24.03.2017 - 20:10 Uhr
KemnathOberpfalz

Familienzentrum Mittendrin feiert 5. Jubiläum „Man beneidet uns“

Die Geburtsstunde des Familienzentrums Mittendrin schlägt in Jessika Wöhrl-Neubers Küche. Während sie Sellerieschnitzel zubereitet, redet sie mit einer Freundin darüber, was ihr in Kemnath fehlt: ein Ort für Familien. Aus dieser Feststellung entsteht seit dem 25. März 2012 eine in der Region einmalige Einrichtung.

Wie bei einem Baum hat sich das Angebot des Familienzentrums Mittendrin im Laufe der Zeit immer mehr verästelt. Leiterin Jessika Wöhrl-Neuber, Bürgermeister Werner Nickl, Mitarbeiterin Deborah Bregler und Kinderschutzbund-Vorsitzende Jutta Deiml (von links) zeigen, was es aktuell alles gibt. Bild: Schönberger
von Hubert Lukas Kontakt Profil

Wöhrl-Neuber kann sich noch gut an die Küchenszene am Valentinstag 2011 erinnern. Für sie, damals noch halbtags als Sozialpädagogin in Bayreuth tätig, war es "furchtbar, wenn man wegen einer Rückbildungsgymnastik kilometerweit fahren muss". In Kathrin Karban-Völkl und Corinna Schletz fand die dreifache Mutter schnell zwei Gleichgesinnte. Zusammen erarbeiten sie ein Konzept für das "Mittendrin - Kemnaths Familienzentrum".

Bei der Suche nach einem Träger für ihr generationen- und konfessionenübergreifendes Vorhaben gingen sie zu Marianne Fütterer vom Kreisjugendamt und von der Koordinierungsstelle Frühe Hilfen (Koki). "Sie hat die Brücke zur Stadt und zum Kinderschutzbund Kemnath geschlagen", berichtet Wöhrl-Neuber. An diesem Punkt kam Jutta Deiml ins Spiel. Sie habe sich "erklären lassen, was sich die Frauen so vorstellen", erzählt die Vorsitzende des Kinderschutzbundes. Sie holte sich Rat von anderen Ortsverbänden, bei denen es bereits Familienzentren gab. Dennoch sei der Schritt eine Herausforderung gewesen. Ohne Deiml "hätten wir die Ideen nicht umsetzen können", ist sich Wöhrl-Neuber sicher. Unter dem Dach des Kinderschutzbundes habe sich unter anderem die Spendenaquirierung einfacher gestaltet, pflichtet Deiml bei. Zudem konnte der Verein einige ehrenamtliche Mitarbeiter beisteuern.

Fehlte noch die Örtlichkeit. Hier halfen die Stadt und der Zufall. Just zu dem Zeitpunkt, als zwei der drei Initiatorinnen bei ihm vorsprachen, sei eine der drei Wohnungen im Alten Rathaus freigeworden, erklärt Bürgermeister Werner Nickl. Die Stadt stellte dieses Ein-Zimmer-Appartement über der Stadtbücherei kostenfrei zur Verfügung - mittlerweile belegt das Familienzentrum das ganze erste Obergeschoss.

Denn aus den ursprünglich zwei wöchentlichen Terminen, das Familienfrühstück dienstagsvormittags und das Familiencafé mittwochnachmittags, sind mittlerweile rund 40 verschiedene Angebote geworden. "Wir haben schon nach einigen Monaten gemerkt, dass es auf ehrenamtlicher Basis allein nicht geht", blickt Deiml auf die Anfänge zurück. Der Kinderschutzbund betrat "absolutes Neuland" und stellte mit Elke Burger erstmals jemand auf 20-Stunden-Basis im Monat ein. Doch auch das erwies sich als zu wenig.

Ab Ende 2013 ließen unter anderem das Alleinerziehenden-Frühstück und Abendnähkurse das Angebot wachsen. Leute seien auf sie zugekommen und hätten weitere Kurse angeboten, so in Erste Hilfe oder zur Selbstverteidigung, "der über Nacht voll war", denkt Wöhrl-Neuber zurück. Gleiches galt für zwei Freundinnen mit Kindern mit Autismus, woraufhin eine Selbsthilfegruppe mit derzeit acht Teilnehmern entstand. Getreu dem Motto: "Jetzt probieren wir es einfach aus" sei das Programm inzwischen so umfangreich geworden.

Wie in der Anfangszeit, als Helfer die Küche aufgebaut und sich Frauen angeboten haben zu putzen, kann die Sozialpädagogin immer noch auf viele Ehrenamtliche zählen. Rund 20 sind es derzeit, hinzukommen etwa 15 Personen, die Flüchtlingen Deutschunterricht geben. "Hier haben wir das Engagement zurückfahren können, denn sonst hätte es uns aufgefressen."

Doch schon vorher wurde es für die Kemnatherin immer schwieriger, ihren Beruf, die eigenen Ansprüche an die Arbeit des Mittendrins und die Familie unter einen Hut zu bringen. Vor etwa zwei Jahren übernahm schließlich die Stadt die Trägerschaft und stellte die 39-Jährige ein. "Es geht nicht ohne Ehrenamtliche, es braucht auch eine professionelle Steuerung", erklärt Nickl das Engagement. Bereut hat er diese Entscheidung nicht. "Man muss auch den Mut haben, die Leute machen zu lassen, auch wenn es mal schiefgehen kann."

Besonders stolz ist der Rathauschef darauf, dass das bisher Erreichte "ohne einen Pfennig Förderung" durch das Sozialministerium möglich war. "Bis heute hat es keiner fertiggebracht, es uns nachzumachen. Man beneidet uns." Ihre Mitarbeiter, zu denen auch Deborah Bregler aus Waldeck gehört und die seit Herbst hauptamtlich neben dem Mittendrin auch in der Stadtbücherei tätig ist, "zeigen, wie es laufen kann, wenn alle an einem Strang ziehen", pflichtet Wöhrl-Neuber bei.

Um weiterhin offen zu sein für "spontane Bedürfnisse der Besucher" plant sie das Programm im Mittendrin nur monatlich. Zudem dürfe man die Ehrenamtlichen, die alles zusätzlich zum Beruf und zur Familie machen, nicht überfordern. "Da ist Fingerspitzengefühl nötig. Das alles geht nur, wenn es Spaß macht, ganz ohne Druck." Neue Helfer, die zusätzliche Gruppen anbieten würden, seien immer willkommen. Es gibt nur zwei Voraussetzungen: "Wir wollen das Führungszeugnis sehen" - und nett müssten sie sein.

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Weitere Informationen:

www.mittendrin-kemnath.de

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