22.12.2017 - 10:46 Uhr
HohenburgOberpfalz

Daniel Reiser leidet an Mukoviszidose und wartet auf ein Spender-Organ Der Tod kann ruhig noch länger warten

Wenn Daniel Reiser zu Hause ist - und das ist er oft - trägt er gerne Kapuzenpulli und Baseball- Cap. Aber keine Uhr. Zeit hat für den 32-Jährigen eine andere Bedeutung. Er leidet an Mukoviszidose und wartet auf eine Spender-Lunge. Jeder Tag könnte sein letzter sein. Doch der Hohenburger nimmt den Kampf an. Es ist die Geschichte eines Mutmachers.

René Oertel (rechts) hat Daniel Reiser mit seiner Partnerin Angelina Barth in Weiden fotografiert. Der Mukoviszidose-Patient trägt, wie sonst auch, sein Sauerstoffgerät. Angelina gibt ihm eine Schweinelunge. Die junge Frau symbolisiert die Organspenderin. Mukoviszidose ist eine seltene, vererbte Stoffwechselerkrankung. Bei Betroffenen verstopft zähflüssiger Schleim Organe und bildet einen Nährboden für Keime. Zu den Symptomen gehören Husten, Lungenentzündungen, Untergewicht und Verdauungsprobleme.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Wären da nicht die beiden transparenten Schläuche, die sich aus seiner Nase schlängeln und zu einem Sauerstofftank führen, man würde Daniel Reiser seine unheilbare, genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung nicht ansehen: Augen, aus denen Lebensfreunde spricht, ein Lächeln, das auf eine gesunde Portion Humor schließen lässt, und eine Ausstrahlung, die das Wort Charisma verdient. Obwohl er ohne Transplantation dem Tod geweiht ist, hat Daniel Reiser immer einen lockeren Spruch auf den Lippen: "Du meinst das Mistvieh?" zum Beispiel, als von der Sauerstoffversorgung die Rede ist, an die der gelernte Einzelhandelskaufmann rund um die Uhr angeschlossen sein muss. Denn sein Lungenvolumen liegt nur bei etwa 20 Prozent. An guten Tagen.

Mit jedem Jahr und mit jedem Infekt, den sich Daniel Reiser einfängt, sinkt dieser Wert. Es gab Zeiten, während der Ausbildung im Kümmersbrucker Autohaus Kolk beispielsweise, in dem der Hohenburger elf Jahre lang arbeitete, da waren es noch über 50 Prozent: "Da bin ich auch noch dreimal in der Woche ins Fitnessstudio gegangen." Das geht mittlerweile nicht mehr. Kurze Spaziergänge mit Freundin Angelina, mit der er seit etwas mehr als einem Jahr zusammen ist, und Arzt-Termine, zu denen ihn sein Vater fährt, sind die Ausnahmen. Ansonsten verlässt der 32-Jährige kaum noch das Elternhaus, in dem er trotz der kurz nach der Geburt erhaltenen Schock-Diagnose eine glückliche Kindheit und Jugend verbracht hat. "Ich habe immer Spaß gehabt, wie alle anderen auch. Meine Mutter hat immer geschaut, dass es mir gut geht." Sie habe nie etwas beschönigt und ihren Sohn früh darauf vorbereitet, dass nach jedem Schritt, den er in seiner Entwicklung nach vorne macht, zwei folgen, die ihn wieder zurückwerfen. So wurde er schon als Kind, das von den ersten vier Lebensjahren zweieinhalb im Krankenhaus verbrachte und dem Ärzte eine Lebenserwartung von 17 oder 18 Jahren prophezeiten, zum Kämpfer: "Ich bin immer herumgerannt und immer gekraxelt. Meine Mutter war immer bemüht, dass ich in Bewegung bin."

Mutter stirbt mit 57

Die Betonung liegt auf war. Heuer verlor Jutta Reiser ihren Kampf gegen den Krebs. Mit nur 57 Jahren. Für Sohn Daniel ein schwerer Schlag, der aber nur noch stärker macht: "Mit 18 Jahren war mein Ziel, dass ich mit 30 noch am Leben bin. Jetzt bin ich 32. Und wenn ich das schaffe, dann kann ich auch 40 werden." Doch der Hohenburger, der seit zweieinhalb Jahren auf eine Spender-Lunge wartet, kennt auch wesentlich nachdenklichere Töne und ist Realist: "Ich gehe davon aus, dass ich keine 60 werde."

Wie lange sein kaputtes Organ noch hält, weiß Daniel Reiser nicht: "Vielleicht ein Vierteljahr. Ein halbes. Zwei Jahre. Keine Ahnung. Zehn Jahre aber wahrscheinlich nicht." Dass seine Mutter vor ihm gestorben ist, schmerzt Daniel sehr. Doch es lässt ihn auch positiv in die Zukunft blicken: "Wenn ich jetzt sterbe, dann ist sie schon da. Sie hat gesagt, sie wartet auf mich." Angst vor dem Sterben hat Daniel Reiser trotzdem: "Ja, ich habe Schiss, weil ich mein Leben trotz der Krankheit cool finde. Ich habe viel Spaß am Leben. Eine super Familie. Super Freunde. Super Freundin." Und die heißt Angelina, ist 25 Jahre alt und quasi vom Fach. Als Krankenpflegerin weiß sie, was es heißt, fünfmal am Tag inhalieren, zweimal pro Woche zur Krankengymnastik zu müssen und mindestens 15 Tabletten pro Tag zu nehmen.

Keine Garantie

Wie groß die Chance auf ein Spender-Organ ist, kann der 32-Jährige nur schwer einschätzen: "Da wird man bewertet. Mein Punkte-Score liegt bei 38. Ab 40 wird relativ häufig transplantiert." Doch eine Garantie gibt es selbst bei 100 nicht. "Da muss viel passen." Die Größe des Organs zum Beispiel. Oder die Blutgruppe. Daniel Reiser, der in einer Donaustaufer Spezialklinik behandelt wird und für eine Lungen-Verpflanzung nach Großhadern bei München müsste, sieht es so: "Wenn es passieren soll, kriege ich eine neue Lunge."

Gedanken über den Tod

Und unweigerlich sind sie wieder da, die Gedanken an einen frühen Tod: "Ich habe da nur einen Wunsch. Wenn ich abfalle, dann sollte es relativ schnell gehen. Ich möchte nicht dahinvegetieren." Im Normalfall sterben Mukoviszidose-Patienten eher einen qualvollen Tod. Sie ersticken: "Mit anderen Worten: Du hustest und hustest und kriegst irgendwann keine Luft mehr." Doch diese Gedanken schiebt der Hohenburger schnell beiseite und erzählt lieber von seinem Fotoshooting, mit dem er Werbung für die Organspende macht. Freundin Angelina belegt die Motivation mit Zahlen: "2016 gab es bundesweit 857 Organ-Transplantationen." Bei mehr als 10 000 Kindern, Frauen und Männern auf der Warteliste. Warten. Das hat Daniel Reiser gelernt. "Geht ja auch nicht anders", sagt der junge Mann und schiebt seinen Ärmel etwas nach oben. Zu sehen sind seine Tätowierungen. Körperkunst als Teil einer selbst verordneten Therapie. "Wenn du die Schmerzen spürst, merkst du, dass du lebst", sagt der 32-Jährige und zeigt eine unter die Haut gestochene Uhr. Sie steht auf 11.55 Uhr und dokumentiert, wie ernst die Lage ist: Es ist fünf vor Zwölf. Doch das war es auch gestern schon. Und das wird es zumindest auch morgen noch sein.

Die Zeit hat für Daniel Reiser eben tatsächlich eine andere Bedeutung.

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