01.12.2017 - 20:22 Uhr
HahnbachOberpfalz

Ein Tag auf dem Wertstoffhof in Hahnbach Wo das Herz des Ortes schlägt

Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? Die Frage stellt sich zu Recht. Was ist mit unserem Müll noch im vorigen Jahrhundert passiert?

von Helga KammProfil

Die Antwort: Man hatte - zumindest auf dem Land - einen "Misthaufen" hinterm Haus, später einen Komposter im Garten. Es gab kaum Müll. Dann kam die Zeit des Plastiks. Folien, Verpackungen, Flaschen und Eimer ließen Müllberge wachsen. Heute wandelt eine segensreiche Einrichtung Müll zu Wertstoffen um.

Es ist 9 Uhr morgens, Winterzeit. In Hahnbach schließt Manfred Märtin das Tor zum Wertstoffhof auf. Draußen auf der Frohnbergstraße warten schon ein paar Autos, darunter ein älterer Golf mit Hänger, voll beladen mit Ästen und Zweigen. Er fährt die Rampe hinauf zum Entladen in den Grüngutcontainer, während die anderen Fahrer aus ihrem Kofferraum volle Säcke, Wannen und Körbe holen.

Alles hat seine Ordnung

Dann beginnt für sie die übliche Wanderung vom Glascontainer zum Dosencontainer, vom Müllsack für Folien zu dem für Plastikbecher, dann zum Sammelplatz für Kartonagen und dem für ausgediente Elektrogeräte. Es hat alles seine Ordnung auf dem Wertstoffhof, in Hahnbach wie überall im gesamten Landkreis. Die Bürger akzeptieren das, sind froh, ihren Abfall kostenlos entsorgen zu können. Lediglich für Bauschutt wird eine kleine Gebühr erhoben, 50 Cent für einen Zehn-Liter-Kübel.

Hahnbach war 1992 der dritte Wertstoffhof-Standort im Landkreis. Hans Heinzl, der schon damals hier Dienst tat, erzählt: "Wir haben klein angefangen, mit ein paar Containern auf unbefestigtem Gelände, kein Vergleich zu heute." 2017 ist nicht nur der Hahnbacher Wertstoffhof perfekt ausgestattet, alle anderen in den Städten und Gemeinden des Landkreises verfügen über den gleichen Standard.

Donnerstags ist der Hahnbacher Wertstoffhof ganztags geöffnet, samstags bis Mittag. Manfred Märtin und Hans Heinzl arbeiten in Schichten. Sie müssen nicht Hand anlegen beim Entladen der Abfälle, sondern schauen und beraten, dass alles ordnungsgemäß entsorgt wird, das heißt in die jeweils dafür bereitgestellten Behälter. Am Samstag steht ihnen als zusätzlicher Helfer Franz Kotz zur Seite, weitere Männer und auch Frauen machen abwechselnd auf verschiedenen Wertstoffhöfen Dienst. In der Regel, so sagen Märtin und Heinzl, funktioniert die Trennung der Abfälle. Wenn es aber vorkommt, dass einer einmal "beratungsresistent" ist, "dann sind wir so frei und sagen, wie der Hase läuft".

In Hahnbach liegt der Wertstoffhof am Ortsende, direkt neben der Kläranlage. Gegen zehn Uhr herrscht Hochbetrieb auf dem Gelände. Autos stehen Schlange, Männer und Frauen schleppen Säcke und Körbe, Glas klirrt in den Flaschencontainern, Dosen fallen scheppernd auf Dosen. Rund um die alte Scheune sind die Container aufgestellt, in denen Eisen-Kleinteile, Elektroartikel, Sperrmüll wie Polster und Matratzen, Kartonagen, Dosen und verschiedenfarbiges Glas entsorgt werden können.

Und natürlich Grüngut, das aber, so Manfred Märtin, in diesen Spätherbsttagen weniger wird. Es stehen Behälter für Altkleider und Schuhe zur Verfügung, die vom Roten Kreuz aufgestellt und geleert werden, seit 2016 auch Container für Biomüll. In der Scheune wird es dann noch spezieller. Dort hängen Plastiksäcke für alle Sorten von Kunststoffen, von Joghurt-Bechern, über Alu-Folien und Milchtüten bis hin zu Styropor-Kleinteilen, Flaschen und Kanistern.

Hier haben die Wertstoffhof-Mitarbeiter ein besonders wachsames Auge, denn, das geben sie zu, es ist nicht immer leicht zu entscheiden, was in welchen Sack gehört. "Der mit dem Mischgut ist am schnellsten voll", weiß Manfred Märtin aus Erfahrung.

In der Mittagszeit wird es ruhiger auf dem Wertstoffhof. Dann können die diensthabenden Mitarbeiter Brotzeit machen in ihrem kleinen Pausenraum innerhalb der Scheune. Sie haben ihn freundlich ausgestattet, es gibt einen Kühlschrank, und im Winter ist es warm.

Und es ist Zeit, über den Wertstoffhof-Alltag zu reden. "Das Herz tut einem manchmal weh, was alles weggeworfen wird", gesteht Mitarbeiterin Mathilde Krauß. Aber "gerettet" werden darf nichts davon, denn alles, was auf dem Wertstoffhof angeliefert wird, gehört dem Landkreis und wird verwertet. "Das Geld, das dadurch eingenommen wird, geht in den Gebührenhaushalt", erklärt Robert Graf. Er ist im Amt für Abfallwirtschaft, der Herr über die "Wertstofferfassung im Bringsystem", das heißt über Mülltrennung, umweltpädagogische Erziehung, Wiederverwendung und Recycling. Dazu kommt noch ein ganz besonderer, nämlich sozialer Aspekt: Der Wertstoffhof ist zum modernen Kommunikationszentrum vor Ort geworden.

Frauen reden weniger

Der Kirchplatz nach der Sonntagsmesse hat in Hahnbach sicher noch immer seine Bedeutung, die Aktivitäten der Vereine ebenso, vielleicht auch noch der eine oder andere Stammtisch. Aber wie überall sind diese Treffpunkte weniger geworden. Eine Lücke ist entstanden. Und wer hat sie geschlossen? Der Wertstoffhof. Die Männer treffen sich am Donnerstag und Samstag, man kennt sich, plaudert, tauscht Neuigkeiten aus, redet über dies und das, vom Fußball über das Wetter bis hin zur aktuellen Politik im Markt und auch "da oben". Frauen kommen ebenso, weiß die Wertstoffhof-Belegschaft, aber eher zweckgebunden, reden weniger, verschwinden bald wieder.

Die Hahnbacher Gemeinderätin Hermine Koch ist heute nicht allein auf den Wertstoffhof gekommen, sondern in männlicher Begleitung. Abdulrahman Belal und seine Söhne Othman und Mohamed Nur sind Neubürger in Hahnbach, die mittlerweile ganz selbstverständlich ihren Müll zum Wertstoffhof bringen.

Syrer staunen

Sie sind aus Aleppo in Syrien geflohen, zunächst der Vater, später dann auch die Mutter. In Hahnbach werden sie und andere Flüchtlinge von einer Helfergruppe um Hermine Koch betreut. Wie das mit dem Abfall gehandhabt wird in ihrer neuen Heimat, hat sie zunächst schon erstaunt. "Nicht gleich wie hier" war das in Aleppo, sagt Othman, und sein Vater ist sehr angetan von der Sauberkeit und Ordnung auf diesem Platz.

Um ausländische Neubürger mit deutschen Umwelt-Vorschriften vertraut zu machen, hat das Amt für Abfallwirtschaft einen "Flyer Mülltrennung" in arabischer Sprache herausgegeben. "In Hahnbach braucht's das nicht", versichert Robert Märtin den Syrern, "wir helfen euch schon weiter, wenn's schwierig ist mit dem Müll."

Wenn es dann 17 Uhr wird, räumen Hans Heinzel, Manfred Märtin und die anderen den Wertstoffhof auf. Sie schließen das Tor, bringen die vollen Kunststoffsäcke ins Freie und notieren, wie viel gefüllte Container am nächsten Tag abgeholt werden müssen. Sie haben ihre Arbeit getan.

Ein gutes Gefühl hat man, dass das alles noch einen Nutzen bringt.Wertstoffhof-Besucherin Hermine Koch zum Recycling
Wir helfen euch schon weiter, wenn's schwierig wird mit dem Müll.Robert Märtin zu den Neubürgern aus Syrien

Amberg-Sulzbacher Müll in Zahlen

28 Wertstoffhöfe mit 118 Mitarbeitern gibt es im Landkreis Amberg-Sulzbach, dazu rund 140 Containerstandorte auf öffentlichen Plätzen. Zuständig dafür ist das Amt für Abfallwirtschaft im Landratsamt. Dessen Leiter, Diplom-Betriebswirt Robert Graf, datiert den Beginn der Wertstoffhöfe auf 1991, der erste war in Auerbach.

Was mit dem Abfall geschieht, wenn er den Wertstoffhof verlassen hat, das weiß Robert Graf, der Leiter des Amtes für Abfallwirtschaft. "Von 53 000 Tonnen Abfallaufkommen pro Jahr im Landkreis werden etwa 35 500 Tonnen wiederverwendet oder zur Herstellung anderer Produkte eingesetzt." Dass 67 Prozent der enthaltenen Wertstoffe dem "Wirtschaftskreislauf" des Landkreises zugeführt werden, sei mehr als die EU vorschreibe.

Nutzen aus dieser Einrichtung aber zieht vor allem die Umwelt. "Es können große Mengen Braunkohle durch thermische Verwertung des Restmülls eingespart werden", weiß der Experte Graf und weist darauf hin, dass auch der Bund Naturschutz das Wertstoffhof-System befürwortet.

Dass vor allem Grün- und Gartenabfälle sowie Verpackungsmaterial in den letzten Jahren mehr geworden sind, hat zur Folge, dass der Landkreis gezwungen ist, die Abfallgebühren für die Haushalte zu erhöhen. Nach acht Jahren, in denen für eine 60-Liter-Tonne konstant 61,20 Euro erhoben wurden, werden für 2018 bis 2021 nun 99 Euro zu berappen sein. "Die Verwertungskosten sind gestiegen, die Erlöse für Wertstoffe aber gesunken", begründet Robert Graf diese Maßnahme. Die Schere sei leider auseinandergegangen, die Differenz müsse über Gebühren finanziert werden.

Wichtig ist dem Amt für Abfallwirtschaft, dass bei der Verwertung der verschiedenen Stoffe so weit wie möglich regionale Firmen berücksichtigt werden. Als Partner nennt Graf zum Beispiel die Firmen Bergler für Kunststoffe und Wittmann für Sperrmüll, Schmidt & Zweck für den Elektronikbereich und Veolia auf dem Laubberg für Grüngut.

Das Müllheizkraftwerk Schwandorf verwerte im Jahr 2017 etwa 12 600 Tonnen Restmüll aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach und erzeuge mit seiner Verbrennungsanlage Strom und Fernwärme für die Stadt und ihre Industriebetriebe. Im Einzelnen kann Robert Graf auflisten: Altmetalle, Schrott, Papier, Kartonagen und anderes werden in der Eisen-und Stahlerzeugung, in der Papierindustrie und in Spezialfirmen wiederverwendet, Kork zum Beispiel zu Bodenbelag verarbeitet. Fachfirmen sind am Recyceln von Elektro- und Elektronik-Altgeräten interessiert. Alu und Kunststoffe können wieder verwendet oder zu Granulat verarbeitet werden.

Grün- und Garten- und Bioabfall - 2016 waren das immerhin knapp 5000 Tonnen - geht an ein Biomasseheizkraftwerk zur Wärmegewinnung, und selbst 3500 Tonnen holzartiger Sperrmüll fielen in diesem Zeitraum für die Spanplattenindustrie an. (hka)

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