22.09.2017 - 19:10 Uhr
KemnathOberpfalz

Generalsanierung des Kemnather Rathauses Wie im alten Rom

Neue Fenster, Dämmung an die Wände, etwas Farbe, barrierefreier Umbau der Zugänge sowie hier und da ein paar Schönheitsreparaturen - fertig ist die Rathaussanierung. Das denken die Verantwortlichen zunächst. Doch dann kommt der Blick in den Fußboden.

von Hubert Lukas Kontakt Profil

Weder dem Statiker noch Roland Sächerl gefiel bei der Bestandsaufnahme, was sie da sahen. Angesichts angefaulter Holzbalken musste man sich "fragen, ob es sinnvoll ist, einen neuen Boden auf eine kaputte Decke zu legen", berichtet der Mitarbeiter der Bauverwaltung. "So ist eins zum anderen gekommen", erklärt dazu Bürgermeister Werner Nickl. Entgegen des "ursprünglichen Gedankens" mündete das Projekt doch in eine Generalsanierung, die rund fünf Millionen Euro kosten wird.

Was "die Sache deutlich leichter und vertretbarer" macht, sind Zuschüsse für das rund 120 Jahre alte Einzeldenkmal. Jeweils 1,5 Millionen Euro fließen aus der Städtebauförderung sowie dem Kommunalen Investitionprogramm, erläutert Nickl. Dazu kommen Mittel vom Denkmalschutz.

Derzeit läuft noch die Entkernung, sagt Sächerl beim Gang durch den Altbau, der auf den ursprünglichen Zustand zurückgeführt wird. Zum Vorschein kam dabei neben historischen Fachwerkaufbauten, Ziegelwänden und einem Kellerabgang eine verborgene Durchfahrt, die vormals offenbar vom Stadtplatz aus mitten durch den späteren Sitzungssaal verlief. "Es schaut aus wie im alten Rom." Als Nickl das sagt, schwingt Bewunderung mit, auch wenn ihm der derzeitige Zustand des Rathauses "etwas erschüttert". Doch nun "kommt der historische Charakter wieder zum Ausdruck. Diese alte Substanz kann man nicht einfach wegreißen."

Die freigelegten Bögen und Mauerreste im Sitzungssaal hat das Landesamt für Denkmalpflege, das die gesamte Sanierung begleitet, bereits aufgenommen. Die Öffnung wird wieder verfüllt. Die Idee, mittels einer Glasplatte im Boden den Blick auf die historische Bausubstanz offen zu halten, hatte zwar für Nickl ihren Reiz, doch nicht nur die Kosten, auch die Akustik (Sächerl: "Auf die wird Wert gelegt.") sprachen dagegen. Teilweise durch Glas und eine zweite Tür soll aber die Wand, die den Saal bislang vom Flur trennt, ersetzt werden. Transparenz ist das Zauberwort. Um Zuhörer mit in Sitzungen einzubeziehen, können sie draußen die Diskussionen über Displays und Lautsprecher mitverfolgen. Insgesamt sollen der Warte- und Eingangsbereich "foyerähnlich abgebildet" werden, führt Sächerl aus.

Gewölben "fehlt nichts"

Zeigen was man hat, wollen die Verantwortlichen ebenfalls im künftigen Einwohnermeldeamt. Auch hier soll die Hauptanlaufstelle verglast werden, "um es einladender und freundlicher zu gestalten". Dort sowie in den weiteren beiden Zimmern bleiben die historischen Gewölbe erhalten. "Die sind noch relativ gut beieinander. Denen fehlt eigentlich gar nichts", schwärmt Sächerl. Wie fast überall im Gebäude müssen aber die darüberliegenden Deckenauflager ersetzt werden.

Neben dem Einwohnermeldeamt finden die Bürger ebenfalls im Erdgeschoss einmal mit dem Bauamt sowie der Zulassungsstelle die "publikumsintensiven" Abteilungen vor. Kämmerei, Büro des Bürgermeisters, Vorzimmer und Hauptverwaltung wandern ins Obergeschoss.

Die größte Baustelle ist gegenwärtig unterm Dach. Davon sind beim Altbau nur noch die Sparren, Zangen und Pfosten übrig. Statt der Schalung und Eindeckung bietet eine Plastikfolie den Arbeitern Schutz vorm Wetter. Größtenteils ausgebessert sind die Balken unter dem mit Brettern ausgelegten Boden. Hier hatte Feuchtigkeit die Ende angegriffen, weshalb sie abgesägt und die historischen Teile angestückelt werden müssen.

Damit ist es bei der Mauerschwelle nicht getan. Sie ersetzt die Zimmerei Schedl aus Bernstein komplett. Laut Mitarbeiter Edi Punzmann ist diese damals ganz eingemauert worden, und so sei keine Luft rangekommen. "Jeder Stein zieht Feuchtigkeit und gibt sie ans Holz weiter." Mit dem Ergebnis, dass es zu faulen beginnt. Zudem hatten sich die Balken, wie überall im Altbau, im Laufe der Zeit immer weiter durchgebogen. In der Mitte des Bürgermeisterzimmers seien es rund 15 Zentimeter gewesen, die mit Schüttungen ausgeglichen werden mussten, erzählt Nickl. Schuld seien aber nicht die "politischen Schwergewichte" gewesen, die er dort empfangen habe.

Einiges an Gewicht muss aber der Boden des Dachgeschosses aushalten, weshalb die Balken mit jeweils zwei seitlich angeschraubten Bohlen verstärkt wurden. Sie sorgen außerdem wieder für einen ebenen Untergrund. Wo bis zum Umzug ins Ganssmüller-Gebäude noch eine der beiden Wohnungen vermietet war, sind künftig das Archiv, das sich in der Fronveste befindet, und die Registratur. Diese sollen als erstes zum Stadtplatz zurückkehren.

Biberschwanz statt Schiefer

Weit fortgeschritten sind die Dacharbeiten am Neubau aus den 1970er Jahren. Dieser wird energetisch saniert, an den Rest des Gebäudes angepasst und wie dieses brandschutztechnisch auf den neusten Stand gebracht. Verschwunden sind hier die Gauben. Dafür gibt es auf beiden Seiten nun Dachflächenfenster. Die Naturschiefereindeckung hat die Kastler Firma Steinkohl durch Biberschwanzziegel, analog zu den Nachbargebäuden, ersetzt. Nur etwa auf Höhe des künftigen Seiteneingangs klafft in der Schalung ein Loch, durch das ein Kran voraussichtlich kommende Woche Fertigbetonteile für einen Aufzugsschacht ins Innere hievt.

Ist das komplette Dach bis zum Winter geschlossen, geht es unliebsamen "Untermietern" an den Kragen. So zeigt sich in den Ecken teilweise Hausschwamm, auch dem Trotzkopf soll der Garaus gemacht werden. Um den Nagekäfer abzutöten, muss die Etage auf 60 Grad aufgeheizt und diese Temperatur zwei Tage lang gehalten werden.

"Ziel ist, im Laufe des Jahres auch die Fenster zu ersetzen, um dann in einer Winterbaustelle die Installation anzugehen", erläutert der Bauamtsmitarbeiter. Angedacht sind hier zweigliedrige Sprossenfenster aus Holz, die voraussichtlich in einem Weißton gehalten sind. "Ein Farbkonzept gibt es noch nicht", weshalb er auch keine genauen Aussagen über die Innenausstattung geben kann. Nur so viel: "Es werden Holztüren", in den Fluren werde ein Stein-, in den Zimmern ein Holzboden verlegt. Die Stadt habe sich jedoch schon einen Innenausstatter mit ins Boot geholt, verrät Nickl. Man wolle in der jetzigen Phase schon so weit wie möglich festlegen, wo die Schreibtische stehen, die Steckdosen sind und wie die Verkabelung verläuft.

Diese alte Substanz kann man nicht einfach wegreißen.Der historische Charakter des Rathauses beeindruckt Bürgermeister Werner Nickl

Anbau mit Rampe

Kommende Woche beginnt die Firma Eisenmann aus Neuhaus an der Pegnitz, die den Zuschlag für die Baumeisterarbeiten erhalten hat, mit dem zweigeschossigen, rund 40 Quadratmeter großen Anbau. Dieser nimmt die Sanitäranlagen, Behinderten-WCs, Kopierräume und Abstellkammer auf. Während der Haupteingang erhalten bleibt, führt dort dann ein Seiteneingang zu zwei weiteren Zugängen. Bei einem wird der Höhenunterschied mittels Stufen, beim anderen über eine Rampe, um die Barrierefreiheit zu gewährleisten, überwunden. Um das dafür vorgeschriebene Gefälle von maximal sechs Prozent zu erreichen, muss der vordere Bereich des Hinterhofes um bis einen halben Meter aufgefüllt werden. Die restliche Fläche wird zur Trauenbergstraße hin angeglichen. (luk)

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