18.05.2018 - 14:10 Uhr
HahnbachOberpfalz

Wo der Storch das ganze Jahr über bleibt Lieber in Hahnbach als im Süden

Generationen von Kindern wurde erzählt, dass der Storch die Babys bringt. Mit einem Bündel im Schnabel hat aber den großen Vogel noch niemand gesehen, auch nicht in der Marktgemeinde Hahnbach. Dort bewohnt der Storch seit zig Jahren das Amberger Tor. In den Süden zieht es ihn schon lang nicht mehr.

Hoch auf dem Amberger Tor nisten seit bald hundert Jahren Weißstörche in Hahnbach
von Helga KammProfil

Hans Iberer und seine Frau Veronika haben in ihrem Haus an der Hauptstraße eine kleine Terrasse mit direktem Blick auf das Amberger Tor. Von dort aus können sie die Hahnbacher Störche im Horst beobachten und fotografieren. Sie freuen sich an deren munterem Treiben und sorgen sich, wenn die Brut gefährdet ist. Iberer ist der "Kümmerer", wurde schon vor 15 Jahren vom Bund Naturschutz zum Storchenbeauftragten in Hahnbach ernannt.

"Die Alten sagen: So lang ich bin, sind die Störche da", zitiert Hans Iberer. Von 1926 ist da die Rede, also seit bald 100 Jahren nisten die Vögel auf dem Amberger Tor. Generationen von Störchen haben den Sommer in Hahnbach verbracht und den Winter in Afrika. Die lange und gefährliche Reise von bis zu 20 000 Flug-Kilometern im Jahr haben viele nicht überlebt. Iberer weiß: "In den 1970er-Jahren gab es bayernweit noch etwa 60 Storchenpaare, jetzt sind es wieder an die 200." Dass der Landesbund für Vogelschutz das Artenhilfsprogramm zur Rettung des Weißstorchs einstellen konnte, ist eine Erfolgsmeldung: Der Weißstorch ist wieder daheim in Bayern.

Ein Storch im Winter

Als horsttreu gelten sie alle. Die Störche aber, die seit einigen Jahren auf dem Amberger Tor in Hahnbach wohnen, wollen den Markt gar nicht mehr verlassen. Ortsfremde, die mitten im Winter einen Storch im Horst stehen sehen, sind entsetzt: "Das arme Tier hat den Abflug in den Süden verpasst!" Nein, sagt Hans Iberer, das Zugverhalten habe sich geändert: "Immer mehr Störche bleiben auch im Winter in ihren Sommerstandorten. Sie finden Futter auf frostfreien Wiesen oder Müllplätzen." Vielfach handelt es sich dabei um ausgewilderte oder in Gefangenschaft gezüchtete Vögel. Wie die jetzigen Bewohner des Amberger Tores: Sie haben Ringe an ihren roten Beinen.

Die Hahnbacher wissen, dass sich ihre Störche auch zur Winterzeit in den Wiesen rund um Kümmersbuch aufhalten oder in den Müll- und Kompostanlagen auf dem Laubberg Nahrung wie Würmer, Schnecken und Mäuse suchen. Aber wenn Mitte März das Männchen beginnt, das Nest herzurichten und nach seinem bisherigen oder einem neuen Weibchen Ausschau zu halten, dann macht die Nachricht die Runde: "Die Störche sind da." Spannend wird es für Iberer, wenn die Frühlingsboten Anfang April Eier legen. Drei bis fünf Eier sind dann im Nest, werden 32 Tage lang bebrütet, abwechselnd von beiden Störchen. Sind die Jungen geschlüpft, werden sie von den Eltern gefüttert, beginnen nach zehn Wochen mit den ersten Flugübungen. Noch weitere zwei bis drei Wochen werden sie aber von den Alttieren mit Nahrung versorgt.

Nicht nur der Storchenbeauftragte, auch die meisten anderen Hahnbacher schauen dann hinauf zum Horst am Amberger Tor: "Wie viele sind es denn heuer?" Freud und Leid liegen da oft nah beieinander. 2016 und 2017 wuchsen jeweils drei Küken zu kräftigen Jungvögeln heran, die beim Marktfest im Juli zur Freude der Besucher eifrig zwischen Amberger Tor und Pfarrkirche hin- und herflogen. "Vier haben sie schon öfter durchgebracht", weiß der Storchenbeauftragte, fünf allerdings seien selten.

Das Drama von 2013

Das Drama im Jahr 2013 ging allen nahe: Vier Jungvögel kamen durch Nässe und Unterkühlung um. Die Hahnbacher Storchenfreunde um Hans Iberer tun ihr Möglichstes. Noch im Herbst reinigen sie mit Unterstützung der Zimmerei Weiß in Kümmersbuch den Horst vom Kot der Jungvögel, der sonst im Winter zu einer dicken, schwer zu entfernenden Masse gefriert. "Wir füllen den Horst mit Hackschnitzeln auf, die wasserdurchlässig sind", erklärt Iberer die Schutzmaßnahme.

Seit 1. April wird wieder gebrütet auf dem Amberger Tor. Etwa acht Jahre ist es her, dass dasselbe Storchenpaar den Horst bewohnt, manchmal auch gegen Artgenossen verteidigen muss. Dann wird aus dem freundlichen Klappern der Störche ein heftiges, verbunden mit aufgeregtem Flügelschlagen. Wenn der Sommer zur Neige geht, beginnt die Reise in den Süden. In Hahnbach bleibt das alte Storchenpaar, die Jungen schließen sich mit anderen zusammen und fliegen mit warmen Aufwinden nach Afrika oder auf die iberische Halbinsel. Wer zeigt ihnen den Weg? "Niemand", sagt Iberer, "das haben sie in sich." Bis zur Geschlechtsreife bleiben die Jungen drei Jahre lang im Süden. Dann kommen sie zurück und suchen sich einen guten Platz für ihren Horst.

So lang ich bin, sind die Störche daHahnbacher Redensart

Hintergrund

Weißstörche sind etwa 80 bis 100 Zentimeter groß und haben eine Flügelspannweite von 200 bis 220 Zentimetern. Bis auf die schwarzen Schwungfedern ist das Federkleid rein weiß. Schnabel und Beine sind rötlich. Die Tiere haben ein Gewicht von etwa 2,5 bis 4,5 Kilogramm und können mehr als 35 Jahre alt werden. Der Weißstorch verständigt sich durch Klappern mit dem Schnabel, deshalb wird er auch Klapperstorch genannt. Geklappert wird zur Begrüßung des Partners am Nest, zur Verteidigung gegen Konkurrenten, aber auch beim Balzritual. (hka)

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