge, dessen Schicksal die Juristen in Geldbeträgen messen wollen. Er ist 12 Jahre alt, stolzer Ministrant und Sternsinger und seit diesem Schuljahr Klassensprecher an der Schule im Heilpädagogischen Zentrum Irchenrieth. Dass die Juristen nicht über irgendeine Sache verhandeln, wird aber erst deutlich, als Richter Viktor Mihl den Eltern das Wort erteilt. Markus und Renate Hofmann schildern, dass ihr Sohn sein ganzes Leben auf Hilfe angewiesen sein wird, eine Ende der Versicherungshaftung nicht absehbar ist. "Felix wird niemals ein normales Leben führen", sagt seine Mutter Renate.

Fehler auf Fehler

Das hätte nicht sein müssen, ein Gutachter hat bestätigt, dass der Bub nach problemloser Schwangerschaft gesund ist, als die Hofmanns am 21. September 2004 zur Entbindung ins Kreiskrankenhaus Eschenbach kommen. Dann reiht sich ein Fehler an den anderen: Die Hebamme verabreicht der Mutter unzulässigerweise Betäubungsmittel, Anzeichen für Komplikationen werden übersehen, der Arzt reagiert nicht angemessen. Ein Notkaiserschnitt kommt nicht zustande, weil kein Anästhesist bereit steht. Nachdem Felix auf normalem Weg zur Welt gekommen ist, unterbleibt die Verlegung in eine Spezialklinik - obwohl der Junge mehrfach blau anläuft, von Krämpfen geschüttelt wird. Erst nach 40 Stunden kommt er in die Klinik Bayreuth, wo die Ärzte sein Leben retten. Dauerhafte Schäden können sie nicht verhindern. Heute ist Felix ein lieber und aufgeweckter Junge - aber auch motorisch, sprachlich und geistige eingeschränkt. Felix kann nicht lesen, nicht rechnen. Wenn er spricht, wird seine Einschränkung deutlich.

Sein Oberpfälzer Zungenschlag wird dadurch nicht weniger schön. Er ist zum ersten Mal bei Gericht und aufgeregt, spricht deshalb eifrig. Auch den Eltern ist Anspannung anzumerken, obwohl sie nur Zuhörer sind. Kläger ist der Bezirk, er möchte Kindergarten-Kosten von den Versicherungen. Wegen seiner Behinderung hat Felix drei Jahre die Petö-Tagesstätte Erbendorf besucht, dazu das HPZ Irchenrieth und das St.-Michaels-Werk Grafenwöhr. Knapp 110 000 Euro hat der Bezirk vorgestreckt. Die Versicherungen weigern sich: Weil der Anspruch nicht von Felix auf den Bezirk übertragbar sei, und weil die Forderung verjährt sei, und weil sie das ursprüngliche Urteil grundsätzlich nicht anerkennen.

Felix' Vater erkennt ein System hinter dem Verhalten der Versicherung. 2011 hatte das Oberlandesgericht in Nürnberg nach einem vierjährigen Prozessmarathon entschieden: Die Versicherungen der beteiligten Hebamme, der beiden Belegärzte und der Kliniken Oberpfalz Nord AG als Rechtsnachfolger des Kreiskrankenhauses müssen zusätzlich zum Schmerzensgeld für alle Kosten aufkommen, die durch Felix' Behinderung entstehen. Dass diese Entscheidung eindeutig klingt, hält die Versicherungen nicht ab, immer wieder Zahlungen zu verweigern oder Forderungen eigenmächtig zu kürzen. Als Beispiel nennt Markus Hofmann die Reittherapie seines Sohn. "Die Versicherung hat nur 90 Prozent gezahlt, weil Felix beim Reiten auch Spaß hätte, wenn er nicht behindert wäre." Diese Begründung hält Hofmann ebenso für eine Frechheit wie die sich wiederholenden "Versuche einen Kuhhandel" zu erreichen. "Hier wird versucht, auf dem Rücken eines behinderten Kindes Geld zu machen", bringt Hofmann seine Kritik auf den Punkt. Die Zurich-Versicherung lehnte eine Stellungnahme vorerst ab und verwies zur Begründung auf den Datenschutz. Der Konzern führt auch für die Versicherungskammer Bayern und die Axa die Verhandlung.

Bei den Kindergartenkosten musste Hofmann nicht aktiv werden, der Bezirk entschied sich nach anfänglichem Zögern zur Klage. Hofmann ist Neustadts Landrat Andreas Meier dankbar, der habe in Regensburg Druck gemacht. "Anfangs hatte es ausgesehen, als müssten wir selbst kämpfen." Nach der Verhandlung am Donnerstag ist der Bezirks-Anwalt Edmund Giebler zuversichtlich. Das Urteil verkündet das Gericht Ende April. Für Markus Hofmann ist die Entscheidung wichtig. Wegen seines Gerechtigkeitsempfindens: "Es kann nicht sein, dass die Allgemeinheit zahlt, obwohl die Versicherung die Verantwortung für die Schuldigen zu übernehmen hat." Außerdem verlässt Felix in vier Jahren die Schule.

Kampf wird nicht enden

Dann wird sein Vater fürs Lehrlingsgehalt kämpfen müssen, das dem Jungen wegen der Behinderung entgeht. "Ich bin mir sicher, dass die Versicherung nicht einfach zahlen wird." Gebe es nun ein klares Urteil gegen die Versicherung, macht dies künftige Verhandlungen leichter. Die Hofmanns haben sich darauf eingestellt, dass ihnen nichts geschenkt wird. Die Familie wird klagen müssen, um zu bekommen, was ihr das Gericht 2011 zugesprochen hat.

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