Hinter den Kulissen bei Schweppermannspielen
In Klosterburg kehrt Leben ein

Lokales
Kastl
05.07.2013
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Konrad ist putzmunter, von Müdigkeit keine Spur. Vergnügt kräht der kleine Kerl und rudert mit seinen Armen. Mit knapp vier Monaten ist er der jüngste Akteur bei den Schweppermannspielen in Kastl. Eingehüllt im Tragetuch steht er mit Mama auf der Bühne - als Kind im Volk. Obwohl: Strenggenommen ist er der Zweitjüngste. Denn ein künftiger Erdenbürger ist schon mit dabei, obwohl er noch gar nicht auf der Welt ist. Des Rätsels Lösung: Im Volk wirkt eine Frau mit, die hochschwanger ist.

Hinter der Bühne herrscht am Donnerstagabend emsiges Treiben, obwohl es noch knapp eine Stunde bis zum Beginn der Generalprobe auf der Kastler Klosterburg ist. Die Darsteller sehen von Zeit zu Zeit bangen Blickes zum Himmel und fragen sich: Hält das Wetter? Ja, das tut es, kein einziger Regentropfen fällt. Der Esel, der die Glocke, die die Bürger für einen glücklichen Ausgang der Schlacht spenden wollen, in den Klosterinnenhof ziehen wird, steht am Bolzplatz und frisst in aller Seelenruhe sein Heu. Zwei Mönche unterhalten sich, ein weiterer summt vor sich hin. "Ich bin ja so froh, dass wir uns wiedersehen - dem Himmel sei Dank", rezitiert eine Frau.

Während die Jungs, also die Kindersoldaten und die Klosterschüler, auf dem Fußballplatz hinter den mächtigen Klostermauern eine Runde kicken, führen Mädchen einen Hund Gassi. Bürgermeister Stefan Braun, der sich längst in Abt Hermann verwandelt hat und jetzt Kutte statt Anzug trägt, testet ein Mikro, im Kreuzgang liegen Möhren - Nervennahrung für die tierischen Darsteller.
Anna Maria Kremser ist eine der Edeldamen, doch jetzt steht sie in der Maske und schminkt gerade die Darsteller, unter anderem Feldhauptmann Seyfried Schweppermann und einen Pater. "Die Schwierigkeit ist, die richtige Mimik reinzubringen", sagt sie. Und noch etwas ist zu berücksichtigen: Die Schminke muss im Bühnenlicht gut zu sehen sein. Weniger ist mehr: Das mag beim Make-up im Alltag gelten, doch nicht für die Schweppermannspiele. Und so mancher Mann erblickt nach der Maske entsetzt sein Spiegelbild ...

Noch schnell Hose gekürzt

Gleich nebenan rattert eine Nähmaschine. Damenschneidermeisterin Emma Eckl kürzt flugs die Hose eines Knappen. Tagsüber hat sie noch fleißig daheim genäht, bis zur letzten Minute Kostüme für die Edeldamen. Angefangen hat sie um 9 Uhr, zehn Stunden später war sie fertig. Jetzt sitzt sie wieder an der Nähmaschine. "Hier und da noch ein Stich", sagt sie gelassen über die Arbeit, die noch zu erledigen ist. Kinder flitzen durch den Raum, hasten die Treppe hinunter, um sich umzuziehen, eine Edeldame schnappt sich noch schnell ein Haarspray. "Wir schminken uns zwischendurch", erzählt Anna Maria Kremser lachend.

Letzte Regieanweisungen

Draußen scharen sich die Darsteller um Regisseur Michael Ritz. Es ist 20.15 Uhr, in einer Viertelstunde startet die Generalprobe - und damit genau zu der Zeit, zu der auch die Aufführungen beginnen. "Heute machen wir's mit Applaus", sagt Ritz. Vom hinteren Ende des Bolzplatzes ertönt tierisches Geschrei - der Esel signalisiert Zustimmung. Alle müssen lachen, die Anspannung legt sich.

Baby Konrad schaut mit großen Augen in die Schweppermann-Welt. Mama Christine Hollweck weiß nicht, ob ihr Sohn durchhalten wird. "Normalerweise schläft er ein", sagt sie über seinen Schlaf-Wach-Rhythmus. Doch heute zeigt Konrad nicht die geringste Spur von Müdigkeit. Topfit ist auch Miriam Schäfer, eineinviertel Jahre alt. Die süße Kleine trägt ein Prinzessinnen-Kleid samt Cape. Sie spielt das Königskind Anna, das 1319 auf der Kastler Klosterburg stirbt. Sie zieht an der Hand von Mama Siglinde, weil sie den Rest ihrer Breze an den Esel verfüttern will. Die drei Schweppermann-Söhne Otto, Seitz und Hartung sowie Trautwein Aystett fechten sich ein, eine Frau bringt den geflochtenen Haarzopf ihrer Tochter, der Auflösungserscheinungen zeigt, in Ordnung. Eine Edeldame packt ihre Brotzeit aus. "Essen und Trinken, das ist wichtig", sagt sie fast entschuldigend, als sie mit der Gabel in den Wurstsalat piekst. "Das hält Leib und Seele zusammen", pflichtet ihr ein Mönch bei. Und in seiner Stimme schwingt selbst hinter der Bühne die ganze Würde seiner Rolle mit.
Wolfgang Herdegen (König Ludwig der Bayer) und Josef Weiß (Feldhauptmann Seyfried Schweppermann) schwingen sich auf die Pferde. Die drei Vierbeiner (auf dem dritten Pferd reiten der Herold beziehungsweise Schweppermanns Schwager Rindsmaul) sind kurz vor 20 Uhr eingetroffen und erst gegen Mitternacht werden sie wieder zu Hause sein.

Möhren für die Pferde

Pferdeführerin Angela Mielke gesteht, dass es eine harte Zeit ist. Ihr Pepino ist schon 20 Jahre alt und durchaus erfahren mit Festumzügen. Trotzdem sind die Schweppermannspiele ein vollkommen neues Erlebnis für ihn. Einträchtig steht er neben Quarter Horse Maggie und dem gescheckten Charly. Die Tiere fressen, sie müssen eh später noch mal ran - Königs-Darsteller Wolfgang Herdegen weiß, wie man mit ihnen Freundschaft schließt: Für alle Fälle hat er saftige Möhrchen griffbereit.

Während das Stück zu Ende geht, schwärmt hinter den Kulissen Walter Schöberlein (Abt Siboto) vom Gemeinschaftssinn, der durch die Spiele entsteht. Um 22.45 Uhr stehen alle gemeinsam auf der Bühne, geben ein imposantes Bild vor der altehrwürdigen Kirche ab. Nur Klein-Konrad kriegt von all dem nichts mit - er schläft seelenruhig auf Mamas Arm.
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