05.03.2017 - 18:10 Uhr
KemnathOberpfalz

"Keiner ist der Bessere"

Wer hört, wie sich der evangelische Pfarrer Dirk Grafe und der katholische Geistliche Konrad Amschl miteinander unterhalten, merkt sofort: Da stimmt die Chemie. Die beiden Kirchenmänner sind seit Jahren auch privat befreundet und - wie Grafe lachend anmerkt - "machen gern mal Blödsinn". Ernst ist es ihnen aber mit dem gegenseitigen Respekt vor der Konfession des anderen.

Welche Kirche hat mehr Sitzplätze oder gar den höheren Turm? St. Johannis in Wirbenz (Bild) oder Mariä Himmelfahrt in Kemnath. Über die skurrilen Auswüchse der früheren Rivalität ihrer Konfessionen können der evangelische Pfarrer Dirk Grafe und sein katholischer Kollege Konrad Amschl (von links) nur lachen.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

/Wirbenz. "Uns verbinden 90 Prozent, 10 Prozent trennen uns in der Lehre", meint Grafe, der seit 2003 in Wirbenz seelsorgerisch wirkt. "Wir richten den Blick aufs Gemeinsame. Wir zeigen, dass wir im Glauben an Jesus Christus geeint sind", pflichtet ihm Amschl bei. Für den Kemnather Stadtpfarrer ist "Ökumene keine Uniformität, sondern gelebte Vielfalt". Daher begegne man sich auf Augenhöhe: "Keiner sagt: ,Mia san die Besseren'", ergänzt sein Amtskollege.

Auf den Unterschieden "herumzutrampeln, ist heute nicht mehr tragbar", betont der Prodekan. Ihr Glaube gebe Liebe und Barmherzigkeit weiter. "Da kann es nicht sein, dass sich beide Kirchen gegenseitig verurteilen." Protestanten und Katholiken hätten so viele Gemeinsamkeiten. "Wenn wir das alles ausschöpfen, was uns verbindet, sind wir noch viele Jahre beschäftigt."

In den mittlerweile gemeinsamen fast 14 Jahren haben beide Seelsorger eines festgestellt: Ob zwei Kirchengemeinden miteinander auskommen, "hängt stark davon ab, wie ihre Pfarrer miteinander können". In dieser Hinsicht läuft es laut Grafe nicht nur in Kemnath und Wirbenz sehr gut, sondern auch in Grafenwöhr und Erbendorf.

Durch die Zusammenarbeit "kennen wir uns jeweils in der anderen Kirche aus". Hier wie da "ist nicht alles Gold, was glänzt", ist sich Grafe bewusst. Beide Kirchen hätten Vor- und Nachteile. Da er und Amschl oft der gleichen Meinung seien, sei es kein Problem, miteinander über kirchliche Lehrmeinungen zu reden: "Wir müssen uns nicht gegenseitig missionieren." Beide loteten in ihrem Wirken vielmehr aus, "was möglich ist, ohne Grenzen zu überschreiten". Es werde "niemals etwas angestoßen, mit dem man den Kollegen kirchlich in Bedrängnis bringt", stellt der 46-Jährige klar.

"Dass wir uns gegenseitig mit Kirchen aushelfen", wenn die eigenen zum Beispiel für Beerdigungen zu klein oder wegen Sanierung nicht nutzbar sind, "war vor 50 Jahren nicht denkbar", blickt Grafe zurück. Bis dato habe es auf der einen Seite ein "erzevangelisches Bollwerk und auf der anderen ein katholisches Bollwerk" gegeben. Dies zeigte sich auch im Bau "der Kathedrale in Wirbenz" von 1903 bis 1905. Vorgabe sei gewesen, dass diese mehr Sitzplätze (500) haben müsse, als die nächste katholische Kirche in Kemnath mit 430, erzählt Grafe. Zwar ist der Kirchturm von St. Johannis gut 12 Meter niedriger als der des Kemnather Gotteshauses (Amschl: "57 Meter bis zur Spitze"), doch dafür stehe "seine" Kirche oben auf einem Berg, nimmt der evangelische Priester die frühere Rivalität auf die Schippe. Und frisch gestrichen sei sie nach der Sanierung auch.

Solche "Spitzen" seines Kollegen nimmt Amschl gelassen. Der Stadtpfarrer beneide ihn höchstens um seinen Posaunenchor, mutmaßt Grafe, der ursprünglich aus Grafenwöhr stammt. Aber am Ostermontag werde das Ensemble ja im Gottesdienst seines katholischen Amtskollegen auftreten, meint er tröstend und legt Amschl dabei eine Hand auf den Arm. Dagegen sei Grafe froh, "wenn bei den ökumenischen Gottesdiensten mal einige meiner Ministranten dabei sind", hält der 55-Jährige dagegen.

Seit gut 30 Jahren werden in Kemnath solche Gottesdienste zelebriert, jeweils im Januar, im Juni am Eisweiher und im Oktober. "Das wechselt zwischen beiden Kirchen", erläutert Grafe. Dazu kommen ökumenische Schulgottesdienste und Einweihungen von Geschäften und Gebäuden. Hier lege Kemnaths Bürgermeister Werner Nickl großen Wert darauf, "dass wir immer beide da sind".

Doch auch abseits dieser offiziellen Anlässe sehen sich die beiden Pfarrer regelmäßig. "Wir gehen mal zum Essen oder sitzen im Sommer zusammen in der Pergola", erzählt Grafe. "Dass wir befreundet sind, macht vieles einfacher", ist sich auch der Kemnather Stadtpfarrer sicher. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass Amschl bei der Taufe von Grafes Sohn Gabriel dabei war.

Gleiches galt vor vier Jahren bei der Feier des 475. Kirchenjubiläums in Wirbenz. Der Landesbischof habe sich über die Teilnahme seines katholischen Kollegen sehr gefreut, erinnert sich Grafe. Im Gegenzug war der Prodekan Gast beim Besuch von Diözesanbischof Rudolf Voderholzer in der Region. Für Grafe beileibe nichts Ungewöhnliches mehr: "Schließlich sind auch Reinhard Kardinal Marx (Erzbischof von München und Freising) sowie der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm gut miteinander befreundet."

Heimlich zum Pfeife rauchen

Bereits ihre Vorgänger, Pfarrer Pilz und der evangelische Seelsorger Huber, hatten begonnen, das Feld der Ökumene zu bestellen. Sie sollen vor rund 50 Jahren ein erstes "zartes Pflänzchen" der Annäherung gesetzt haben, berichten Dirk Grafe und Konrad Amschl. Pilz und Huber sollen sich damals regelmäßig heimlich auf einem "Bankerl an einem Baum in Haunritz getroffen und dort Pfeife und Zigarre geraucht haben", erzählt der Stadtpfarrer, der 2002 nach Kemnath kam. Dies sei vor einem halben Jahrhundert noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Daher ist Grafe froh, "dass wir uns mittlerweile so treffen können, ohne geschlagen zu werden".

Wir müssen uns nicht gegenseitig missionieren.Pfarrer Dirk Grafe

15 Jahre und noch länger?

Kemnath/Wirbenz. (luk) 2018 werden es 15 Jahre, die Pfarrer Dirk Grafe seine Gemeinde betreut. In der evangelischen Kirche gebe es die Regelung, dass man nach dieser Zeit in eine andere Pfarrei wechseln sollte, berichtet der Wirbenzer. "Manche Regionalbischöfe ziehen das ziemlich durch." Was ihn betrifft, so werde Dr. Hans-Martin Weiss im Herbst kommen und "den Kirchenvorstand befragen, ob er mit mir zufrieden ist". Dekan Wenrich Slenczka vom evangelisch-lutherischen Dekanat Weiden sei aber immer froh, wenn die Pfarrer länger bleiben.

Von Regensburg in die Provinz

Kemnath/Wirbenz. (luk) Im Dekanat Weiden werde oft gesagt, dass die Pfarrer zwei Mal weinen müssten: "Wenn sie kommen und wenn sie wieder gehen." Geweint hätten wohl zunächst auch Dirk Grafes Freunde. Sie hatten es nicht verstanden, dass er als Stadtpfarrer von Regensburg damals in die - aus ihrer Sicht - Provinz ging, erinnert sich der Prodekan. Zu ihnen habe er damals zur Beruhigung nur gesagt: "Den Letzten haben sie dort vor 100 Jahren gefressen."

Er dagegen war froh, in die Nähe seiner Heimatstadt Grafenwöhr zurückzukehren. Wie der in Wiesau aufgewachsene Konrad Amschl kenne er hier den Menschenschlag. "Wir verstehen die Menschen und sie verstehen uns." Da mache es auch nichts aus, wenn sie bei der Predigt zwischendurch in Dialekt verfielen. Grafe hofft, dass sich ihre "Nachfolger und Nachfolgerinnen auch einmal so gut verstehen werden". Hier allerdings hakt Amschl gleich ein: "Eine Nachfolgerin für mich werde ich wohl nicht mehr erleben."

Katholische Wurstsemmeln

Wirbenz/Kemnath. (luk) Regelmäßig stehen auch Pfarrfamilienabende oder Gemeindefeste im Kalender der Pfarreien, bei denen jeweils sowohl der Kirchenvorstand als auch der Pfarrgemeinderat vertreten sind. Bei diesen gemütlichen Beisammensein gebe es dann "evangelische Kuchen und katholische Wurstsemmeln, oder umgekehrt". Ebenso stehe demnächst der dritte ökumenische Gemeindeausflug an, diesmal mit einem "evangelischen Ziel", hebt Pfarrer Konrad Amschl hervor. Sein evangelischer Kollege Dirk Grafe muss hier allerdings erst noch etwas aussuchen, wobei es 2017 wegen des Jubiläums 500 Jahre Reformation "mit Terminen knapp wird und ich ganz schön ins Schwitzen komme".

Zitate

"Hier stehe ich. Ich kann noch ganz anders. Gott helfe euch." Pfarrer Dirk Grafe hat das berühmte Luther-Zitat leicht abgewandelt

"Ökumene herrscht auch im Pfarrhaus. Pfarrvikarin Kathrin Spies ist mit einem ehemaligen Kemnather Ministrant verheiratet." Pfarrer Dirk Grafe

"Ein evangelischer Kollege aus der Oberpfalz. Das alleine war schon schön." Pfarrer Konrad Amschl erinnert sich gerne an das Ende der einjährigen Vakanz in Wirbenz

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