Renommierter Wissenschaftler spricht bei Siemens in Kemnath
Ohne die digitalen Helfer geht es nicht mehr

Dem Thema "Mensch und Industrie 4.0 - von Assistenzsystemen zu Machine Learning" widmete sich Prof. Dr.-Ing. Gunther Reinhart (links) bei Siemens. Rechts Standortleiter Alfred Koch. Bild: cf
Wirtschaft
Kemnath
14.03.2018
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"Technologie-Transfer geht nur über die Köpfe." Auf den pragmatischen Boden der realen Arbeitswelt holt der Referent das Mega-Thema "Industrie 4.0". Der Ordinarius für Betriebswissenschaften und Montagetechnik an der TU München, Professor Dr.-Ing. Gunther Reinhart, setzt bei Siemens in Kemnath - im Zusammenwirken mit der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen der OTH Amberg-Weiden - die hochkarätige Vortragsreihe fort.

Alfred Koch, Standortleiter von Siemens Healthineers, forciert die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, um sich der "massiv veränderten Arbeitswelt" zu stellen. "Ist 4.0 wirklich eine Revolution?" Reinhart sieht in dem Begriff vor allem einen Appell der Industrie, Rationalität und Produktivität zu erhöhen; er stellt eine "außergewöhnliche Steigerung der Informationsdichte" fest.

"Spielerisches Lernen"

So heiße "Big Data" schlichtweg großes Datenvolumen - "nicht mehr". Es liege ausschließlich am Menschen, aus diesen Rohdaten Wissen zu gewinnen. Der Wissenschaftler erklärt auch den Unterschied von digitalen Mode-Begriffen: "Data Scientist entspricht Wissen, von dem man nicht weiß, dass man es nicht weiß. Data Analytics stellt Wissen dar, von dem man weiß, dass man es weiß ..." Faszinierend erläutert der renommierte Referent Kognitive Assistenzsysteme (Unterstützung der Denk-Arbeit, um die wachsende Komplexität der Montage-Prozesse zu beherrschen) und physische Assistenzsysteme etwa mit Robotern. Als geschäftsführender Direktor des Fraunhofer-Instituts in Augsburg informiert Reinhart über die dortige "modellhafte Lernfabrik für vernetzte Produkte", etwa Sprach-Eingabe. So reagieren Bildschirme auf Gesten, "hin zur Interaktion, weg vom Papier und von statischen Bildern".

Natürlich stehe bei diesen Automatisierungs- und Assistenzsystemen der Kostenfaktor ("Low Cost") im Vordergrund. Immer mehr Verbreitung finden beispielsweise spezifisch auf das Arbeitsumfeld abgestimmte "Smart Watches" für die Mitarbeiter. So gehört die Gebrauchsanweisung bald der Vergangenheit an: Sie wird ersetzt durch eine universelle, leicht verständliche "Symbolsprache" zur Erklärung von (komplizierten) Montageplänen.

Reinhart betont, dass mobile Roboter, die schon auf Zeichen und Gesten reagieren, die körperliche Belastung der Mitarbeiter deutlich reduzieren. Durch "Modellierung" der Druckqualität über "neuronale Netze" gelang es etwa, die Makulatur (An- und Fehldrucke bei Zeitungen) um bis zu 85 Prozent zu verringern. In der anschließenden Diskussion gibt der Referent klar zu verstehen, dass die klassischen Schulungsmaßnahmen dem rasanten Tempo der Digitalisierung nicht mehr folgen können: "Ohne die Eigendynamik der Menschen schaffen wir es nicht." Der Professor plädiert für das "spielerische Lernen" und prognostiziert, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland ohne die Nutzung der digitalen und elektronischen Helfer geschmälert werde. Er sieht hier China als größten Konkurrenten am Weltmarkt. Der Wissenschaftler empfiehlt, "nicht unter der Käseglocke des Erfolgs zu verschimmeln, sondern ab und zu auch mal zu lüften ..."

Der Mensch ist das zentrale Element, um aus Daten Wissen zu machen.Prof. Dr.-Ing. Gunther Reinhart


Zur PersonProf. Dr.-Ing. Gunther Reinhart ist Ordinarius für Betriebswissenschaften und Montagetechnik an der TU München. Hier hat er den Lehrstuhl am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswirtschaften (ibw) inne. Seit 2016 führt Reinhart das Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik (FhG IGVC) in Augsburg. Er ist wissenschaftlicher Beirat der nationalen Plattform Industrie 4.0, Themensprecher der Plattform Digitale Produktion des Zentrums Digitalisierung Bayern und Leiter des Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrums Augsburg. (cf)
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