Vergebung verbindet

Auf 90 bewegte Jahre blickt Ernst Walberer aus Weha zurück. Sein spannendes Leben möchte der rüstige Rentner aufschreiben. Bilder: bkr (3)
Vermischtes
Kemnath
12.12.2016
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Beim zweiten Besuch in Gomel im Jahre 1995 wurde Ernst Walberer von Kultusministerin Lydia Saikova mit Blumen und Sekt empfangen.

Wenn Ernst Walberer aus seinem Leben erzählt, spitzen die Zuhörer die Ohren. Seine Worte fesseln. Von seinem Wissen möchte auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge profitieren. Seine Erfahrungen aus viereinhalb Jahren Gefangenschaft in Weißrussland soll er in einem Buch niederschreiben. Ein Diktiergerät wurde ihm schon zugesandt.

Weha. 90 Jahre wird Ernst Walberer heute alt. Landwirtschaftsmeister war er von Beruf. Seine Jugend prägten Krieg und Gefangenschaft. Aus einer schrecklichen Zeit erwuchs eine freundschaftliche Verbindung mit der Stadt Gomel in Weißrussland.

Das Leben für Ernst Walberer war hart, und wenn er heute noch alle Daten und Fakten wie aus einem Lexikon aufzählen kann, mag es wohl auch an den entbehrungsreichen Jahren gelegen haben. In Weha wurde er geboren. Er war das Jüngste von zehn Geschwistern. Die Wende in seinem Leben begann gleich nach der Schulzeit. Im Herbst 1943 folgte die Einberufung des damals 17-Jährigen zum Reichsarbeitsdienst. Dienstort wurde Posen in Westpolen.

250 Kilometer barfuß

"Drainagen und Gräben mussten wir ausheben", berichtet Walberer. Im Februar 1944 kam der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht nach Prag und zur Ausbildung als Funker. Bereits am 31. Juli 1944 geriet der Jubilar beim Zusammenbruch der Mittelfront in Weißrussland in russische Gefangenschaft. Die Schuhe nahm man ihm ab. 250 Kilometer ging es barfuß bis Brest. Aus dem zu eng gewordenen Zentrallager für Gefangene wurde er mit 600 weiteren Soldaten der Wehrmacht nach Gomel verlegt und in einen großen Pferdestall ohne Ofen eingesperrt. Nur gegenseitige Körperwärme schützte vor Kälte.

Zu 90 Prozent war die Stadt zerstört und die Bevölkerung von 150 000 auf 15 000 geschrumpft. Weihnachten 1944 griffen Ruhr und Cholera im Lager um sich. Bis März starben 550 Gefangene. 400 wurden dem Lager wieder zugewiesen. Ernst Walberer überstand die Epidemie. Die verstorbenen Kameraden wurden einen Kilometer außerhalb der Stadt in einem fünf Meter breiten und drei Meter tiefen Panzergraben übereinander gestapelt beerdigt.

Nackt beerdigt

Auf Befehl von Josef Stalin wurden die Leichen nackt beerdigt. Auf alten Pferdeschlitten wurden die Toten transportiert. Pferde gab es nicht mehr. "Sechs Männer zogen, vier Männer schoben", weiß Walberer. Erst im Frühjahr konnten die Leichen oder das, was die Wölfe übrig ließen, mit Erde bedeckt werden.

1993 machte sich Ernst Walberer mit einem Freund auf den Weg, um das Massengrab in Gomel zu suchen. "Wir wurden herzlich empfangen." Jede erdenkliche Hilfe wurde angeboten. Aufzeichnungen über das Massengrab gab es jedoch nicht. Es wurde wahrscheinlich überbaut. Gomel zählte damals bereits 600 000 Einwohner und viele neue Stadtviertel.

Dem ersten Besuch schloss sich 1995 ein zweiter, vierwöchiger Aufenthalt bei Kultusministerin Lydia Saikova an. Mit einem Blumenstrauß und Sekt hießen sie ihn auf dem Flugplatz willkommen. Zwei Stunden dauerte die Stadtrundfahrt. Gezeigt wurden die Aufbauleistungen deutscher Kriegsgefangener. Auf die Häuser ist man heute noch stolz. Eingebunden in das Programm war auch eine einwöchige Teilnahme an der Kriegsgefangenenkonferenz in Minsk. Lydia Saikova begleitete ihn dabei persönlich.

Kloster statt Kinder

Ein bitterer Nachgeschmack bleibt vom Gegenbesuch von Tamara Makuschinskaja, Deutschlehrerin und Direktorin der Universität Gomel. Mit ihrer Folkloregruppe gestaltete sie 2012 auf dem Barbaraberg eine Messe. Die Kollekte sollte eigentlich für krebskranke Kinder in Gomel bestimmt sein, das nur rund 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt liegt. "Das gesammelte Geld floss jedoch in die Sanierung des Klosters Speinshart", bedauert Ernst Walberer.

Seine Ehre und die Freundschaft zu Weißrussland wollte Walberer auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Er griff in den eigenen Geldbeutel und überwies 2000 Euro. Wenn nun Tamara Makuschinskaja im Mai zu Besuch nach Weha kommt, wird diese Geschichte den kleinen Ort mit der großen Stadt weiter verbinden. Von der Gastfreundschaft der Menschen in Weißrussland schwärmt Ernst Walberer in höchsten Tönen. Sie kenne keine Grenzen. Hass verspüre er nicht: "Alle helfen und geben alles."

Nichtraucher im Wald

Vom Jubilar wollten wir natürlich wissen, was ihn so fit hält. Seine Antwort: "Seit 35 Jahren bin ich Nichtraucher, mein Hobby ist heute noch die Waldarbeit." Ernst Walberer ist das, was man getrost ein wandelndes Geschichtsbuch nennen darf. Sein fester Vorsatz ist es, noch in diesem Winter mit den Aufzeichnungen über seine Kriegsgefangenschaft anzufangen. Mit Stift und Schreibblock, nicht mit dem Diktiergerät.
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