Gefährliches Spiel mit der Magersucht
Die Seele auf der Waage

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Vermischtes
Hirschau
28.12.2016
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Luisa ist 14. Und sie denkt, sie sei nichts wert. Sonst würden die anderen Kinder sie ja nicht hänseln. Also fängt sie eine Diät an - und hört erst nach drei Jahren auf, zu hungern. Da ist es fast zu spät.

Luisa verbietet sich zuerst Pizza und Süßigkeiten. Dann rennt sie andauernd auf die Waage. "Die Kinder im Dorf mögen mich nicht, weil ich so dick bin", denkt sie. Nach wenigen Monaten fliegt sie auf: Routine-Untersuchung beim Arzt. Luisa wiegt viel weniger als ihre Zwillingsschwester Teresa. Die Eltern reden ihr ins Gewissen, aber Luisa glaubt zu wissen, was sie tut. Sie wird gehänselt und bekommt dadurch das Gefühl, sie sei nichts wert. Sie glaubt, sie habe nichts Einzigartiges und Liebenswürdiges an sich, das sie von ihrer Schwester unterscheidet. Deshalb hört sie auf zu essen.

Obwohl sie von ihrem Standpunkt überzeugt ist, fängt sie an, nachzudenken. Sie merkt, wie oft sie sich tatsächlich wiegt. "Ich habe mir immer eingebildet, dass keiner sieht, wie dünn ich schon bin. Ich dachte, ich schaue ganz normal aus", sagt die 17-Jährige aus Weiher bei Hirschau heute. Dabei wiegt sie zur schlimmsten Zeit nur 43 Kilogramm. Und das bei einer Größe von 1,80 Metern. Ihre Finger sind lila, weil sie so friert. Sie hat dunkle Augenringe, ihre Fingernägel brechen. Die Haut ist trocken. "Ich hatte keine richtigen Haare mehr, die sind mir alle ausgefallen. Das waren nur noch Flusen."

Therapie: Fehlgeschlagen

Nach einem Jahr Hunger geht sie zu einer Therapeutin. "Ich war noch nicht bereit dafür." Sie versucht trotzdem, die Therapie zu machen. Aus schlechtem Gewissen. Und weil ihre Eltern sich immer mehr Sorgen um die sonst so lebensfrohe Tochter machen. "Ich war der Sonnenschein, hab alle mit meiner guten Laune angesteckt. Und plötzlich isolierte ich mich, war todunglücklich."

Luisa hungert weiter. Sie isst nur Gemüse - und davon auch fast nichts. Sie treibt Sport bis zur völligen Erschöpfung, geht vier Mal wöchentlich ins Fitnessstudio und macht jeden Tag einige Stunden Workout in ihrem Zimmer. Sie sitzt nicht mehr, steht den ganzen Tag. "Ich habe mich sonst zu aufgequollen und faul gefühlt." Sie nimmt Abführmittel, um noch mehr abzunehmen. "Ich habe den Hunger zwar schwer ausgehalten, aber ich habe mich auch nur mit ihm gut gefühlt. Ohne Hunger hatte ich sofort ein schlechtes Gewissen, ob ich nicht zu viel gegessen habe."

Im Juli 2015 geht sie das erste Mal in eine Klinik. "Aber ich war immer noch nicht bereit. Das schlechte Gewissen und die Verzweiflung meiner Eltern trieben mich." Die Gewissensbisse werden zu ihren ständigen Begleitern. Auch heute hat sie sie noch. "Die Situation damals war daheim so angespannt. Ich wusste nicht, wie ich das Unglück, das ich über die Familie gebracht habe, wieder gutmachen kann. Ich habe die unbeschwerte Kindheit meiner Schwester und meines kleinen Bruders zerstört."

Schummeln in der Klinik

Nach fünf Wochen verlässt Luisa die Klinik. Und wiegt weniger als je zuvor. "Der Konkurrenzkampf in der Klinik war enorm. Es ging darum, wer isst weniger." Die Patienten haben täglich drei gemeinsame Mahlzeiten. Aber sie findet Wege, abzunehmen. "Ich schmierte die Butter unter den Tellerrand, damit es keiner bemerkt." Sie darf die Klinik verlassen wann sie will, muss sich nur in eine Liste eintragen. "Ich war ständig draußen, ging stundenlang spazieren, joggte." Die Therapie scheitert.

Wieder daheim, isoliert sie sich völlig. Sie ist nur noch beim Frühstück mit ihrer Familie zusammen. "Ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Ich dachte, ich würde nie bereit sein, was zu ändern." Luisa wird immer unglücklicher. Sie ist hoffnungslos, deprimiert, verletzt sich selbst. Und hat sogar Selbstmord-Gedanken. "Ich recherchierte im Internet, wie ich mich am schnellsten umbringen kann."

Luisa schläft während des Unterrichts oft ein, weil sie so entkräftet ist. "Das war für mich ein Schock. Ich liebe die Schule eigentlich." Ihre Depressionen werden schlimmer. Sie liegt nur noch im Bett. "Meine Mama sagte zu mir, sie hat Angst, dass ich den Kampf verliere und sterbe."

"Es tat mir so leid. Meine Eltern haben ihre Luisa vermisst. Die war ich aber nicht mehr." Nach dem Klinikaufenthalt geht sie wöchentlich zur Kinder- und Jugendpsychiatrie in Amberg. Die Ärzte dort versuchen, Luisas Krankheit mit Ernährungsplänen zu besiegen. "Aber das half nichts, das haben die in der Klinik auch versucht." Der Spezialist rät ihr zu einem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Bei den wöchentlichen Bluttests werden die Ergebnisse immer schlechter, vor allem Nieren- und Leberwerte sind besorgniserregend. Nach wochenlangem Drängen der Eltern stimmt sie dem Klinikaufenthalt zu. "Irgendwann habe ich weinend nachgegeben." Sie kommt nach Regensburg, beginnt im Dezember 2015 eine neue Therapie. Diesmal hat sie keinen Ausgang. Und sie kann beim Essen nicht schummeln. "Das hat mich geärgert, obwohl ich wusste, wie schlimm es um mich stand."

Ende Januar merkt sie, dass die Therapie wirkt. "Ich habe plötzlich realisiert, es gibt Hoffnung. Wenn ich will, kann ich mein Leben drehen und was draus machen." Während der Behandlung lernt sie, über ihre negativen Gedanken zu sprechen. Sie macht bei den Gruppenstunden mit. Kunst, Musik, Bewegungstherapie. "Ich habe rausgefunden, wer ich bin. Als die Magersucht begann, habe ich mich immer gefragt: Mag mich wer? Bin ich es überhaupt wert, da zu sein?"

Leben wieder unbeschwert

Auch der Abstand zu ihrer Familie hilft ihr. Sie wird selbstständiger. "Ich habe mein 'Ich' gefunden." Ab Januar darf sie an den Wochenenden nach Hause. "Es war ganz anders, wieder unbeschwert." Das erinnert sie, dass "das Leben schön ist". Luisa nimmt wieder zu. "Das war nicht leicht. Aber ich hatte einen Punkt erreicht, an dem mein Wille, gesund zu werden, größer war als die Angst." Sie fühlt sich gut, beginnt wieder, Sport zu machen. Aber nicht, um abzunehmen, sondern weil es ihr Spaß macht. "Ich habe gesehen, dass ich leistungsfähig bin." Das bestärkt sie. Am 11. März 2016 wird sie schließlich entlassen. "Anfangs war es schwer. Aber die Versuchung war nicht so groß, wie ich dachte. Und meine Familie ist eine riesige Hilfe."

Luisa muss mit der Krankheit leben. Es geht ihr zwar gut, aber es gibt keine hundertprozentige Heilung. "Die negativen Gedanken bedrohen mich nicht mehr. Ich habe sie jeden Tag, aber ich schaffe es, sie wegzuwischen."

Luisa hat sich vorgenommen, nicht mehr abzurutschen. Sie bezeichnet die Krankheit als dunklen Teil ihres Lebens. Aber sie hat auch viel daraus gelernt. "Ich bin durch die Hölle gegangen und kam gestärkt daraus hervor. Ich kenne mich besser, schaffe es, individueller zu sein und habe ein größeres Selbstbewusstsein."

"Keinen Bissen mehr"Luisa Schwab schrieb Tagebuch über ihre Erkrankung. "Ich bin so dankbar, dass mich niemand aufgegeben hat. Das will ich zurückgeben", sagt die 17-Jährige aus Weiher bei Hirschau. Das autobiographische Werk veröffentlichte sie unter dem Titel "Keinen Bissen mehr - Das Spiel mit dem Hungertod" .

"Ich will, dass möglichst viele Leute meine Geschichte lesen. Die Gesellschaft soll toleranter werden." Magersüchtige hätten oft mit Vorurteilen zu kämpfen: "Ich eifere keinen Models nach. Magersucht ist eine Krankheit, die zeigt, dass es der Seele nicht gut geht." Das Buch ist zum Preis von 11,95 Euro bei Amazon erhältlich. Die Kindle-Edition gibt es für 4,99 Euro. (tsa)


Meine Mama sagte zu mir, sie hat Angst, dass ich den Kampf verliere und sterbe.Luisa Schwab


Ich habe den Hunger zwar schwer ausgehalten, aber ich habe mich auch nur mit ihm gut gefühlt.Luisa Schwab

Auszüge aus dem Buch

"Heutzutage ist es den meisten Menschen egal, wie es dir geht. Hauptsache du funktionierst."

Ich war ein ganz normales junges Mädchen, habe noch einen jüngeren Bruder und eine Zwillingsschwester. Meine Familie und ich leben in einem kleinen Dorf etwas abseits in einem neu gebauten Haus mit schönem Garten. Von außen betrachtet waren wir eine perfekte Familie und es gab auch kaum Streitereien oder Probleme. Meine Schwester und ich verstehen uns blind und sind ununterbrochen zusammen. Wir wurden von allen Lehrern gemocht und auch die Mädchenschule, auf die wir gingen, bereitete uns keine Schwierigkeiten. Besser kann es nicht laufen. Meint man.

Ich glaube, dass sich all die Jahre in mir etwas aufgestaut hatte, was ich selbst nicht ganz in Worte fassen kann. Ich war früher immer ein sehr lebensfrohes Mädchen, das gute Laune verbreitet hat. Ich war der Sonnenschein der Familie, da ich nie schlecht drauf war und immer ein Lächeln auf den Lippen hatte. Meine Schwester und ich wurden unser Leben lang sehr stark verglichen, weil wir uns sehr ähnlich sehen und auch sehr lange jeden einzelnen Tag die gleichen Sachen trugen. Wir wurden immer als Doppelpack angesehen und Namensverwechslung war für uns Alltag. Solche Sprüche wie: "Ist ja egal, wie ich euch nenne, ihr seht ja eh gleich aus." oder "Zwilling 1 und Zwilling 2 kommt mal her!", hinterließen bei mir schon bleibende Spuren. Man hatte nie etwas, was den anderen ausgemacht oder unterschieden hat. Man hatte nie etwas, was man alleine gemacht hat....

"Es ist schwer, alles richtig zu machen, aber leicht, alles falsch zu machen."

Die Krankheit schlich sich so im Laufe der Jahre immer mehr ein. Es lag wahrscheinlich auch an meiner Verletzbarkeit und Sensibilität. Man konnte mich schon immer mit Worten oder Gestik/Mimik kränken, da ich alles gleich negativ auf mich projizierte. Ich hörte nur darauf, was andere sagten, anstatt auf das zu hören, was ich fühlte, dacht und wollte. Vieles an mir fanden andere komisch und ich dann später auch. Wie sollte ich so Selbstbewusstsein ausstrahlen? Ich akzeptierte mich nicht einmal selbst, weil ich auch gar nicht wusste, wer ich war. Was machte mich aus? Was mochte ich und was nicht? Was waren meine Vorlieben? Das musste ich alles noch herausfinden. Ich war eine leere Hülle von Mensch, die sich nicht selbst erkannte, wenn ich in den Spiegel sah. Nach einiger Zeit fing ich zunehmend an, mich selbst kritisch zu betrachten und hässlich zu finden. Ich wurde immer unzufriedener mit mir selbst. Der Anfang eines Teufelskreises...
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