29.03.2017 - 08:00 Uhr
KemnathOberpfalz

Forum Inklusion in Kemnath Inklusion ein Menschenrecht

Welche Möglichkeiten haben Menschen mit Behinderung im Landkreis Tirschenreuth? Welche Möglichkeiten haben sie in Ausbildung und Beruf? Wo können sie wohnen? Beim Forum Inklusion suchen Fachleute Antworten auf diese Fragen.

Auch Bürgermeister Roland Grillmeier, Professor Dr. Hans Wocken, Moderatorin Christina Ponader, Landrat Wolfgang Lippert und Bürgermeister Werner Nickl (von links) machten sich kundig. Bild: jzk
von Josef ZaglmannProfil

(jzk) "Für unseren Landkreis ist Inklusion kein Fremdwort", betonte Landrat Wolfgang Lippert. Der Vorsitzende des Inklusionsbeirates zählte Beispiele für gelungene Projekte im Landkreis auf. Er versprach, den Inklusionsgedanken auch zukünftig weiterzuentwickeln. Bürgermeister Werner Nickl verwies auf integrative Einrichtungen wie die Oase oder das Familienzentrum Mittendrin in der Stadt Kemnath.

"Inklusion heißt gemeinsames Lernen", erklärte Professor Dr. Hans Wocken bei seinem Vortrag "Inklusion - warum? Motive und Grenzen der Inklusion". Das Lernen in der Regel- und Förderschule dürfe nicht der Normalfall, das gemeinsame Lernen in einer Schule nicht der Sonderfall sein. "Inklusion ist wichtiger als die Trennung der Schulformen", betonte der Experte für Inklusionspädagogik. Nur weil es eine Förderschule gebe, könne die Regelschule nicht automatisch darauf verweisen, sondern müsse zuerst alle ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Schule müsse mehr sein als Leistungsnachweise und Notengebung. Es müsse auch um Vermittlung von Werten und Kompetenzen gehen. "Inklusion ist Menschenrecht, das im Grundgesetz verankert ist", stellte der Erziehungswissenschaftler fest.

Der Grundsatz "Kinder so annehmen, wie sie sind" müsse für alle Kinder gelten. Förderschulen seien immer eine Ersatzlösung gewesen, weil gemeinsames Lernen (noch) nicht möglich war. "Inzwischen sind sie ein eigenes Schulsystem, das Kinder manchmal gar nicht mehr in die Regelschule zurückgeben will." Inklusion und Demokratie gehören laut Wocken zusammen. Inklusion basiere auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität. "Miteinander leben können ist die wichtigste Fähigkeit, die man heute braucht, und die muss erlernt, erlebt und ausprobiert werden." Bereits der bekannte Pädagoge Pestalozzi habe erkannt: "In Vielfalt lernt man leichter." Kinder lernten von anderen Kindern besser als von Lehrern.

Das Gefühl der Zugehörigkeit sei wichtig im menschlichen Zusammenleben, ein bedeutendes Gegenmittel gegen die Angst. "Inklusion bedeutet das Versprechen, niemanden auszusondern", meinte Wocken.

Der Streit um ein inklusives Bildungssystem stelle das gegliederte Schulsystem in Frage. "Ohne eine Änderung des Schulsystems ist Inklusion nicht möglich", stellte Wocken fest. Alle Mädchen und Buben sollten in der Regelschule unterrichtet werden. "Behinderte dürfen nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden", forderte der Redner.

"Im Bereich der Inklusion ist vieles schon gelungen, vieles fehlt noch", war sein Resümee. Um dieses Ziel zu erreichen, dürfe man nicht den Mut und die Geduld verlieren. "In Bayern gibt es noch immer viel Ausgrenzung der Kinder", das sei eher mehr geworden als weniger.

Die musikalische Umrahmung hatte Vaclav Eichler mit der Jazz-Combo der Kreismusikschule Tirschenreuth übernommen.

Vier Workshops erarbeiten Ergebnisse

Nach dem Vortrag von Professor Wocken teilte Moderatorin Christina Ponader von der Heilpädagogische Tagesstätte (Mitterteich und Tirschenreuth) alle Teilnehmer am Forum für Workshops in vier Tischgruppen auf: 1. Zugangsbarrieren für Menschen mit psychischer Erkrankung im Landkreis Tirschenreuth (Leitung: Thomas Fehr vom Sozialteam); 2. Freizeit und Inklusion (Professor Reinhard Markowetz, LMU München); 3. Inklusion im Bereich Ausbildung und Effekte der Inklusion auf die Arbeitswelt (Manina Sobe, Integrationsfachdienst und Yvonne Landefeld, Staatliches Berufszentrum Wiesau); 4. Inklusion im Bereich Wohnen (Elke Steinberger, KJF Regensburg).

Nach dem Imbiss stellte Ponader kurz die Ergebnisse der Workshops vor. So müsse sich bei der Inklusion die Schule anpassen, nicht die Kinder. Das Schulsystem müsse durchlässiger rund flexibler werden. Um die Inklusion weiter voranzubringen, müsse immer wieder Druck von unten (Eltern) ausgeübt werden. Auch brauche sie finanzielle Mittel. Die Förderung sollte individuell zugeschnitten sein. Vor Ort gelte es, Lobbyarbeit zu betreiben. Dies erfordere Geduld. Auch kamen die Teilnehmer zu dem Schluss, dass es keine Garantie für ein Gelingen von Inklusion gibt. Laut Statistik ist in Bayern von 2008 bis 2015 die Anzahl der Förderschüler gleich geblieben (etwa 4 Prozent), aber die Anzahl der Inklusionsschüler von 16 auf 27 Prozent gestiegen.

Die anschließende Podiumsdiskussion leitete Margit Ringer vom Bayerischen Rundfunk. Acht Experten diskutierten Lösungsansätze, wie Inklusion in verschiedenen Bereichen vorangebracht werden könnte. Schlusswort: "Miteinander leben ist eine wichtige Kernkompetenz, die wir Schritt für Schritt erwerben müssen". (jzk)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.