Vom Amtsgericht zum Familienzentrum
Beim „Bau in die Vollen“

Alfred Grasser, der das Projekt in Kemnath betreut, und Abteilungsleiterin Elisabeth Bücherl-Beer vom Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach sowie Jochen Kuhlemann (von links) begutachten die Arbeiten in der ehemaligen Remise. Um sie einmal als Registratur nutzen zu können, sind die Tore zugemauert worden.
Vermischtes
Kemnath
07.12.2016
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Im nördlichen Gebäudeteil, wo sich der ehemalige Rathaussaal befand, hat der in den vergangenen Monaten eingebaute Aufzugschacht Platz gefunden.

Elisabeth Bücherl-Beer gerät beim Gang durchs ehemalige Amtsgericht ins Schwärmen. "So ein Haus wird heute nicht mehr gebaut." Schon alleine die dicken Mauern zeugten von Qualität, vom repräsentativen Charakter ganz zu schweigen. Die Mitarbeiter des Zentrums Bayern Familie und Soziales (ZBFS) in Bayreuth jedenfalls "freuen sich auf das Gebäude".

Mitte nächsten Jahres sollen die 28 Beschäftigten in die früheren Amtsräume und die ehemalige Mietwohnung des Amtsgerichtsdirektors einziehen, insgesamt eine Nutzfläche von 540 Quadratmetern. Den Termin werde man einhalten, versichert die Leiterin der dafür zuständigen Hochbauabteilung am Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach.

Fast unbemerkt von der Bevölkerung läuft seit 4. April am Stadtplatz die Innensanierung des 1817 als Rathaus errichteten Bauwerks. Dach und Fassade seien 2007 saniert worden, da die "Bausubstanz extrem gefährdet" und die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben war, berichtet Bücherl-Beer. Alles sei dann auf einem Stand gewesen, "den man so lassen konnte". Schließlich kam vor rund zwei Jahren der Beschluss der Staatsregierung, Behörden aufs Land zu verlagern. Als die Entscheidung fiel, das ZBFS nach Kemnath zu verlegen, stand ihre Abteilung vor der Aufgabe, die Wünsche des neun Nutzers, die Anforderungen des Brandschutzes, die "energetische Geschichte" sowie Funktionalität unter einen Hut zu bringen und dabei möglichst wenig in die historische Substanz einzugreifen, erläutert Projektleiter Alfred Grasser.

Doch schon bald zeigte sich, dass die Maßnahme "ein Teil ist, das sich auswächst", blickt die Abteilungsleiterin zurück. "Wenn man ein Gebäude anlangt, muss man in die Vollen gehen." Der Konzeption zugute kam, dass "wir das Gebäude durch den Bauunterhalt kennen und wissen, wo etwas im Argen liegt". Es sei in der Vergangenheit nichts investiert worden, "weil man nicht gewusst hat, wie es weitergeht", ergänzt Grasser. Im Inneren stand das Amtsgericht zwischen 1960er und 1980er Jahren. Da der Freistaat rund 1,55 Million Euro für die Sanierung ausgebe, "wird er die Behörde auch langfristig aufrecht erhalten wollen".

Trotz aller Planung blieben Überraschungen nicht aus. An einigen Stellen, unter anderem im Amtsrichterzimmer, waren die Holzbalkenköpfe abgefault, berichtet Jochen Kuhlemann. Der Ingenieur vom Kreativen Bauzentrum in Weiden ist unter anderem für die Ausschreibung, Auftragsvergabe und Bauleitung zuständig. Auch nicht "ohne" war das Thema Barrierefreiheit. Das zeigte sich beim Einbau eines Aufzugschachtes im nördlichen Gebäudeteil vom Erdgeschoss bis zum zweiten Stock. Dafür musste ein nachträglich eingezogener Stahlträger versetzt werden, was laut Bücherl-Beer zwar "statische Probleme verursacht habe", dort aber am einfachsten zu realisieren war.

Verschwinden werden in diesem Zusammenhang die Türschwellen zu den 18 Büros. Deren Türstöcke werden zudem eine Breite von 90 Zentimetern aufweisen. Das große Treppenhaus ist das einzige öffentlich zugängliche, es soll als Fluchtweg dienen. Für Sehbehinderte sind dort die Handläufe mit Blindenschrift versehen. Diese zeigt an, welche Büros sich auf den weiteren Etagen befinden. Der Seiteneingang wird in einen barrierefreien Zugang umgestaltet, dafür gibt es eine schiefen Ebene mit sechsprozentiger Steigung. Ebenso entsteht im Erdgeschoss ein behindertengerechtes WC. Exakt darüber werden weiteren Sanitärräume angeordnet, damit sich bei der Installation "ein Strang" ergibt, und möglichst wenig Schlitze geschlagen werden müssen. Daher haben die Mitarbeiter weitestgehend Elektro-, Wasser- und Heizungsleitungen auf Putz verlegt, die mittels Konsolen oder Trockenbauwänden verdeckt werden.

In Erdgeschoss verhindert eine Wandheizung, dass Nässe im Mauerwerk aufsteigt, in den Fluren im ersten und zweiten Stock spart sie den Platz, den Heizkörper benötigen würden. Vom nachträglichen Einbau einer Feuchtigkeitssperre sei absehen worden. Zum einen sei das Problem nicht so gravierend, zum anderen "sind deshalb schon Gebäude eingestürzt", weiß Bücherl-Beer. Der belüftete Keller diene als Puffer und sei daher als Lagerraum ungeeignet.

Komplett überarbeitet wurde der Brandschutz. Verlegt sind die Kabel für Bewegungssensoren, Sicherheitsbeleuchtung und Rauchmelder, die direkt auf die Integrierte Leitstelle aufgeschaltet werden, führt Kuhlemann aus. Mit Rauchschutztüren abgetrennt werden die Treppenräume. Am Ende werde das Gebäude der bayerischen Bauordnung und den Arbeitsstättenrichtlinien entsprechen, betont Bücherl-Beer.

Mittlerweile sind die Rohbauarbeiten mit der Grobinstallation abgeschlossen. Die Leitungen sind laut Kuhlemann "geprüft und abgedrückt. Die Heizung läuft." Bis Weihnachten sollen die Decken geschlossen und an der Unterseite mit Schilfrohrmatten als Putzträger versehen werden. Damit kommt man der Vorgabe des Landesamtes für Denkmalpflege nach, den historischen Putz so weit wie möglich zu erhalten. Bestehen bleiben im Treppenhaus der Granitbelag und im Erdgeschoss die Natursteinplatten. Auf den übrigen Flächen wird ein Eichenholzparkett verlegt. Auch für diese, die Maler-, Fliesen- und Trockenbauarbeiten sind die Aufträge ebenso überwiegend an regionale Firmen vergeben worden. Die Registratur soll in der ehemaligen Remise untergebracht werden. Hier sind die Tore, ebenso wie das gesamte äußere Erscheinungsbild, erhalten geblieben.

Froh sind alle, dass das Gebäude weiter passend genutzt wird. Als Wohnraum wäre es wegen der vielen Flure und einer Deckenhöhe von bis zu 3,4 Meter ungeeignet, meint Grasser. So sieht es auch die Chefin des Projektleiters: "Es wäre schade gewesen, wenn es leergestanden oder verwertet worden wäre." Hintergrund

Wenn man ein Gebäude anlangt, muss man in die Vollen gehen.Elisabeth Bücherl-Beer vom Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach
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