06.10.2017 - 20:10 Uhr
KemnathOberpfalz

Anton Heindl stellt im Musikeum mechanische Musikautomaten aus Musik im Handumdrehen

Kaiser Wilhelm II., Papst Leo XIII. und Anton Heindl, ähm ... der 59-Jährige. Den Adligen, den Kirchenmann und den Kemnather Museumsleiter eint ein Faible: die Vorliebe für mechanische Musikautomaten. Allerdings schlägt der Oberpfälzer die Prominenz mit seiner Leidenschaft um Längen.

von Hubert Lukas Kontakt Profil

92 Stück nennt Heindl inzwischen sein Eigen. Das kleinste passt in ein Feuerzeug, sein größtes, ein Orchestrion von der Firma Klepetar aus Prag, ist 2,35 Meter hoch, 1,6 Meter breit und 65 Zentimeter tief. Das Klavier, Xylophon, Becken, die Mandoline, Wirbeltrommel und Pauke darin werden über ein über 100 Kilogramm schweres Gewicht an der Rückseite angetrieben. Bestückt ist der Koloss mit zwei Walzen, die jeweils acht Musikstücke wiedergeben können. Einen Haken hat "die Königin der mechanischen Musikinstrumente": Sie passt nicht ins Musikeum und steht bei Heindl zu Hause. So wie etwa 60 weitere Geräte, denn in den Ausstellungsräumen in der Trautenbergstraße seien aus Platzgründen nur etwa 30 zu sehen, schätzt der 59-Jährige.

Zu diesen Exponaten gehört eine Aeolian Grand Orgel von 1908 aus den USA, die beim flüchtigen Hinsehen wie ein normales Klavier ausschaut. Nur die Walze und zwei ungewöhnlich große Pedale weisen auf ein Innenleben hin, das unter anderem aus Schläuchen, Blasebalgen und Ventilen besteht. "Eine solche stand bei Papst Leo XIII. im Audienzsaal", erklärt Heindl stolz. Sein Exemplar stammt aber nicht aus Rom, sondern aus Holland. An Allerheiligen 2016 hat er es gekauft. "Vier bis sechs Wochen habe ich mit dem Besitzer verhandelt." Am Ende mit Erfolg. Eine Spedition hatte der Einkäufer im Stahl- und Maschinenbau schnell gefunden. Schon drei Stunden nach dem Kauf fuhr sie vor, "aber wegen des Feiertags war das Geld noch gar nicht überwiesen. Der Spediteur hat mich dann angerufen und gefragt, ob er die Summe auslegen dürfe". Wie viel das war, möchte Heindl nicht verraten: "Es war erschwinglich, wenn man einen Narren daran gefressen hat." Ein paar Tausend Euro im Jahr gebe er aber schon aus, "sonst kriegt man ja nichts".

Entdeckung in Bayreuth

Alles begann vor etwa 30 Jahren, als er in einem Antiquitätengeschäft in Bayreuth ein kleines Metallplattenspielgerät gefunden hat. Seine Leidenschaft erwachte aber erst so richtig, als das Internet aufkam. Dort sammelte er zunächst Fachinformationen und knüpfte "nette Kontakte zu Leuten, die so etwas restaurieren". Zum Beispiel mit Alois Blüml in Grassau, dessen Sammlung und Werkstatt Heindl bereits besichtigt hat. Als er auf Youtube auf Clips mit Musikautomaten stieß, "dann will man so was haben". Sein erstes Klavier brachte er vor 14 Jahren mit Sohn und Tochter aus der Lüneburger Heide mit. Entdeckt hatte er es auf Ebay. "Das Instrument mit 65 Tönen kam mit einem Flüchtlingstreck aus Schlesien und wurde zunächst in einem Stodl eingelagert", weiß der Kemnather. Als er es abholen wollte, stand es im zweiten Stock. "Wir mussten im Treppenhaus ein Stück Mauer abschlagen, weil es so groß war." Dem Besitzer habe er schließlich zum Dank zu Weihnachten eine CD mit Musikaufnahmen des Klaviers geschenkt.

Wie er zu seinen anderen Automaten kam? Heindl zuckt mit den Schultern: Einiges sei ihm über die Zeitung "zugelaufen. Oft ergibt sich auch eins aus dem anderen." Wie in diesem Fall, denn für das Klavier ersteigerte er in England Papierrollen für 65 Töne. "Dort gab es Bibliotheken, in denen man sich Rollen leihen konnte." Jedenfalls habe er den Verkäufer nach einem 88er-Klavier gefragt. Und Heindl hatte doppelt Glück: Der Brite besaß selbst eines, und weil er sich in der Provence ein Haus gekauft hatte, wollte er sich davon trennen - zum Nulltarif. Doch bei der Übergabe an den Spediteur die Überraschung: "Der Engländer wollte es nicht hergeben, weil es geregnet hat." Er habe es doch stimmen lassen, weshalb die "Leute wieder kommen sollten, wenn es trocken ist", kann Heindl heute darüber lachen. Für das Geschenk hat er sich übrigens mit einem Karton Rothschild-Rotwein revanchiert.

Unterstützung bekommt der Museumsleiter von seiner Frau Anita. Allerdings: "Ich beichte ihr nicht gleich, wenn ich was gekauft habe." Oft erst, wenn's geliefert werde. Und dann bekomme er ein: "Mann, muss das sein?" zu hören. Daher haben beide eine Vereinbarung getroffen: Es werden keine zwei gleichen Automaten gekauft. Kaum noch vergrößern wird sich Heindls Sammlung an Musikrollen - etwa 1300 Stück mit jeweils bis zu zehn Liedern, schätzt er. Zwar hat er noch nicht einmal alle angehört, doch "da wiederholen sich die Stücke" mit klassischer Musik, Märschen, Schlagern aus den 1920er Jahren oder sogar "Rudolph, the rednosed Reindeer" und der Nationalhymne des Vatikans.

Zudem besitzt der Kemnather jeweils etwa 250 Platten aus Blech und Pappkarton sowie Tonrollen aus Wachs. Letztere, die auf sogenannte, von Thomas Alva Edison erfundene Phonographen aufgesetzt werden, "sind sehr empfindlich. Am Anfang ist mir eine beim Aufstecken kaputt gegangen". Unter all diesen Medien findet sich Kurioses. Eine Rolle hat aus Lateinamerika den Weg nach Kemnath gefunden, "deren Papier ist ziemlich dick wegen der höheren Luftfeuchtigkeit". Zu schwer war eine aus Deutschland. Keines seiner Geräte konnte sie abspielen.

Stolz ist Heindl auch auf eine Zinkplatte, in die das von Kaiser Wilhelm II. komponierte Lied "Sang an Aegir" gestanzt ist. "Typisch wilhelmisch schwülstig", urteilt er. Abspielen lässt sie sich auf einem Polyphon. "Diese Plattengeräte waren damals sehr beliebt." Viele davon hätten Invaliden nach dem Ersten Weltkrieg vom Staat bekommen. So unterschiedlich die Medien waren, so verschieden waren auch die Patente: "Es war ein interessanter Markt." Im Musikeum stehen Exponate mit genagelten Walzen, die wiederum Stimmzungen anschlagen, mit Glockenwerk, Plattenspieldosen und andere Geräte mit pneumatischem, elektrischem oder Kurbelantrieb - "eine große Bandbreite". Um 1880 sei die Blütezeit der Automaten gewesen, mit Leipzig als Zentrum. "Da haben alle angefangen, solche Dinge zu bauen." Und die sind Heindls "Hobby und mein Leben", weshalb er auch im Vorjahr während eines Türkei-Urlaubs nicht die Finger von Computer lassen konnte. So entdeckte er bei den Ebay-Kleinanzeigen im Ruhrgebiet eine Walzenorgel aus der Zeit um 1870. "Sie dürfte mein ältestes Gerät sein." Angeboten hatten sie "Leute, die vom Geld älteren Menschen das Rikscha-Fahren ermöglichen wollten." Da habe er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: "Gutes tun und so ein Gerät bekommen, das ist mir die größte Freude."

Musik für Mittagsgäste

Nicht minder war für ihn das Vergnügen in Erbendorf, wo im "Roten Roß" ein Klavier für Notenrollen steht. "Vor einem Jahr am Kirwa-Sonntag habe ich dann gleich eine Rolle mitgenommen, um den Gästen zu Mittag was vorzuspielen." Werkzeug hatte der Kemnather ebenso dabei, um das Klavier notdürftig zu reparieren. Überhaupt versucht er, das meiste selbst zu restaurieren. "Das geht alles ins Geld, da ist ein Tausender gleich weg." Doch wenn er für einen Blasebalg Ziegenleder braucht, muss selbst er passen. Die Kosten bestreitet er allesamt aus eigener Tasche. Die Automaten im Musikeum seien Dauerleihgaben, und "die Spenden während der Öffnungszeiten landen beim Heimatkundlichen Arbeits- und Förderkreis". Damit die Geräte gut klingen, "schaut der Seniormeister von Steingraeber (Klaviermanufaktur in Bayreuth) - ein lieber guter Freund - ein bis zwei Mal im Jahr vorbei und stellt sie ein". Manchmal tauscht Heindl im Musikeum ein Instrument gegen ein anderes aus. "Ab und zu nehme ich eins mit zu Geburtstagen von Freunden. Die freuen sich wie wahnsinnig."

So erging es ihm nun auch selbst, als seine neuste Errungenschaft aus dem Erzgebirge eintraf: eine sogenannte GEM Roller Organ (Rollenorgel) aus den USA mit 20 Tonstufen und Revolver-Mechanismus. Dabei schieße die Rolle von alleine nach Liedende wieder zum Anfang zurück. "Drei Jahre war ich darüber, eine zu kriegen. Jetzt hat's mal funktioniert." Weil ihm eigentlich alle Automaten gefallen, behält er sie nach dem Kauf die ersten sechs bis acht Wochen zu Hause, bevor das jeweilige Exemplar ins Musikeum kommt. "Das ist dann mein Lieblingsstück - bis zum nächsten Kauf", schmunzelt der 59-Jährige.

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Weitere Informationen:

www.youtube.com/watch?v=0QF1HRG1d9Y

Nach 40 Jahren Schrank vom Ururgroßvater

Eine besondere Bewandtnis hat es mit dem Barockschrank im Musikeum. In dem Möbelstück aus dem Jahr 1758 bewahrt Anton Heindl einen Teil seiner Notenrollen und -platten für die Musikautomaten auf. Entdeckt hatte er ihn als Zehnjähriger beim "Dietl (ehemalige Reinigung), der im Pfarrheim gewohnt hat". Er wollte ihn unbedingt haben, konnte ihn sich aber natürlich nicht leisten. Vor fünf Jahren habe er dann Dietls Enkel getroffen. Der habe erzählt, dass der Schrank bei einer Tante in Kirchenthumbach steht. Diese wollte ihn wiederum ihrer Tochter geben. Mit ihr nahm er Kontakt auf. Schließlich konnte Heindl das gute Stück in Augenschein nehmen. Verblüfft entdeckte er auf der Rückseite den Namen Philip Zetlmeisl - sein Ururgroßvater, der das Stück um 1880/90 überarbeitet und modifiziert hatte. Da war für Heindl klar: "Den Schrank muss ich haben." (luk)

Das Musikeum

Max Ponnath ist ein Fan von Anton Heindls Sammlung. Der Seniorchef von Ponnath - Die Meistermetzgerei überzeugte ihn, die Musikautomaten öffentlich zu machen. Doch es fehlten Räumlichkeiten, die erdgeschossig sind. Beim Museumsfest vor drei Jahren machte Ponnath Nägel mit Köpfen. Gleich nach dem Weißwurstessen habe dieser mit Frau Meister gesprochen, erinnert sich Heindl. "Das ist dann so gegangen, dass wir das ehemalige Blumengeschäft auf Jahre kostenfrei mieten können." Nach einigen kleineren Umbauarbeiten, die ebenfalls Ponnath bezahlte, erfolgte vor zwei Jahren die Eröffnung des Musikeums. Da es auch Begegnungsstätte sein soll, "brauchen wir Platz, daher findet sich hier auch wenig Inventar". Das nächste Mal geöffnet hat das Musikeum am Sonntag, 8. Oktober und 26. November, jeweils 14 bis 16 Uhr. Gegen eine Spende gibt es Kaffee und Kuchen. Der Eintritt ist frei. Gruppenführungen sind nach Vereinbarung möglich. (luk)

Ich beichte ihr nicht gleich, wenn ich was gekauft habe.Anton Heindl hat vor seiner Frau Anita manchmal ein kleines Geheimnis

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