Journalistin Kristin Helberg über Syrer in Deutschland und vermeintliche Ängste
„Wir überschätzen den Einfluss des Islam“

Die Journalistin Kristin Helberg ist eine ausgewiesene Syrien-Expertin und kommt am Freitag nach Kirchenthumbach. (Foto: Jan Kulke/photoartberlin.de/hfz)
Kultur
Kirchenthumbach
11.01.2017
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Sie ist eine Syrien-Expertin und gefragte Interviewpartnerin: Die Journalistin Kristin Helberg berichtete von 2001 bis 2008 aus Syrien und lebte in Damaskus. 2016 ist ihr Buch "Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land" erschienen.

Kristin Helberg ist mit einem Syrer verheiratet, hat viele Jahre in Syrien gearbeitet und hat dort Verwandtschaft. Am Freitag, 13. Januar (19.30 Uhr), liest sie im Katholischen Pfarrheim Kirchenthumbach (Landkreis Neustadt/WN). Die Kulturredaktion hat sich mit Helberg unterhalten.

Frau Helberg, welchen Vorstellungen von Deutschland sind Sie während Ihrer Zeit in Syrien begegnet?

Kristin Helberg: Deutschland hat einen guten Ruf im Nahen Osten. Wir waren dort keine Kolonialmacht, sondern sind bekannt für solide Waschmaschinen und guten Fußball. Deutsche gelten als organisiert, fleißig, effizient, zuverlässig und unterkühlt - so weit die Klischees. Menschen, die aus Syrien fliehen, die ihre Heimat verlassen müssen, sind sicher froh, wenn sie in Deutschland ankommen. Und dennoch: Können sie überhaupt darauf vorbereitet sein, was sie in Deutschland erwartet - von der Notunterkunft über die Bürokratie bis hin zum Alltag?

Nein, denn auch wir wundern uns zuweilen. Manch Ehrenamtlicher verzweifelt beim Versuch, die Briefe des Jobcenters in verständliches Deutsch zu übersetzen oder Behördenentscheidungen nachzuvollziehen. Zudem ist es nach Jahren des Krieges, der Flucht und Entwurzelung für manche Syrer schwer, wieder ein geordnetes Leben zu führen. Sie fühlen sich alleine, machen sich Sorgen um Angehörige, sind traumatisiert und überfordert - und müssen trotzdem pünktlich zum Deutschkurs erscheinen, Dokumente übersetzen und die Kinder impfen lassen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch das Leben in Syrien, die Herzlichkeit untereinander, die "Willkommenskultur" gegenüber Fremden, die menschliche Wärme. Inwieweit deckt sich dies mit der Situation in Deutschland?

Das Leben fühlt sich hier für einen Syrer einsamer an. Jeder kümmert sich vor allem um sich selbst, auf der Straße plaudern die Leute kaum. In Syrien ist das Leben ein großes Netzwerk. Familie und Gesellschaft kontrollieren das Verhalten des Einzelnen viel stärker. Bei allem, was ein Syrer tut, fragt er sich, was wohl seine Eltern oder ein guter Freund dazu sagen würden. Dadurch entsteht ein Druck, der bis nach Deutschland reicht. Unsere liberale Lebensart kann deshalb Missverständnisse auslösen. Alles wirkt so frei, dabei gelten auch hier Regeln.

Steht die weit verbreitete und oft geschürte "Angst vor dem Unbekannten" einer Integration von Syrern und Flüchtlingen im Weg? Wie lässt sich diese Angst ablegen?

Angst zu haben ist normal und kann Leben retten. Aber ein abstraktes Angstgefühl sollte nicht unser Denken und Handeln bestimmen. Einige Politiker nutzen und schüren Ängste für ihre Interessen. Dabei sollten sie Ängste abbauen helfen, indem sie Sorgen daraus machen, die man politisch und wirtschaftlich angehen kann.

Was dann an unguten Gefühlen übrigbleibt, klärt man am besten im direkten Kontakt mit dem "Unbekannten", also dem geflüchteten Syrer oder der Frau mit dem Kopftuch. Dann merkt man, dass die vermeintlich Fremden gar nicht so fremd sind, sondern viel mehr mit uns gemein haben als wir denken.

Sie plädieren dafür, mit Blick auf den Nahen Osten und Muslime, die "religiöse Brille abzusetzen" beziehungsweise die Rolle der Religion nicht zu überschätzen.

Im Umgang mit Muslimen sind wir erstaunlich undifferenziert. Egal, was sie machen, der Islam ist an allem Schuld - wenn betrunkene Nordafrikaner Frauen begrabschen, kriminelle Clans Teile Berlins terrorisieren oder arabische Despoten ihre eigene Bevölkerung unterdrücken. Bei anderen Weltregionen machen wir das nicht - weder gilt in Lateinamerika der Katholizismus als verantwortlich für Gewalt gegen Frauen und Drogenkriege noch der Buddhismus für Unterdrückung, Ausbeutung und Sexsklaverei in Asien.

Wir überschätzen den Einfluss des Islam. Wie jeder Katholik, Protestant oder Agnostiker tun auch Muslime Dinge, weil sie arm oder reich, gebildet oder ungebildet, nett oder einfach bescheuert sind. Jedenfalls nicht nur, weil sie Muslime sind. Sonst müssten wir auch einen konfirmierten Pädophilen als evangelischen Kinderschänder bezeichnen und einen bayerischen Bankräuber als katholischen Kriminellen. Wir sollten Muslimen deshalb als Menschen mit unzähligen Eigenschaften begegnen und sie nicht auf ihren Glauben reduzieren.

Den syrischen Präsidenten Assad charakterisieren Sie als "Kriegsverbrecher", der Bomben auf die eigene Bevölkerung werfen lässt. Welche Zukunft sehen Sie für das Land?

Es geht nicht um meine Meinung, sondern darum, dass Assad nachweislich Kriegsverbrechen begeht. Was in Syrien passiert, ist der am besten dokumentierte Massenmord in der Geschichte. Dank der neuen Medien sind wir fast live dabei. Der Konflikt wird irgendwann am Verhandlungstisch enden, aber bislang fehlen dafür die Voraussetzungen. Denn eine Kriegspartei - das Regime - kann machen, was sie will und hat alles, was sie braucht, um einen militärischen Sieg herbeizuführen: Verbündete, Massenvernichtungswaffen und freie Bahn.

Warum sollte Assad über politische Kompromisse verhandeln? In den von ihm eroberten Gebieten wird Friedhofsruhe einkehren. Das Morden geht aber in den Gefängnissen und Folterzentren weiter. Dort ist es nur für uns weniger sichtbar und folglich erträglicher als die Fassbomben auf Wohnhäuser. Assad säubert das Land politisch. Wer seine Macht in Frage stellt, wird verfolgt, gefoltert und getötet. Am Ende bleiben jene, die sich beugen. Denn im Kern geht es in Syrien seit Jahrzehnten nur um eins: Loyalität. In der Praxis wird daraus Totalitarismus Da ist kein Platz für andere Meinungen.

Wann besuchen Sie das Land und Ihre Verwandtschaft wieder?

Ich weiß es nicht. Aber wenn die Freiheit irgendwann siegt, will ich dabei sein.

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Kristin Helberg: "Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land". (272 Seiten, Herder-Verlag, 24,99 Euro)
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