11.03.2018 - 13:18 Uhr
Kemnath

Ergreifende Premiere der „Kemnather Passion“ vor knapp 1000 Besuchern Es ist vollbracht

Die Geschichte ist bestens bekannt. Jeder Zuschauer weiß, dass sie erst einmal nicht „gut“ ausgeht. Und trotzdem ist die Spannung bei der Premiere der „Kemnather Passion“ am Samstagabend greifbar.

von Holger Stiegler (STG)Profil

„Fake News“ und „Alternative Fakten“ sind nicht erst seit dem Aufstieg Donald Trumps und dem Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland und Europa auf dem Vormarsch. Als Instrument zur Stimmungsmache und Hetze sind sie seit jeher beliebt – auch zur Zeit Jesu Christi. „Dieser ist nicht mehr wert, als dass man ihn als einen Zerstörer des Vaterlandes und Aufwiegler des Volkes des Landes verweise, damit nicht mehr Übel, Zwietracht und viel anderes Unheil durch ihn angestiftet werden möchte“, formuliert es der Priester und Schriftgelehrte Potolomeus, einer aus dem Reigen der Ankläger des Gottessohnes.

Ergriffen und überwältigt sind die knapp 1000 Besucher am Samstagabend in der Kemnather Mehrzweckhalle: Die „Kemnather Passion“, das Spiel von der Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung Jesu, feiert Premiere. Vor den Augen zahlreicher Ehrengäste wie Diözesanbischof Rudolf Voderholzer und der Bayerischen Staatsministerin Emilia Müller gerät die Aufführung zum beeindruckenden Erlebnis in der vorösterlichen Zeit.

Sie ist die bekannteste Geschichte der Welt, trotzdem war und ist die Kemnather Passion nichts Gewöhnliches: Dafür sorgen die rund 250 Mitwirkenden unter der Regie von Thomas Linkel, der in diesem Jahr zum zweiten Mal als Spielleiter die Fäden in der Hand hält. Aufbauend auf der kompletten Neuinszenierung von vor fünf Jahren, löst er seine Ankündigung mit Bravour ein – nämlich den Fokus in diesem Jahr verstärkt auf die Verdichtung der Beziehungen und Emotionen der handelnden Personen untereinander legen. Dies wird an vielen Teilen des Spiels offensichtlich – beispielsweise in der Beziehung zwischen Jesus und Maria, in der es einen größeren Raum für die „Verabschiedung“ gibt. Eine starke Leistung liefern auch die Verantwortlichen für Licht und Technik mit verschiedenen Hintergründen und Lichtstimmungen ab. Ein großes Kompliment gebührt zudem den Damen von Maske und Kostümabteilung: sie tragen mit ihrer Arbeit wesentlich zur Authentizität des Abends bei.

Mit dem Jesus-Darsteller Roland Krauß steht ein Akteur auf der Bühne, der den Gottesssohn charismatisch und emotional überzeugend den Zuschauern näherbringt. Die Zweifel, das Vertrauen auf den Vater, das Leiden und die Schmerzen – das alles nimmt man dem Schauspieler (nach 2008 zum zweiten Mal in der Jesus-Rolle) ab. Ihm beim Kreuzweg zuschauen zu müssen, tut weh und geht unter die Haut. Größter Widersacher von Jesus ist der Hohe Rat Kaiphas, der erneut von Martin Nickl verkörpert wird. Wer auf der Suche nach dem Prototyp des Krakeelers und Agitators sowie der verkörperten Scheinheiligkeit ist, findet ihn in dessen couragierter Darstellung. Gleiches gilt für den früheren Jesus-Darsteller Eugen Ponnath, der bereits zum vierten Mal als gefallener Jünger Judas auftritt: Ihm nimmt der Besucher das Hinterhältige und das Moralfreie einerseits sowie die innere Zerrissenheit und Verzweiflung andererseits bereitwillig ab.

Es ist eine durchwegs überzeugende Leistung des gesamten Ensembles: vom zwischen Feigheit und Vernunft schwankenden Pontius Pilatus (Harald Plank) über die drei einzigen sprechenden Frauenrollen - Nicole Besold als die verzweifelte und trauernde Gottesmutter Maria, Stefanie Völkl als Veronika, die dem gefallenen Jesus das Schweißtuch reicht, und Esther Späth-Schöcklmann als mitfühlende Maria Magdalena – bis hin zu den Darstellern im aufgewiegelten Volk, die „Ans Kreuz mit ihm!“ skandieren.

Zum Erfolg der Inszenierung gehört aber ein weiterer Pfeiler: Unter der erstmaligen Leitung von Thomas Völkl erweckt der 80-köpfige Passionschor die Leidensgeschichte auch musikalisch zum Leben. Wenn beispielsweise „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Finsternis brach herein“ und „Ave verum“ erklingen, dann wird die innere Ergriffenheit des Publikums noch weiter vertieft. Mit seiner klaren Artikulation und exzellent besetzten Stimmen fesselt der Chor die Zuhörer, so dass sich die ganze Tiefe der Musik entfalten kann. An der Orgel setzt Alexander Hecht zudem solistische Akzente genauso wie die Sängerinnen Stefanie Völkl und Anna-Maria Beck beim abschließenden Gänsehaut-Duett „Pie Jesu“ von Andrew Lloyd Webber. „Standing Ovations“ für alle Mitwirkenden.

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