02.02.2018 - 12:48 Uhr
Hersbruck

Ein bayerischer KZ-Insasse wird in Italien seliggesprochen Teresio Olivelli ein italienischer Maximilian Kolbe

Der christliche Widerstandskämpfer Teresio Olivelli kam 1945 im KZ-Außenlager Hersbruck ums Leben. Am Samstag wird er als Märtyrer im italienischen Vigevano seliggesprochen. Mit dabei: eine Delegation aus Franken.

von Agentur KNAProfil

Geschlagen, beschimpft und verlacht ist Teresio Olivelli im Dezember 1944 bereits "ein Skelett, das mit Wunden und Geschwüren bedeckt ist". So berichten Überlebende von ihrem Mitgefangenen im KZ-Außenlager Hersbruck. Wenige Wochen später lassen ein Fußtritt in den Magen durch einen polnischen Kapo und brutale Prügel den 29-Jährigen zusammenbrechen. Olivelli hatte versucht, mit seinem Körper einen ukrainischen Häftling vor Schlägen zu schützen.

Noch im Sterben zeigt der italienische Widerstandskämpfer sein großes Herz: Er verschenkt seine Holzpantinen und Kleidung an einen frierenden Kameraden. Am 17. Januar 1945 endet sein Leben auf der Krankenstation mit einem Gebet auf den Lippen: "Beschütze, Herr, meine Lieben, die Freunde, die Kameraden im Kampf, die Feinde."

Am Samstag wird Kurienkardinal Angelo Amato, Präfekt der vatikanischen Heiligsprechungskongregation, Olivelli im Auftrag von Papst Franziskus in Vigevano in Norditalien seligsprechen: als Märtyrer für den Glauben und für die Nächstenliebe. 1989 war der Seligsprechungsprozess in Olivellis Heimatbistum Vigevano eröffnet worden. Das Erzbistum Bamberg, in dessen Gebiet Hersbruck liegt, hatte das Verfahren dorthin übertragen.

Rebell aus Liebe für die Wahrheit

Erzbischof Ludwig Schick sieht in dem künftigen Seligen einen "italienischen Maximilian Kolbe". Olivelli habe das Gebot der Nächstenliebe heroisch praktiziert und seine christliche Einstellung durch die Hingabe seines Lebens besiegelt. Seinen Widerstand gegen die Regierung Solo unter Mussolini, der mit Hitler paktierte, habe Olivelli als Rebellion gegen Unmenschlichkeit, Unchristlichkeit und Antikirchlichkeit definiert, so Schick. "Olivelli nannte sich selbst und seine Gefährten Rebellen aus Liebe für die Wahrheit in der Welt, für die Liebe zu jedem Menschen."

Auch für den Hersbrucker Pfarrer Wunnibald Forster ist der Märtyrer ein Vorbild: "gerade für die Jugend, weil er sich ohne Rücksicht auf seine Person für andere eingesetzt hat, weil er Widerstand gegen Rechtsradikale und gegen den Faschismus geleistet hat". Mit 22 Pfarrangehörigen sowie Bürgermeister Robert Ilg und Stadträten wird Forster nach Vigevano fahren.

Schon seit 1990 ist in Forsters Pfarrkirche eine Gedenktafel zur Erinnerung an den Märtyrer angebracht, gestiftet auch von Mitgliedern einer Organisation christlicher Partisanen aus Italien. Nun soll auch das Hersbrucker Caritas-Altenheim den Namen "Olivelli-Haus" bekommen.

Der promovierte Jurist lancierte in der Gegend um Brescia, Cremona und Mailand eine Untergrundzeitschrift mit dem Titel "Der Rebell". Sie diente als katholisch orientierte Partisaneninformation. Olivelli und seine Mitstreiter waren davon überzeugt, dass der Wiederaufbau Italiens ohne Wiederherstellung christlicher Werte nicht möglich sein könne.

1944 in KZ Flossenbürg

Am 27. April 1944 wurde er in Mailand festgenommen, ins Gefängnis gebracht und gefoltert. Aus dem Polizeilichen Durchgangslager Bozen gelangte er ins Konzentrationslager Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN), registriert als Häftling Nummer 21 680. Von dort wurde Olivelli am 30. September 1944 ins Außenlager Hersbruck überstellt.

Nach den Berichten von Mithäftlingen begegnete er Schikanen der Lager-SS mit Sanftmut. Seine ohnehin kargen Essensrationen teilte er mit seinen Leidensgenossen, bei Schlägen hielt er für andere den Buckel hin. Mangels eines Priesters übernahm er selbst die Seelsorge an den Geschundenen.

In einem seiner überlieferten Gebete heißt es: "Von den stürmischen Bergen, aus den Katakomben der Städte und aus den Tiefen der Kerker rufen wir Dich an, Herr: Lass den Frieden in uns sein, den nur Du geben kannst."

Außenlager Hersbruck des KZ Flossenbürg

In Hersbruck (Kreis Nürnberger Land) befand sich von Juli 1944 bis April 1945 das zweitgrößte Außenlager des KZ Flossenbürg. Das Lager umfasste Häftlingsbaracken und Funktionsgebäude. Es grenzte unmittelbar an ein öffentliches Bad an der Pegnitz. Bis zur Räumung des Lagers waren dort rund 9 000 Menschen aus 21 Nationen, darunter viele ungarische Juden, gefangen. Sie mussten im fünf Kilometer entfernten Happurg eine unterirdische Stollenanlage für die Rüstungsindustrie errichten. Bis zu 2500 KZ-Häftlinge pro Schicht verrichteten schwerste körperliche Arbeiten im Berg und beim Bau von Bahnlinien. Unfälle, Entkräftung, Hinrichtungen und die brutale Gewalt der SS-Männer und Lagerkapos forderten jeden Tag Dutzende Todesopfer.

Das Bauprojekt wurde nicht vollendet. Heute ist die Stollenanlage stark einsturzgefährdet und nicht zugänglich. Eine Aussichtsplattform mit Informationsstelen gehört zum Dokumentationsort Happurg. In Hersbruck selbst besteht der Dokumentationsort aus einem begehbaren trapezförmigen Bauwerk. Der Kubus stellt die individuellen Schicksale der Gefangenen in den Mittelpunkt. Auf einem Medientisch werden die Namen der Häftlinge projiziert. Ein Teil ist mit Biografien und historischen Informationen hinterlegt. Eine zweite Projektion kontrastiert die heutige Landschaft mit der Topographie des Außenlager-Komplexes Hersbruck.

Anfang der 1950er Jahre ließ die Stadt Hersbruck die Baracken abreißen. Heute befinden sich auf dem Gelände ein Finanzamt, Parkplätze, Sportanlagen sowie ein Thermalbad und eine Wohnsiedlung. (epd)

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