11.05.2018 - 17:10 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Michael Lindner muss als Bub seine Heimat, den Truppenübungsplatz, verlassen Erinnerungen eines Vertriebenen

Die alte Heimat so nah, und doch so fern. Zu dem Dorf, wo Michael Lindner aufgewachsen ist, kann er nicht einfach hinfahren. Um den Ort betreten zu können, braucht er nämlich eine Genehmigung.

Michael Lindner erinnert sich noch genau an die Zeit, als er als Bub aus seiner Heimat - dem heutigen Truppenübungsplatz - vertrieben wurde. Traurige Gedanken verbindet er dabei mit so einer Blechwanne. Bild: spi
von Anne Spitaler Kontakt Profil

Sassenreuth. Als Bub lebt Michael Lindner mit seiner Familie dort, wo sich heute die Sperrzone wie eine riesige, unsichtbare Kuppel über Wälder, Weiher, Ruinen, Schießbahnen und Soldaten-Camps stülpt. Braunershof, ein Weiler im Truppenübungsplatz von Grafenwöhr, ist sein Zuhause, bis er acht Jahre alt ist. Dann vertreibt die amerikanische Militärregierung 1947 die Menschen dort aus ihrer Heimat, ihrem Alltag und beanspruchen das Gebiet für sich - der Truppenübungsplatz in seinen jetzigen riesigen Dimensionen und seiner Unnahbarkeit war geboren. An die Vertreibung und an die schwere Zeit ohne Essen, Strom und in großer Armut erinnert sich Lindner noch genau - es sind keine guten Gedanken.

Heute sitzt der 79-Jährige auf einem Stuhl in seiner warmen Küche in Sassenreuth bei Kirchenthumbach, gut gekleidet und zufrieden. Ihm und seiner Frau fehlt es so gut wie an nichts. Seine Kindheit war da anders. Lindner wird 1939 - zur Kriegszeit - in Braunershof geboren. Sein Vater Joseph hat einen Arbeitsplatz in Grafenwöhr - "ein Sechser im Lotto", wie Michael Lindner es nennt. Dann muss der Vater in den Krieg ziehen. Die Mutter, Therese Lindner, kümmert sich allein um den kleinen Michael und seinen älteren Bruder Paul.

Während der Kriegszeit quartieren sich für kurze Zeit auch zwanzig SS-Soldaten in Braunershof ein. In der Scheune gegenüber vom Haus der Lindners bauen sie eine Feldküche auf und wohnen dort. "Mein großer Bruder Paul und ich sind immer rüber und haben von den Soldaten Eintopf bekommen", erzählt Lindner. Er lächelt. Die Soldaten gehören schon zum Alltag der Dorfbewohner. Als der kleine Michael sechs Jahre alt ist, verändert sich die Welt um ihn herum aber plötzlich. Eines Tages rollen auf der Reichsstraße 85 in der Nähe des Schlatter-Weihers amerikanische Panzer an. Die stationierten zwanzig SS-Soldaten eröffnen das Feuer. "Ein Soldat hat vom Hauseck aus mit einem Gewehr auf die Panzer geschossen. Lachhaft war das", erzählt Lindner. Er und sein Bruder stehen im Hof und beobachten alles. Die Mutter hängt gerade Wäsche auf, ihr wird erst bewusst, dass es sich um einen Ernstfall handelt, als sie ein Soldat anspricht. "'Frau Lindner', hat er gesagt, 'wollen Sie nicht rein gehen - und Ihre Kinder schützen?'", weiß Michael Lindner noch. Erst da habe seine Mutter begriffen, dass es keine alltäglichen Übungsgeräusche sind. Es herrscht Krieg. Die Amerikaner brennen die Gegend um das Dorf nieder, die sieben Häuser von Braunershof aber bleiben verschont. Die SS-Männer flüchten, ein Dorfbewohner mit dem Namen Wimmer-Schreiner holt ein weißes Bettlaken, um sich zu ergeben. Die US-Soldaten stellen das Feuer ein und besetzen das Dorf.

Menschen hungern

"Frauen, Kinder, Greise - alle wurden gefangen und in eine Scheune gesperrt", erzählt Lindner. Unter den Gefangenen ist auch er. "Wir hatten solche Angst. Aber die Amerikaner waren nett zu uns, haben uns Kindern Schokolade geschenkt." Allerdings sind auch andere - weniger schöne - Erinnerungen da. Manche Soldaten machen sich einen Spaß daraus, vom oberen Stockwerk der Scheune auf die Gefangenen zu pinkeln, erinnert sich der 79-Jährige. Während die Menschen in der Scheune kauern, durchsuchen die Amerikaner die Häuser nach deutschen Soldaten. Erst als alles überprüft ist, dürfen die Gefangenen wieder in ihre Häuser zurück. Und auch die Amerikaner bleiben in dem Dorf, das Gebiet gehört nun ihnen. "Wir haben nichts zum Leben gehabt", erzählt Lindner von dieser schweren Zeit. Nur ein paar Ziegen, Kartoffeln, Eier und Gänseküken, und selbst die nehmen ihnen die Soldaten weg. "Die Amerikaner haben unter einer umgedrehten Blechwanne ein Feuer geschürt und die Küken auf dem Blech gebraten. Uns gaben sie nichts ab." Die Mutter versucht, ihre Kinder mit dem Wenigen, das noch da ist, zu ernähren. Als ein Soldat ihr selbst die Schachtel Eier aus der Hand nimmt, beichtet sie ihren Kindern weinend, dass sie ihnen nun nicht einmal mehr eine Suppe machen kann.

Schließlich kommt der Vater vom Krieg zurück, die Familie versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Doch 1947 werden die Braunershofer, so wie viele andere vor ihnen auch, aus ihrer Heimat vertrieben. Sie gehören zwar zu den Bewohnern, die nach der Erweiterung des Truppenübungsplatzes 1938 durch die Nationalsozialisten - also vor 80 Jahren - zunächst noch geduldet waren. Doch das ist nach Kriegsende nun vorbei. "Die Amerikaner sagten uns, dass das Gebiet Truppenübungsplatz ist, und wir nun gehen müssen." Damit die Familie woanders ein Dach über dem Kopf hat, muss sie das Haus, in dem sie wohnt, dem Deutschen Reich zuerst abkaufen, um es abreißen und am neuen Heimatort wieder aufbauen zu dürfen. Jedes Fenster, jede Tür, jeden Dachziegel, jeden Stein bauen die Lindners in Braunershof ab und nehmen alles auf Pferdefuhr-, Kuh- und alten Lastwägen eines Fuhrunternehmens mit ins nur wenige Kilometer entfernte Metzenhof - ihrem neuen Zuhause. Dort setzen sie wieder Stein auf Stein und bauen alles erneut auf.

Zurück zu den Wurzeln

"Es war ein kleines, dürftiges Haus. Kein Strom, Wasser nur aus dem Brunnen", erzählt Lindner und legt seine Stirn in Falten. "Wir hatten kein Geld. Es war eine schlimme Zeit." Immer wieder zieht es ihn als Jugendlichen zurück an seinen nur wenige Kilometer entfernten Geburtsort Braunershof. Bis er 14 Jahre alt ist, schleicht er sich durch den Wald zu den Ruinen und sieht sich dort um. Viel übrig ist aber nicht mehr, die Menschen haben ihre Häuser fast restlos abgebaut und mitgenommen.

Auch heute noch besucht er seine alte Heimat immer wieder. Zwar nicht spontan, das ist nicht mehr möglich, aber mit einem Besucherbus macht er ab und zu eine Tour in den Truppenübungsplatz und sieht so seinen Geburtsort wieder, den sich die Natur langsam zurückgeholt hat. Dort am Friedhof liegen auch seine Großeltern begraben. Jeder Ausflug in den Übungsplatz ist für Michael Lindner deshalb auch zu einem Sprung zurück in die Vergangenheit geworden, zu einem Sprung zurück zu seinen Wurzeln, die er nie vergessen wird.

Frauen, Kinder, Greise - alle wurden gefangen und in eine Scheune gesperrt.Zeitzeuge Michael Lindner erzählt über die Vertreibung aus dem Truppenübungsplatz

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp