10.04.2018 - 16:58 Uhr
Oberpfalz

Chronik des Ortes um 40 Seiten ergänzt Lebendes Geschichtsbuch

Josef Besold veröffentlicht 1989 eine Chronik über Weha. Darin schildert er unter anderem die Schlacht bei Kastl und die Geschichte von Wolframshof. Für jedes Haus im Ort gibt es eine Ausgabe des 322 Seiten umfassenden Rückblicks. Eine ist der Familie Walberer - Haus Nummer 3 - gewidmet. Und diese erhält nun weitere Seiten.

Ernst Walberer ist 92 und jung geblieben. Die Chronik von Weha hat er um 40 Seiten erweitert. Mit Leidenschaft erzählt er aus seinem Leben, das unverkennbar von Krieg und Gefangenschaft geprägt ist. Derzeit schreibt er seine Erinnerungen an diese Zeit nieder. Bild: bkr
von Bernhard KreuzerProfil

Weha. Eine Chronik lebt davon, fortgeschrieben zu werden. Ernst Walberer nahm sich die Zeit und ergänzte die für sein Anwesen bestimmte Ausgabe um weitere 40 Seiten. 40 Exemplare der so aktualisierten Ausgabe ließ er drucken. Vor drei Wochen hat sie der Verlag Bodner aus Pressath ausgeliefert.

Ein Exemplar hat der 92-Jährige fest für Tamara Makuschinskaja reserviert. Wenn alles klappt, wird er der heute 72-jährigen Deutschlehrerin, Solistin und ehemaligen Rektorin der Universität von Gomel im August die erweiterte Chronik überreichen. Darin enthalten ist auch die Begegnung mit ihr auf dem Barbaraberg im Jahr 2012. Damals gestaltete sie dort mit ihrer Folkloregruppe eine Messe. Die Kollekte war eigentlich für krebskranke Kinder in Gomel, das etwas 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt liegt, bestimmt. Das Geld floss allerdings in die Sanierung des Klosters Speinshart, weshalb ihr Walberer 2000 Euro aus eigener Tasche mit auf den Rückweg gab.

Auf ein Bier nach Troglau

Nicht nur deshalb verbindet beide eine besondere Freundschaft. Makuschinskajas besonderer Wunsch ist es, nach sechs Jahren wieder mit Walberer ein Bier im Troglauer Hofcafé zu trinken. Die so seit 1995 bestehende Freundschaft soll so gefestigt werden.

Gomel ist heute mit rund 600 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt von Weißrussland. Diese Stadt lernte Walberer mit 19 Jahren jedoch von einer ganz anderen Seite kennen. Am 31. Juli 1944 geriet er in russische Gefangenschaft. 250 Kilometer musste er barfuß ins Zentrallager Bobruisk bei Brest marschieren. Als dieses zu eng wurde, kam er mit weiteren 600 deutschen Soldaten nach Gomel. Dort sollte er noch fünf Jahre in Gefangenschaft verbringen.

Die Stadt zählte damals nur noch 15 000 Einwohner. 140 000 waren es, bevor Bomben sie zerstörten. Zusammengepfercht in Pferdeställe ohne Ofen, mussten die Gefangenen hausen. Heute ist Walberer der noch einzig Überlebende dieses Lagers. Erschütternd sind seine Erzählungen über diese Zeit. Bis März 1945 starben 550 seiner Kameraden an Ruhr und Cholera. In Panzergräben wurden sie verscharrt.

Der Wehaer wollte das Massengrab unbedingt wieder sehen. Versuche über den Volksbund Deutscher Kriegsgräber schlugen fehl. Der Zufall half ihm 1992. Kinder aus Tschernobyl waren vier Wochen zur Erholung im Kemnather Land. Dort traf er die Dolmetscherin der Gruppe. Ihr erklärte er sein Anliegen. Ohne Einladung war es damals nicht möglich, das erforderliche Visum zu bekommen. Diese Einladung erhielt er von der Dolmetscherin. 1993 folgte der Flug nach Kiew.

Fünf Stunden dauerte die Fahrt nach Gomel. Einen freundlichen Empfang bereitete ihn der Bürgermeister. Bei dieser Gelegenheit machte er Bekanntschaft mit Kulturministerin Lydia Saikova. Sie war an seiner Lebensgeschichte interessiert und lud ihn ein Jahr später für vier Wochen auf ihre Datscha ein. Bei dem folgenden zweiten Besuch 1995 lernte er Makuschinskaja kennen. Seit dieser Zeit besteht zwischen beiden reger Kontakt.

Vergebliche Suche

Letztmals besuchte Walberer 2008 Weißrussland. Vergeblich waren seine Versuche, das Massengrab der deutschen Kriegsgefangenen zu finden. Dort, wo er es vermutete, stehen heute Häuser und eine Kirche. Den Aufbau des Gotteshauses förderte Walberer finanziell.

Der quirlige 92-Jährige ist ein lebendiges Lexikon. Etwas davon ist in der ergänzten Chronik von Weha enthalten. Er beschreibt dort unter anderem den Verkauf des Gutsbetriebs von Wolframshof mit seinen häufigen Besitzerwechseln und dem Selbstmord seines einstigen Besitzers Max Wolf von Lindenfels, der im November 1982 im Steinbruch Kühhübel 20 Meter in den Tod sprang. Walberer verrät darin auch, warum der verstorbene Altbundeskanzler Willy Brand den Anstoß zur Gründung des Reitclubs am Kulm gab.

In knappen Worten beschreibt der Senior auch, welche Umstände zum "Totenweg" bei Wolframshof führten. In den Schilderungen ist viel vom Schicksal aus der damaligen Zeit zu erfahren. Eine wichtige Aufgabe hat Walberer aber noch vor sich: seine Niederschrift über die Zeit seiner Gefangenschaft abzuschließen. Zehn Seiten sind fertig. Viele Seiten warten noch, beschrieben zu werden. Zunächst freut sich Walberer aber auf den Besuch von Makuschinskaja und auf das gemeinsame kühle Bier.

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