Alfons Ernstberger spricht über "Armut in Deutschland" und fordert zum Einsatz für die ...
Ethische Herausforderung für Gesellschaft

Lokales
Kastl
22.04.2013
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Die Diskussionen über die "neue Unterschicht" und "das abgehängte Prekariat" bestimmten die Debatten um das Thema Armut in Deutschland. Dabei lasse sich der Begriff "Armut" nicht eindeutig definieren, schickte Alfons Ernstberger seinem Vortrag über "Armut in Deutschland" in der Jahreshauptversammlung der KAB (wir berichteten) voraus.

Unter wirtschaftlichen Aspekten werde sie als Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen bezeichnet, erläuterte der Mitarbeiter des Weidener Jugendamtes. Generell werde zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Erste bedrohe die physische Existenz, also das Leben. Absolut arm seien laut Definition der Weltbank Menschen, die pro Tag weniger als einen US-Dollar zur Verfügung haben. In Wohlstandsgesellschaften sei meist von relativer Armut die Rede. Die Grenze beziehe sich hier auf statistische Durchschnittswerte, etwa das durchschnittliche Einkommen eines Landes.

Als schlimmste Form nannte der 55-Jährige die existenzielle Armut. Für die davon Betroffenen seien schon die einfachsten Lebensgrundlagen wie Nahrung und Trinkwasser knapp. International gelte als existenziell arm, wer ein verfügbares Einkommen von weniger als zwei US-Dollar pro Tag habe. Dagegen besage die soziale Armutsdefinition der EU aus dem Jahr 1985: Arm sind Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum hinnehmbar sind."

Grenze bei 952 Euro

Laut Ernstberger bezeichnet die Armutsrisikoquote den Anteil der Personen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung auskommen müssen. In Deutschland liege daher die Armutsrisikogrenze bei 952 Euro. Die Armutsgefährdung, die die EU nach einem Schwellenwert definiert hat, beträgt in der Bundesrepublik 11 426 Euro pro Person und Jahr.

Der Redner erläuterte die Bedeutung und die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens. Armut bedeutet demnach Mangel an elementaren Verwirklichungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten. Dazu gehört auch der Zugang zu einer ordentlichen Bildung und Erziehung. Benachteiligt werden hier besonders die unteren Schichten. Die Chance, dass ein Akademikerkind ein Gymnasium besucht, ist 6,9 mal so groß wie bei einem Facharbeiterkind und 18,5 mal so groß wie bei einem Kind aus einer einfachen Arbeiterfamilie.

Ursache von Armut ist laut Ernstberger im Wesentlichen die Überschuldung von Haushalten, meist ausgelöst durch Arbeitslosigkeit, ein zu niedriges Einkommen oder als Folge von Trennung und Scheidung. In Deutschland waren 2012 rund 6,59 Millionen Privatpersonen überschuldet. Wie groß die Ungleichverteilung in Deutschland ist, zeigt sich daran, dass das Vermögen in privater Hand 11,7 Billionen Euro betrug.
Eine Unicef-Studie listet einen sogenannten "Index der Entbehrungen" auf. Das sind Dinge, die einem Kind in einem wohlhabenden Land zur Verfügung stehen sollten: unter anderem drei Mahlzeiten am Tag (davon mindestens eine warme), täglich frisches Obst und Gemüse, artgerechtes Spielzeug im Freien und zu Hause, regelmäßige Freizeitaktivitäten, neue Kleidung und ein ruhiger Platz für Hausaufgaben. Wenn ein Kind mehrere dieser Dinge nicht hat, wertet dies die Unicef als Mangelsituation. In dieser werden in Deutschland 8,8 Prozent der Kinder groß. Demzufolge wachsen etwa 1,2 Millionen Mädchen und Buben in relativer Armut auf.

Nicht länger hinnehmen

Der Referent schloss mit der Forderung, dass die Politik Armut und Ausgrenzung bekämpfen müsse. Familien sollten im Mittelpunkt stehen. Wichtig sei, auch Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die bestehende ökonomische und soziale Ungleichheit dürfe so nicht hingenommen werden. Reichtum und Armut seien eine ethnische Herausforderung für die Parteien, Gewerkschaften, Verbände und die Kirche. Gerade die Christen seien besonders aufgerufen, das Gewissen ständig zu prüfen und sich für die Benachteiligten einzusetzen.

KAB-Vorsitzender Robert Steinkohl bedankte sich bei Ernstberger für den beeindruckenden und ausführlichen Vortrag.
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