10.04.2017 - 17:20 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Aufzucht per Hand: Beim Garteln fünf Mäuse-Babys im Gemüsebeet gefunden Mäuserettung für die Katz'

Mäuse im Garten sind eine unerfreuliche Angelegenheit. Eigentlich auch für Jessica Ronasi. Im Gemüsebeet können sie nicht bleiben. Da hatten die fünf Mäuse-Babys nur Glück, dass ihr Nest im Gemüsebeet einer Tierliebhaberin war. Dennoch war am Ende alle Liebesmüh umsonst.

von Lena Schulze Kontakt Profil

30. März, die ersten warmen Tage im Jahr: Jessica Ronasi hat endlich die Muse das Projekt "Gemüsegarten" in Angriff zu nehmen. Schon länger wünscht sich die Kirchenthumbacherin Tomaten, Gurken und Mais im Beet. Ihr Schwiegervater hilft ihr dabei. Die Sonne knallt in den Vorgarten. "Oh, Mist", ruft der Helfer plötzlich. Auf der Gabel wuseln zwischen der Erde fünf nackte, schrumpelige Tierchen.

"Geekelt hab' ich mich nicht. Ich bin erschrocken. Sowas hab ich noch nicht geseh'n", sagt die Heilerziehungspflegerin. Der Schwiegervater hat ein Mäusenest aufgestochen. Zum Vorschein kamen fünf Mäuse-Babys. Dunkelrote, durchsichtige Haut, keine zwei Zentimeter lang. Höchstens zwei Tage alt, schätzen die Finder. "Die müssen da weg", entscheidet die 29-Jährige. Von der Mäuse-Mama keine Spur. Mit klobigen Handschuhen verlagert sie die "Wuzala" in ein Moos-Nest fünf Meter unterhalb des Gemüsebeets.

Die Arbeit war vergessen: Als erstes ruft Jessica eine Freundin an, die mal einen Igel gefunden hat. "Was tun?" Auch der Anruf beim Tierarzt bringt nichts. Niemand kennt sich mit dem Mäusenest-Fund aus.

Jessica packt die Fünf in einen Karton und bringt sie ins Haus. Eine gewöhnliche Hausmaus, keine Spitz-, Wühl- oder Feldmaus. Sie fährt los und kauft eine Box, Katzen-Muttermilchersatz-Pulver und ein Mäuse-Buch. "Die ersten Nächte waren die Hölle", alle zwei bis drei Stunden steht Jessica auf, rührt das Pulver an und füttert die Findlinge. Wenn sie nach der Nager-Fütterung nicht wieder einschlafen kann, sucht sie Infos in Netz und schaut Videos über Mäuse-Aufzucht auf Youtube. "Ohne Internet wäre das alles Irrsinn. Ich wüsste nicht, was ich mache."

Zwei Tage nach dem Fund, gingen die Ohren der Kleinen auf. Nach mittlerweile eineinhalb Wochen wächst ihnen ein dunkelbrauner Flaum. Auseinanderhalten können Jessica und ihr Freund Andreas Iberl die Mäuse nicht. Deswegen haben sie auch keinen Namen. Nur eine Maus quietscht ständig. Auf dem Fensterbrett im Esszimmer wachsen Setzlinge für Wassermelonen, Sauerampfer, und Kräuter. Das Pflanzprojekt ruht derzeit. Jetzt gibts Essen für die Mäuse. Andreas steht in der Küche und rührt das Pulver frisch an. Jessica holt die Mäuse-Box aus dem Badezimmer. Im zweiten Waschbecken, in der Box, auf einem Heizkissen, zwischen Zeitung und Zewa, liegen die Findlinge. Jessicas größte Sorge ist, dass die Babys es nicht warm genug haben. Mit Gummihandschuhen holt sie Schicht für Schicht Küchenkrepp raus, bis die Mäuse auftauchen. "Von Tag zu Tag werden sie wuseliger und lebendiger", manchmal gehen sie auf Wanderschaft und sind in unterschiedlichen Schichten zu finden. Nur ein Mäuschen ist an Tag acht gestorben.

Anfangs träufelt Jessica den Mäusen die Milch mit einer Spritze ein. "Eine Tortur", entweder kam gar nichts raus, oder der Tropfen war zu groß und überflutete das Mäuse-Gesicht. Nachdem auch Schaschlikspieße nicht funktionierten, behilft sie sich mit einem Pinsel. Mal hilft ihre Mutter, mal ihr 36-jähriger Freund. Je nachdem ob sie zu zweit füttern oder alleine, dauert die Aktion zwischen zehn Minuten und einer Dreiviertelstunde, bis die fünf Mäuse satt sind. Während sich eine Maus am Pinsel von Andreas festsaugt, streicht Jessica ihre rosagefärbten Haare hinters Ohr und holt sich die Nächste aus der Box. Mit einem Wattestäbchen massiert sie vorsichtig den Bauch der Mäuse. Das hat die Mäuse-Mama in einem Video gesehen. Es soll die Darmaktivität anregen.

"Wir versuchen einfach, die Mäuse durchzubringen", sagt Andreas zur Aktion seiner Freundin. "Wenn wir es schaffen, gut, wenn nicht, dann haben wir es versucht." "Die meisten hätten wahrscheinlich gleich mit dem Stiefel draufgetreten." Nicht die beiden. "Ich bin ein absoluter Tiermensch. Schon immer", erklärt Jessica. "Ich find's toll, sowas hat nicht jeder." Vielleicht ist es auch der Mutterinstinkt. Die 29-Jährige ist im fünften Monat schwanger. Über Facebook meldete sich auch ein Schlangen-Besitzer: "Für meine Phyton würd' ich sie nehmen." "Nein", sagt Jessica entrüstet. "Dafür ziehe die Fünf nicht groß. Da hängt Arbeit und Zeit drin."

Am Wochenende dann die Ernüchterung: Jessica füttert am samstagmorgen die übrigen vier Mäuse. "Wärend ich massiert hab, sind sie immer ruhiger geworden." Weitere zwei Mäuse sterben. Die Mäuse-Mama macht sich Sorgen. Ihr fällt auf, dass die Mäuse nicht mehr gekotet haben. "Vielleicht fehlt doch die richtige Muttermilch, vielleicht haben sie einen Virus?" Dann ging es schnell. Am Mittag liegen die letzten beiden Mäuschen tot in der Box. Jessica ist am Boden zerstört. "Wir waren schon so weit. lch bin schon sehr traurig und musste weinen." Sie haben die fünf Mäuse-Babys im Garten begraben und Blumen dazugelegt. Auch das Wegräumen der Box machte Jessica noch zu Schaffen. Dabei sollten die kleinen Mäuse demnächst Zähne kriegen. Im Wald wollte sie die Fünf in zwei bis drei Wochen aussetzten. "Ich dachte echt, sie schaffen es."

Die ersten Nächte waren die HölleMäuse-Mama Jessica Ronasi

Hintergrund

Experten zum Mäuse-Fund

"So einen Fall hatte ich noch nie", sagt Claudia Saller, Gartenfachberaterin im Landkreis Neustadt. Für sie wäre entscheidend, auf was sie beim Garteln stößt. "Bei Fledermäusen, Vögeln, Eichhörnchen, oder geschützten Tierarten wie Feldhamstern oder Haselmäusen würde ich mich an die Untere Naturschutzbehörde wenden", erklärt die Gartenexpertin. "Aber eine normale Maus?"

Martin Kraus, Sachbearbeiter für Naturschutzrecht im Landratsamt Neustadt sagt: "Laut allgemeinen Tierschutzrecht ist es verboten, Tieren ohne Grund schmerzen zuzufügen, oder Wildtiere von ihrem Standort zu entnehmen. Eine Ausnahme ist die Mäuse-Bekämpfung im Garten." Je nach Art gelten sie als Schädling. "Bei Jungtieren ist das so eine Sache", findet er. "Die Mäuse-Babys kann man, wenn sie geschwächt und hilflos sind, vorübergehen pflegen und dann freilassen." Bedenken, dass die Tiere nicht überleben, hätte Kraus nicht. "Ich würde hoffen, dass es sich die Mäuse nicht wieder im Gemüsegarten gemütlich machen.

Einen Tier-Fund sollten Betroffene der Naturschutzbehörde nur melden, wenn man Arten findet, die geschützt sind, oder die man nicht kennt. (szl)

Aus die Maus!

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