27.06.2017 - 17:40 Uhr
ImmenreuthOberpfalz

50 Jahre SOS-Kinderdorf in Immenreuth: Wenn Kinder wieder Kinder werden

50 Jahre ist es her, dass die ersten Kinder ins SOS-Kinderdorf Oberpfalz in Immenreuth gezogen sind. Über 800 von ihnen haben seitdem dort gelebt. Das Dorf bietet Kindern aus problematischen Verhältnissen die Möglichkeit, in einer Familie aufzuwachsen.

Ganz normales Familienleben: Fünf bis sechs Kinder leben mit ihrer Kinderdorfmutter in einem Haus im SOS-Kinderdorf in Immenreuth. Im Normalfall bleiben sie dort bis sie volljährig sind oder auf eigenen Beinen stehen können. Bilder: SOS-Kinderdorf/Geuter (2)
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Fragt man Holger Hassel, den Leiter des SOS-Kinderdorfs Oberpfalz, was die schönsten Momente bei seiner Arbeit sind, antwortet er: "Wenn die Kinder wieder Kind werden. Wenn sie rumspringen, scherzen oder Blödsinn machen." Viele Kinder, die zu ihm ins Dorf kommen seien "noterwachsen", vernünftig. "Sie kommen meist mit ganz traurigen Augen." Sie versuchen Verantwortung zu übernehmen, weil ihre Eltern es meist nicht können. Gründe dafür gibt es viele: Drogen, Missbrauch, Überforderung und vor allem "der verfluchte Alkohol".

"Die Kinder haben oft kein Vertrauen mehr in Erwachsene", betont Hassel. Seine Aufgabe und die seiner Mitarbeiter sei es, dies zu ändern. Sie wollen den Kindern die Geborgenheit einer Familie zurückgeben. Erste Ansprechpartnerin für die Kinder ist ihre Kinderdorfmutter. Sie bildet mit fünf bis sechs Kindern in einem Haus eine Familie. "Der Unterschied zu zum Beispiel Heimen oder Pflegefamilien ist, dass die Kinder bei uns in der Regel zehn bis 15 Jahre bleiben", betont Hassel. Das Kinderdorf sei keine Einrichtung für eine vorübergehende Unterbringung, sondern soll Kindern auf Dauer ein Zuhause geben. Ein weiterer Unterschied zu vielen anderen Einrichtungen: Geschwister können im Kinderdorf zusammenbleiben. "Wir hatten auch schon Familien, die komplett aus Geschwistern bestanden."

Ziel ist es, dass die Kinder, bis sie volljährig sind oder auf eigenen Beinen stehen können im Kinderdorf leben - in ihrer Kinderdorffamilie. "Dabei ist Kontinuität wichtig", betont Hassel. Die Mütter verpflichten sich normalerweise so lange zu bleiben, bis alle Kinder einer Generation, also die fünf bis sechs der von ihnen betreuten Familie, ausziehen. "Diese Verpflichtung ist zwar rechtlich nicht möglich, hat aber viel mit Moral zu tun", erklärt der Kinderdorfleiter. "Für die Frauen ist das mehr als nur ein Job." Hassel ist seit 2005 im Kinderdorf. In dieser Zeit hat er zwei Kinderdorfmütter erlebt, die vorzeitig abgebrochen haben.

24 Stunden da

Es werde allerdings immer schwieriger Frauen zu finden, die diese Aufgabe übernehmen wollen. Denn dabei handelt es sich um mehr als einen Vollzeitjob. "Die Kinderdorfmutter kümmert sich 24 Stunden am Tag um die Kinder." Deswegen sei es schwer, eine eigene Familie zu gründen. "Fast alle Frauen haben aber einen Partner. Der lebt mit im Dorf oder kommt regelmäßig vorbei. Er gehört mit zur Familie."

Häufig bewerben sich Frauen, die selbst keine Kinder haben, oder deren Nachwuchs bereits aus dem Haus ist, auf eine solche Stelle. Oft sind das keine ausgebildeten Erzieherinnen. "Wir haben Bankkauffrauen oder Verwaltungsangestellte", erzählt Hassel. Die Frauen würden dann im Kinderdorf eine Ausbildung durchlaufen, bevor sie eine eigene Familie übernehmen.

Einen Tag in der Woche hätten die Mütter zudem frei", erklärt Hassel. Er benutzt bewusst den Konjunktiv, denn "viele sammeln diese Tage und nehmen sie am Stück". Dazu kommen normale Urlaubstage. "Wir wollen, dass unsere Mütter die zehn bis fünfzehn Jahre schaffen", betont der Kinderdorfleiter. Viele Kinder seien aufgrund ihrer Vergangenheit eine Herausforderung, deswegen bräuchten die Frauen Regenerationsphasen.

Trotzdem: "Das sind richtige Mütter", betont Hassel, wie ernst die Frauen ihre Aufgabe nehmen. Seit der Gründung haben bisher 42 Mütter im Dorf gelebt. Viele würden ihre Kinderdorfkinder mit in den Urlaub nehmen - vor allem die jüngeren - oder gar mit der ganzen Familie verreisen. Sind die Mütter nicht da, übernimmt eine Erzieherin ihre Aufgaben. Ein bis zwei von ihnen stehen der Kinderdorfmutter auch im regulären Alltag zur Seite. "Für die Kinder ist es am Anfang schwierig, wenn ihre Kinderdorfmutter ein paar Tage wegfährt, sie gewöhnen sich aber schnell daran."

Wie in anderen Familien

Das Leben in den Kinderdorffamilien unterscheidet sich aber kaum von dem anderer Familien. Die Kinder gehen zur Schule oder treffen sich mit Freunden. "Die Kinder tun sich - aufgrund ihrer Geschichte nur manchmal schwer Kontakte zu anderen zu knüpfen", erklärt Hassel. Falls nötig stehen Therapie- oder Fördertermine auf dem Tagesplan - und Besuche der leiblichen Eltern, "solange das die Kinder nicht belastet". Das Kinderdorf ist auf die Kooperation mit den leiblichen Eltern angewiesen - auch wenn das nicht immer einfach ist. "Wir haben auch nur die tatsächliche Personensorge über die Kinder", erklärt Hassel. Das heißt die Kinderdorfmutter darf zum Beispiel schlechte Noten unterschreiben.

Angelegenheiten mit weitreichenden Konsequenzen, wie die Einverständniserklärung zu einer Operation oder Psychotherapie, müssen die leiblichen Eltern oder das Jugendamt genehmigen. "Wir wollen nicht in Konkurrenz mit den leiblichen Eltern treten", betont der Kinderdorfleiter. Aber: "Wenn die Kinder irgendwann sagen, sie haben zwei Mütter, dann haben wir alles richtig gemacht."

Geschichte und Jubiläum

Das SOS-Kinderdorf Oberpfalz in Immenreuth ist eines von 16 Dörfern in Deutschland. 1967 zogen dort die ersten Kinder ein. Möglich machten den Bau des Dorfes die Fabrikantenfamilie Trassl/Dr. Sieber.

Sie spendete ein circa 20 000 Quadratmeter großes Grundstück zum Bau des SOS-Kinderdorfes Oberpfalz. Seitdem lebten dort über 800 Kinder stationär oder teilstationär. Neben den einzelnen Häusern mit klassischen Kinderdorffamilien - aktuell sind es acht, ab Herbst neun - bietet das Dorf auch Platz für drei Wohn- und zwei Tagesgruppen. Weltweit gibt es 571 SOS-Kinderdörfer in 135 Ländern. Das erste SOS-Kinderdorf gründete Hermann Gmeiner 1949 in Imst in Tirol/Österreich. Sein Ziel: Verlassenen Kindern und Kriegswaisen ein neues Zuhause geben. Mittlerweile wohnen in den SOS-Kinderdörfern vor allem Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen.

Sein Jubiläum feiert das SOS-Kinderdorf Oberpfalz am Samstag, 1. Juli, mit einem bunten Programm für Kinder und Erwachsene. Beginn ist um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst. (ehi)

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