Pfarrer Dirk Grafe zeichnet Martin Luthers Lebensweg nach
Harter Weg zum gnädigen Gott

Das Studium der Bibel wandelte Martin Luthers Gottesbild: Für den Heimatkundlichen Arbeitskreis Kemnath zeichnete Pfarrer Dirk Grafe den Lebensweg des Reformators nach. Bild: bjp
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Kemnath
21.04.2017
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Das Studium der Bibel wandelte Martin Luthers Gottesbild: Für den Heimatkundlichen Arbeitskreis Kemnath zeichnete Pfarrer Dirk Grafe den Lebensweg des Reformators nach. Bild: bjp

"So bin ich ... gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist." Vor 496 Jahren, am 18. April 1521, legte Martin Luther in Worms vor Kaiser Karl V. und den Fürsten des Römisch-Deutschen Kaiserreiches dieses "Glaubensbekenntnis" ab.

Später fasste er sein Vertrauen auf Gott und die Heilige Schrift in die Verse des Liedes "Ein feste Burg ist unser Gott". Dieses nannte Pfarrer Dirk Grafe in seinem Festvortrag zur Hauptversammlung des Heimatkundlichen Arbeits- und Förderkreises (HAK) ein "Spiegelbild von Luthers unerschütterlichem Glauben".

Wäre Luther glücklich über all die Feste, Tagungen, Aktionen und Diskussionen zum Reformationsjubiläum? "Er selbst nannte sich einen ,ganz einfachen Madensack, den irgendwann die Würmer fressen', und einen ,Bettler vor Gott', und er würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er manches heuer um seine Person getriebene Brimborium wahrnähme", mutmaßte der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Wirbenz. Vielfältige Erfahrungen und Einsichten hätten Luther auf seinen Weg als Sucher und Verkündiger Gottes geführt. Das vielzitierte schwere Gewitter im Sommer 1505, als der damalige Jurastudent in Todesangst gelobte, Mönch zu werden, sei nur eine von vielen Etappen gewesen.

"Er hatte viele Verwandte und Bekannte an der Pest sterben sehen, bei einem studentischen Fechtduell war er selbst lebensgefährlich verletzt worden, und so hatte ihn die Furcht vor einem jähen, unvorbereiteten Tod erfasst", erzählte Grafe. Luther sei überzeugt gewesen, dass ein Dasein als rigoros kirchen- und regeltreuer Ordensmann "die größte Chance, in den Himmel zu kommen", eröffne. Als Ordensbruder der Augustiner-Eremiten, einer Gemeinschaft besonders strenger Observanz, habe er nichts von einem "Revoluzzer" an sich gehabt: "Er war erzkonservativ, und seinen Orden könnte man mit einem heutigen Wort als ,Hardcore-Orden' bezeichnen."

Die fortwährenden, mit übergroßem Eifer betriebenen strengen Bußübungen, mit denen er sogar seinen Ordensoberen lästig gefallen sei, hätten allerdings seine Furcht eher angefacht als beruhigt: "Es war ein angstvoller Glaube, in dem er lebte." Erst das Studium der Bibel habe sein Gottesbild von Grund auf gewandelt: "Vom fordernden Gott der Angst zu einem gnädigen, vergebenden und annehmenden Gott, dem man vertrauen darf." Die Abwägung zwischen biblischer Lehre und kirchlicher Praxis habe sein Vertrauen zur Kirche ebenso untergraben wie ein ernüchternder Besuch in der "Hauptstadt der Christenheit" Rom und seine Erfahrungen bei Visitationsbesuchen in Klöstern, deren geistliche Verfassung ihn erschreckt habe.

Besonders erschüttert, so Grafe, habe ihn das Überhandnehmen des für die Kirche einträglichen Handels mit Ablassbriefen, die die Tilgung göttlicher Sündenstrafen verhießen. Dessen Erlöse seien teilweise in unrechtmäßige Zwecke wie den Kauf kirchlicher Amtspositionen geflossen. Vor allem aber habe der Ablasshandel "aus der Angst der Menschen Kapital geschlagen" und suggeriert, dass Gottes Erbarmen vom Geldbeutel abhängig sei. Zudem sei gerade für Luther, der sich jahrelang mit der Suche nach dem "gnädigen Gott" abgequält habe, die Behauptung, man könne sich Gottes Gnade erkaufen, ein Schlag ins Gesicht gewesen.

Bildung als ZielSchon als Augustinermönch sei in dem jungen Geistlichen und Theologiedozenten Martin Luther der Wunsch erwacht, die Heilige Schrift der ganzen Bevölkerung zugänglich zu machen, berichtete Pfarrer Dirk Grafe. Dieses Ziel hätten er und Philipp Melanchthon nicht nur mit der Bibelübersetzung, sondern auch mit ihrem Eintreten für flächendeckenden Schulunterricht verfolgt.

"In jedem Dorf müsste eine Schule sein. Denn wer lesen und schreiben lernt, lernt auch kritisch nachzufragen, und erschließt man den Kindern kostenlose Bildung, so wird sich auch in der Gesellschaft manches wandeln", präzisierte Grafe. Ja mehr noch: Bis in die Familien hinein habe der "Bildungsauftrag" der Reformatoren gereicht. Dies zeige der bewusst schlicht und knapp gehaltene "Kleine Katechismus": "Er sollte ein Hausbuch sein, mit dessen Hilfe die Eltern ihren Kinder den Glauben nahebringen sollten." (bjp)
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