27.06.2017 - 20:00 Uhr
KemnathOberpfalz

Was passiert an Innovativen Lernorten der OTH Amberg/Weiden? Innovativ lernen und forschen

Was passiert an einem Innovativen Lernort (ILO)? Eine von 15 Kooperationen hat die OTH Amberg/Weiden bei Siemens in Kemnath. Praxisorientiertes Lernen hautnah erleben.

Manuel Stich (links) und Katharina Gmey (rechts) erklären den Studenten am Flouroskop, wie die Strahlungs-Versuchsreihe funktioniert.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Manuel Stich war vor kurzem das erste Mal an einem Innovativen Lernort (ILO). "Es ist genial", sagt er. An diesem Tag ist der wissenschaftliche Mitarbeiter der OTH Weiden seit 9.30 Uhr in der großen Halle am Siemens-Campus und bereitet seine Arbeit "Triple III-Ray" (Influence on Implants using Iionizing Radioation) vor.

"So wie wir uns die Forschungsarbeit überlegt haben, wäre es woanders nicht möglich", freut sich Stich über die Chance, den Versuch am ILO machen zu können. Die Geräte sind neuer und besser. Anders als in Kliniken oder Laboren kann er sich in der Garagenhalle in Kemnath ungestört ausbreiten. Auch von der Zusammenarbeit mit Siemens Kemnath ist der Doktorand begeistert. "Die Mitarbeiter betreuen uns super. Alles ist organisiert", lobt der 25-Jährige.

Mit Medizintechnik-Studenten im vierten Semester untersucht Stich, wie sich (Röntgen-)Strahlung auf medizinische Implantate wie Herzschrittmacher auswirken. Stich geht davon aus, dass Herzschrittmacher, während sie bestrahlt werden, ungewollt auslösen oder später nicht mehr funktionieren. "Das kommt öfter vor, als man denkt", weiß der 25-Jährige. Er schreibt darüber seine Doktorarbeit. Das zweijährige Forschungsprojekt, vom Bundesministerium für Energie und Wirtschaft unterstützt, hat gerade Halbzeit. Bei der Forschung helfen ihm Larissa Blümlein (Masterstudentin) und Katharina Gmey (Laboringenieurin).

So realitätsnah wie möglich

"Eine klinische Studie mit Patienten ist zu riskant", erklärt der Doktorand. Deshalb baute er eine gewebeechte Körperattrappe. Das "Body-Phantom" wiegt etwa 20 Kilogramm und ist auf der Liege des Flouroskop platziert. Von außen sieht der Torso aus wie ein Klumpen Gummi. Wird er durchleuchtet, erkennt man auf dem Bildschirm Lunge, Herz, Rippen und auch den Herzschrittmacher.

Auf Platinen sind Kondensatoren aufgelötet - es sind die Bestandteile eines Herzschrittmachers. "Wenn ich ein ganzes Implantat bestrahle, kann ich nur feststellen, dass es ausfällt. Aber ich weiß nicht welches Teil - ob analog oder digital - anfällig reagiert." Zu den Platinen legt Stich Mikro-SD-Karten. Auch auf den Implantaten sind Daten gespeichert. "So kann ich sagen, ob ,Bits gekippt' sind, ob aus Einsen Nullen, oder aus Nullen Einsen geworden sind." Er analysiert, ob sich die gespeicherten Daten auf dem Herzschrittmacher durch Strahlung ändern.

Große Bleitüren riegeln das Flouroskop nach außen ab. Durch kleine Fenster sieht man das Durchleuchtungsgerät. Im "Body-Phantom" stecken die Platinen, SD-Karten und ein "Dosimeter", das die Strahlung misst. Mit einer Fernsteuerung stellt Katharina das Flouroskop ein. Das Bild prüft sie am Monitor. Dann drückt sie auf ein Fußpedal. Der Körper wird bestrahlt.

In Kliniken gehört das Durchleuchten zur Röntgendiagnostik. So sehen Ärzte kontinuierlich Vorgänge im Körper mittels Röntgenstrahlung. Eine Durchleuchtung dauert zwar wesentlich länger als eine Röntgenaufnahme, belastet aber den Körper weniger mit Strahlung. Die Aufnahmetechnik ist eine andere: Bildverstärker mit digitalem Bildspeicher senken die Dosis.

Industrie muss mittun

"Ich bin gespannt, ob es klappt", sagt Stich. Die Datenreihe ist geschafft. Dann ist die erste Gruppe dran, diese auszuwerten. "Wir sparen uns mit den Viertsemestern fast einen Tag", erklärt der Doktorand. Die Studenten sind zum ersten Mal am ILO. "Es ist super, dass wir in die Forschung eingebunden werden. An der OTH hätten wir keine Möglichkeit, an so einem Projekt mitzuarbeiten", sagt Student Matthias.

"Die Geräte sind neuer, wir haben mehr Platz und sehen alles in Aktion", pflichtet ihm eine Kollegin bei. In drei Gruppen werten die 18 Viertsemester Messdaten aus, machen Übungen am C-Bogen-Röntgengerät und helfen bei der Flouro-Bestrahlung. "Toi toi toi", sagt Stich, bevor es losgeht. Katharina gibt letzte Anweisungen: " Wenn ich ,Start' sage, drückst du das Fußpedal zur Strahlung, du startest das Mess-Programm und du stoppst die Zeit."

OTH-Professor Franz Magerl hat den Innovativen Lernort bei Siemens Kemnath mit aufgebaut, seit April 2016 ist er in Betrieb. "Wir machen das für die Region." Hier in der Oberpfalz sei die Umsetzung leichter als in Ballungszentren. "Die Wege sind kürzer, Kontakte knüpfen sich leichter. Wir haben hier große Spieler, warum keine Kooperation?" Er selbst nutzt den ILO gerne mit Studenten, je nach Bedarf, Projekt und Semester.

Siemens-Healthineers-Standortleiter Alfred Koch denkt an die Zukunft: "Wir brauchen eine breite Basis an gut ausgebildeten Leuten. Der Staat alleine kann das nicht stemmen. Die Industrie muss ihren Beitrag leisten", erklärt Koch. Besonders im Studiengang Medizintechnik sei es naheliegend, dass Siemens-Healthineers mit investiert. In Ausbildung und Nachwuchskräfte. "Wir haben ja die notwendige Ausstattung." Die Oberpfalz als Wirtschafts- und Wissensregion bündelt in diesem Pilotprojekt der ILO Expertise und Spezialistenwissen und verteilt sie auf verschiedene Schultern zum Vorteil der Region.

Idee aus Weiden

Die 15 Innovativen Lernorte sind für alle Studiengänge an der OTH Amberg/Weiden offen. Einige Lernorte sind vorrangig für einzelne Studiengänge, wie die Kliniken Amberg oder Weiden oder Siemens für Medizintechnik und Ingenieure. Für alle Besucher öffnet das Kemnather Werk des Weltkonzerns am Samstag, 1. Juli. Der "Tag der offenen Tür " dauert von 15 bis 19 Uhr. Um 15.30 Uhr erklärt ein Vortrag, "Wie mit der neuen Visualisierungstechnik spektakuläre Bilder aus dem Körperinneren entstehen".

Das Kloster in Speinshart ist für alle Studenten. Dort finden Exkursionen statt oder Tagungen der Hochschule, Diskussionsrunden für Ingenieure über Ethik, Nachhaltigkeit oder Umwelttechnik. Ziel ist, neue, andere Lernorte zu schaffen, abseits des Campus. Studenten sollen praxisnah Erfahrung im Unternehmen sammeln. Durch die Kooperation gelingt die Vernetzung des Arbeitsmarkts und eine Perspektive für Studenten. "Die ILO bieten eine Atmosphäre abseits des Campus. Ein kreatives Millieu. Die Studenten können sich angenehmer und länger Zusammensitzten. Und sind bei Projekten dennoch betreut", sagt Hochschulentwicklungsbeauftragter Wolfgang Weber.

Das Konzept, die Idee aus Weiden, wird aus der Nordbayerninitiative des Freistaats unterstützt. Das Modellprojekt des Innovativen Lernorts an der OTH ist bundesweit das erste seiner Art. Vor Kurzem wurden der Hochschule weitere Förderungen zugesagt. Bis 2018 sollen fünf ILO dazukommen. (szl)

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