12.05.2017 - 18:00 Uhr
KemnathOberpfalz

Oskar Schindlers Kauf einer Fabrik in Kemnath scheitert am nötigen Kapital Schindler – Held ohne Geld

Die DVD mit dem Film hat Anton Heindl irgendwo liegen. "Ich müsste ihn mal wieder anschauen", meint der Museumsleiter. Nicht weil Regisseur Steven Spielberg dafür 1994 sieben Oscars bekommen hat, sondern weil der Kemnather durch ihn auf Oskar Schindler und ein unbekanntes Stück Stadtgeschichte gestoßen ist.

Oskar Schindler. Repro: exb
von Hubert Lukas Kontakt Profil

Dabei hatte Heindl den Namen Schindler schon öfters in der Familie fallen hören. Doch nicht groß etwas damit verbunden: "Wer kennt den schon?", fragt er sich noch im Nachhinein. "Ohne den Film hätte ich wahrscheinlich gar nichts gemacht." Doch "Schindlers Liste" weckte die Neugier des Heimatforschers.

Er dachte an Erzählungen in seiner Familie. Demnach soll sich Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs etwa 1200 Juden aus dem besetzten Polen und der Tschechoslowakei in seinen Rüstungsbetrieben beschäftigt und damit vor dem Tod im Vernichtungslager Auschwitz gerettet hatte, in der späten 1950er Jahren in Kemnath aufgehalten haben. Grund: Der Industrielle wollte in der Stadt eine Fabrikanlage an der Seeleite kaufen. In dieser Zeit war Heindls Großvater Anton Zetlmeisl Bürgermeister. Doch der starb 1965. Um Näheres zu erfahren, wandte sich der 58-Jährige Anfang 2015 an eine noch lebende Tante, die sich an das erinnern konnte, "was lange in Vergessenheit geraten war". Daraufhin habe er sich gedacht: "Der Geschichte gehst mal nach."

Doch der Anfang seiner Recherchen gestaltete sich schwierig: Weder im Stadt- noch im Museumsarchiv fanden sich Unterlagen, die Informationen über die geplante Betriebansiedlung enthielten. Lediglich Heribert Ponnath, der damals erst im Amt für öffentliche Ordnung seine Stelle angetreten hatte, wusste, dass Schindler wegen Verhandlungen in der Stadt gewesen sei. "Schließlich gab es damals kein Fax und keine E-Mail, da musste man schon selbst hingehen", erklärt Heindl.

Da er vor Ort nicht weiterkam, klickte er sich durchs Internet und stieß dort auf einen "ominösen Kofferfund", über den die Stuttgarter Zeitung 1999 berichtete. Auf dem Dachboden von Schindlers letzter Geliebten Annemarie Staehr wurde das Gepäckstück entdeckt. Darin befanden sich rund 2000 Schriftstücke und Fotos, unter anderem eine Liste der geretteten Juden sowie eine Aufschlüsselung der Gefälligkeiten an die SS. Das alles ließen die Reporter vom Bundesarchiv in Koblenz sichten und katalogisieren. Den Fund übergab die Zeitung schließlich an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Heindl plante, dort nach weiteren Informationen zu suchen. "Ich wollte schon Flugtickets kaufen und mit meiner Frau Anita dorthin fliegen", weil er "Blut geleckt" habe. Doch Google ersparte ihnen den Weg nach Israel. Über den Namen Mietek Pemper, der die Namen der 1200 Juden an Schindler weitergegeben hatte, entdeckte er das Paul-Klee-Gymnasium im Gersthofen. Dessen Schüler hatten in einem Projekt auch das Leben des Fabrikanten aufgearbeitet, mit Genehmigung des Bundesarchivs den Kofferinhalt digitalisiert und im Internet zur Verfügung gestellt.

Und so kam nun Heindl auch an die Unterlagen im Koffer heran - und wurde fündig. Über Kemnath war diesen zu entnehmen, dass Schindler notariell am 16. August 1958 das Fabrikgrundstück samt Maschinen für 313 000 Mark erworben hat. "Ich weiß allerdings nicht, wie er gerade auf Kemnath gekommen ist", muss der Museumsleiter passen. Die Immobilie an der Seeleite gehörte zur Konkursmasse der Lederwarenfabrik von Albert Kastner. Das zweigeschossige Gebäude war zwischen 1952 und 1954 errichtet worden und verfügte über eine Nutzfläche von 3500 Quadratmetern.

Seine ursprünglichen Pläne, die Feinlederproduktion fortzusetzen, musste Schindler verwerfen. "Man hat dem Feinleder keine Chance gegeben", erklärt Heindl. Deswegen habe das Wirtschaftsministerium keine Förderung in Aussicht gestellt. Umgeben von Porzellan-, Glas- und Textilindustrie in der Oberpfalz und in Oberfranken, setzte Schindler schließlich in Kemnath auf die Herstellung von Kartonagen zur Verpackung dieser Erzeugnisse.

Das Vorhaben sollte die Bayerische Vereinsbank mit einem dreiprozentigen Grenzlandförderdarlehen in Höhe vom 300 000 Mark finanzieren. Wunsch der Bank war jedoch unter anderem, dass Schindler die benötigten Rohstoffe von den Firmen Zellstoff Waldhof und der Emil Stahl KG aus Nürnberg bezieht. Letztere hatte 1959 noch einen monatlichen Anlaufumsatz von 80 000 Mark errechnet, doch ein rechtsgültiger Kauf des Firmengeländes blieb aus. Laut Heindl ist im Grundbuchblatt für das Flurstück weder Schindler als Eigentümer noch eine Auflassung vermerkt. "Der Kauf ist zwar verhandelt worden, aber nicht zum Tragen gekommen", was für ihn nur den Schluss zulässt, dass es am erforderlichen Kapital scheiterte.

Erst ein paar Jahre später kam Schindler zu Geld. Wie Heindl herausgefunden hat, erhielt dieser zwischen 1962 und 1968 insgesamt 177 651 Mark als Ausgleichszahlung für seine verlorengegangenen Fabriken in Polen und in der Tschechoslowakei. Unterlagen, dass er daraufhin versucht hätte, in Kemnath Fuß zu fassen, gebe es nicht, weiß der Heimatforscher. Stattdessen übernahm Schindler 1962 das Beton- und Kunststeinwerk Kurt Ganz in Hochstadt am Main - und ging damit innerhalb eines Jahres Pleite.

Für Heindl, der seine Forschungsergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Kemnather Heimatboten niedergeschrieben hat, ist die Geschichte damit aber noch nicht zu Ende. Während seiner Recherche sei ihm noch so einiges erzählt worden, dem er nachgehen möchte. Für Greifbares ist es aber noch zu früh, denn "die Recherchearbeit macht man nicht in 14 Tagen".

Der Geschichte gehst mal nach.Anton Heindl, nachdem ihn seine Tante von Oskar Schindler erzählt hatte

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