18.05.2018 - 10:00 Uhr
GebenbachOberpfalz

Hochschulbesuch bei Glashütte in Atzmannsricht Hightech trifft Handwerk

In Atzmannsricht treffen sich zwei Fossile ihrer Branche: Armin Lenhart, einer von nur sechs Glasprofessoren in Deutschland und Xaver Hofmeister, einer von etwa 40 verbliebenen selbstständigen Glasmachern. Wenn die beiden zusammenarbeiten, entstehen Zukunftprojekte.

von Christian LinglProfil

"Xaver und sein Kollege sind mir in ihrer Werkstatt im Gropiusbau in Amberg damals sofort aufgefallen." Professor Armin Lenhart lernte Xaver Hofmeister vor mehr als 30 Jahren kennen, als dieser noch bei Rosenthal in der Amberger Glashütte beschäftigt war. Lenhart ist einer von nur sechs "Glasprofessoren" in Deutschland. Auch Hofmeister hat als Glasmacher nur noch wenige Kollegen in Deutschland, nämlich in etwa 40. Seit dieser Begegnung arbeiten der Professor und der Glasmacher eng zusammen.

Lenhart hat den Lehrstuhl für Glastechnologie an der Fakultät für Werkstofftechnologie der Georg-Simon- Ohm-Hochschule in Nürnberg inne. Er lässt es sich aber nicht nehmen, mit seinen Studenten seinen alten Weggefährten Hofmeister an dessen jetziger Wirkungsstätte in Atzmannsricht zu besuchen. Das Treffen findet im Rahmen der Glaswoche statt - eine Woche, in der die angehenden Doktoren, Master und Bachelor in der Praxis erleben können, was sie ansonsten nur aus dem Hörsaal oder dem Labor kennen.

Vom Meister lernen

Bevor die Studierenden selbst an den Schmelzofen treten, um dort eigene praktische Erfahrungen mit dem Werkstoff Glas zu sammeln, geben erst einmal Xaver Hofmeister, der in der sechsten Generation dem Glasmacherhandwerk nachgeht, und sein Sohn Sebastian einen Einblick in ihr Können. Sie fertigen eine Skulptur für die Kollektion eines spanischen Künstlers. Die sechs Studenten schauen ihnen dabei genau über die Schulter. Schließlich gilt auch für sie der Spruch: "Beim Meister zuschauen heißt vom Meister lernen"

Hier in der Hütte in Atzmannsricht, die sich Hofmeister in einer aufgelassenen Möbelfabrik aufgebaut hat, treffen an diesem Abend Hightech und Handwerk, Wissenschaft und Kunst aufeinander. Die beiden Hofmeisters sowie die Glasmacherin Carolin Schwan arbeiten von Zeit zu Zeit als Gastdozenten an der Nürnberger Hochschule. Dabei vermitteln sie den Nachwuchsakademikern den praktischen Bezug zu diesem Werkstoff. Im Gegenzug entwickeln die Studierenden in ihren Laboratorien neue Glasmischungen für die Hofmeisters. "Diese Art von Praxisbezug ist höchst selten, aber im höchsten Maße wertvoll", sagt dazu Nico Karsdorf, einer der Studenten. Er und seine Kommilitonen haben im Studium sechs Werkstoffschwerpunkte, "bestenfalls in der Metallurgie ist ein ähnlicher Praxisbezug vorhanden." Hierfür seien die Studierenden ihren Professoren sehr dankbar.

Aber noch immer stehen die sechs nicht am Ofen. Um an der mehr als 1000 Grad Celsius heißen Schmelze arbeiten zu können, steht zunächst noch eine Stärkung auf dem Programm. Hofmeister Junior hat hierfür ein Schmankerl vorbereitet. Der Glasmacherbraten wird in Gemüse und Gewürzen eingelegt und dann für mehrere Stunden im Abkühlofen gegart. Dieser Abkühlofen hat immer noch eine Temperatur von 350 Grad und sorgt im Normalfall dafür, dass der fragile Werkstoff beim Abkühlen seine Spannung verliert.

Kein Stück des Bratens ist übriggeblieben. In lockerer Runde wird noch die eine oder andere Lobesrede auf den scheidenden Professor gehalten. Auch einen eigenen Trinkspruch haben sich die sechs Jungs ausgedacht. "74-16-10- zum Glasmacherstammtisch sollst du gehen!" 74 Prozent Silicium, 16 Prozent Natriumoxid und 10 Prozent Kalziumoxid - das ist die Grundzusammensetzung von Glas.

Nach der Stärkung legen die Studenten nun endlich Hand an. Natürlich unter Aufsicht von Hofmeister und Schwan. Sehr schnell erkennen die Hochschüler, dass die Arbeit mit dem zähflüssigen, heißen Material vielerlei Anforderungen an sie stellt. Da wollen sie ein rundes Gefäß formen, aber schon ist die Schmelze erstarrt und das Teil ist oval, weil sie die Pfeife zu langsam gedreht haben. Aber dafür stehen ihnen ja die Profis an der Seite. Dass Glas mehr ist als ein Alltagsgegenstand, erklärt Professor Markus Hornfleck. Auch er ist mit der Gruppe nach Atzmannsricht angereist. Hornfleck ist Spezialist für Nanotechnologie. Dieser Begriff ist seit einigen Jahren in aller Munde. Der Wissenschaftler erklärt beispielsweise, dass Goldrubinglas diesen Nanoeffekt schon vor hunderten von Jahren aufwies, "das wusste nur damals noch niemand".

Gewebezellen auf Glas

Luca Fürst, der für den Studiengang sogar von München nach Nürnberg zog, arbeitet unter Professor Lenhart an einem Forschungsprojekt für die Medizintechnik, bei dem auf sogenannten Bioglas künftig Gewebezellen gezüchtet werden sollen. "Dabei ist die Glaszusammensetzung jedoch nicht 74-16-10, denn dieses Glas soll sich ja im Körper auflösen und nicht Jahrtausende überdauern."

Ohne das Wissen des alten Glasmacherhandwerks wäre solche Hochtechnologie nicht möglich und umgekehrt benötigt auch das Kunsthandwerk neue Erkenntnisse aus der Forschung. Daher werden sich Handwerk und Wissenschaft noch häufiger treffen - sehr wahrscheinlich auch in Atzmannsricht.

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