03.02.2017 - 15:44 Uhr
IrchenriethOberpfalz

Abmahnung der Wettbewerbszentrale Semmeln nur noch stundenweise

Nach drei Stunden ist Schluss - zumindest am Sonntag. Wer dann im Backhaus Kutzer noch eine unbelegte Semmel oder einen Laib Brot für daheim kaufen will, hat Pech gehabt. Grund dafür: das Gesetz und eine Abmahnung der Wettbewerbszentrale.

Ein Plakat an der Eingangstür informiert die Kutzer-Kunden, warum sie am Sonntagnachmittag keine Semmeln mehr kaufen können. Bild: Schönberger
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Ein Plakat an der Tür der Kutzer-Filiale informiert: "Uns wurde leider untersagt, am Sonntagnachmittag Brot und Brötchen zu verkaufen, auch wenn wir diese noch vom Vormittagsverkauf vorrätig haben." Grund für das Schreiben ist eine Abmahnung der Wettbewerbszentrale in München. Ein anonymer Einkäufer war in Irchenrieth und hat an einem Sonntag mehrmals Gebäck gekauft - zwischen den Einkäufen lagen mehr als drei Stunden. Und das ist per Gesetz verboten.

Laut einer Verordnung des Landratsamts Neustadt aus dem Jahr 2009 dürfen "Verkaufsstellen von Betrieben, die Bäcker- oder Konditorenwaren herstellen" an Sonn- und Feiertagen für drei Stunden öffnen, erklärt Pressesprecherin Claudia Prößl. Bei Bäckereien, die gleichzeitig Café sind, greift die Öffnungszeiten-Regelung nicht. Sie dürfen jedoch nach drei Stunden nur noch Speisen verkaufen, die für den Vorortverzehr geeignet sind. Also keine blanken Semmeln oder Brotlaibe für Zuhause, sondern Kuchen, Torten und belegte Butterbrezen. Den Verkaufszeitraum dürfen sich die Filialen selbst aussuchen. Die drei Stunden dürfen im Zeitraum zwischen 8 und 17 Uhr aber nicht in der Zeit des Hauptgottesdienstes liegen.

Aggressive Kunden

"Wir haben in Irchenrieth von 7.30 bis 17 Uhr geöffnet. Um 10.30 Uhr räumen wir die Backwaren aus der Theke", erklärt Geschäftsführer Patrick Kutzer. Er reagiert mit Unverständnis. "Diese Regelung ist mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar." Er verstehe nicht, wem damit geholfen werden soll. So würden die Verkäufer trotzdem arbeiten, da das Café über diese drei Stunden hinaus geöffnet habe. Auch die Kunden reagieren verärgert. Kutzer: "Die denken, das kommt von uns und werden den Verkäufern gegenüber aggressiv." Die Regel wird nun in allen Kutzer-Filialen penibel umgesetzt. "Das macht es uns unmöglich, kundenorientiert zu handeln", bedauert Kutzer. Früher habe eine Verkäuferin auch die Tür noch einmal aufgesperrt, wenn ein Kunde kurz nach Ladenschluss davorstand. Wer jetzt um 10.32 Uhr den Laden betrete, bekäme keine Brote und Semmeln mehr. "Die Strafen, die uns drohen, sind empfindlich. Das geht bis zu 10 000 Euro."

Ähnliche Erfahrungen mit der Wettbewerbszentrale hat die Bäckerei Brunner gemacht. "Wir wurden bereits 2014 abgemahnt und halten uns seitdem konsequent an die Gesetze", sagt Verkaufsleiterin Petra Zimmert. Außerhalb des Drei-Stunden-Verkaufsfensters für Backwaren erhielten Brunner-Kunden sonntags in allen Filialen nur noch Speisen zum Mitnehmen, die auch im Café verzehrt werden können - zum Beispiel Kuchenstücke. Auch bei Brunner gebe es deswegen regelmäßig Kundenbeschwerden. Zimmert ärgert sich zudem, dass sich viele andere Bäckereien nicht an das Gesetz halten. "Ich finde es nicht fair, dass es an jeder Ecke Backwaren gibt, außer in den Bäckereien", kritisiert sie, dass Tankstellen zum Beispiel den gesamten Sonntag Semmeln verkaufen.

Nur Reisebedarf

Dabei gilt das Gesetz eigentlich auch für Tankstellen. "Die dürfen sonntags eigentlich nur Reisebedarf verkaufen, werden aber wohl weniger kontrolliert", erläutert der Obermeister der Bäckerei-Innung Nordoberpfalz, Wolfgang Schmid aus Kulmain. Die Innung steht aber hinter der Drei-Stunden-Regel. "Würde das Gesetz gelockert, würden nicht nur Bäckereien länger öffnen, sondern auch die Supermärkte aufmachen. Zudem wäre der Verkauf am Sonntag gerade für viele kleinere Bäckereien nicht machbar - es fehlt das Personal.

Schmid sieht außerdem Probleme bei der Nachwuchssuche: "Wie soll ich einem Auszubildenden beibringen, dass er nicht nur unter der Woche, sondern auch am Sonntag in aller Früh aufstehen muss?" Schmid lässt seine Bäckerei am Sonntag geschlossen. "So lange das möglich ist, ist mir der Sonntag für meine Familie und Freizeit absolut wichtig."

Das macht es uns unmöglich, kundenorientiert zu handelnPatrick Kutzer, Geschäftsführer

Angemerkt: Nicht aufregen!

Von Eva-Maria Hinterberger

Ich bin ein Frühstücker – vor allem am Sonntag. Selbst gepresster Orangensaft, Eier und am besten ein Schokocroissant und frische Semmeln. Für letztere steh ich sogar eher auf und laufe zum Bäcker. Dabei ist es auch mir schon passiert, dass ich keine Semmeln und Brezen mehr bekommen habe. Hungrig und ärgerlich habe ich mich gefragt, was das soll und was mir um diese Uhrzeit ein Stück Sahnetorte bringen soll. Auf den ersten Blick erscheint diese Regelung tatsächlich sinnlos. Die Verkäuferinnen stehen schließlich eh hinter der Theke. Dachte ich mir so.
Beim genaueren Hinschauen wird aber klar, dass da auch noch die Bäcker sind. Die schon unter der Woche mitten in der Nacht aufstehen, damit wir vor der Arbeit frisches Gebäck bekommen. Deswegen sollten wir uns nicht über fehlende Semmeln am Frühstückstisch ärgern – Toast schmeckt schließlich auch. Lieber sollten wir die gemeinsamen Stunden mit unseren Lieben genießen – und diese auch allen Bäckern gönnen. Die stehen schließlich ab Montagfrüh wieder für uns in der Backstube.

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