09.03.2018 - 21:58 Uhr
Kirchenthumbach

Nach Erdbeben: Aufbauhelfer in Bhaktapur Nach 40 Jahren: Martin Kohl hilft "seiner" Königsstadt

Ein Welterbe steht auf dem Spiel: Ein Erdbeben zerstört 2015 große Teile Bhaktapurs. Ein Kirchenthumbacher investiert nun viel Zeit in den Wiederaufbau. Für Martin Kohl ist es das zweite Mal, dass er an der Rettung der alten nepalesischen Königsstadt mitarbeitet.

Auf dem Weg zum Wiederaufbau: Martin Kohl in den Straßen Bhaktapurs. Bilder: Robert Neuber (2)
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

"Schreiben Sie nur nicht Retter!" Man hört Martin Kohl an, dass er es gewohnt ist, anzuschaffen und anzutreiben. Derzeit treibt er den Wiederaufbau Bhaktapurs voran. Ein Erdbeben hat im April 2015 rund 70 Prozent der Altstadt zerstört. Die Unesco hatte sie unter anderem wegen der 172 Tempel schon 1979 zum Weltkulturerbe erklärt. Es geht also sehr wohl um eine Rettung. Der Bauunternehmer will aber nicht als "Retter" firmieren. "Ich bin einer von vielen, die mitarbeiten", sagt der 73-Jährige.

Das Besondere: Es ist das zweite Mal, dass die Rettung der historischen Stadt ihn umtreibt. Von 1974 bis 1979 war der Bauingenieur als Entwicklungshelfer dort, die Stadt im Kathmandu-Tal war nicht nur Arbeitsplatz. Die Kinder Franziska und Stefan kamen in Nepal zur Welt. "Ich habe in der ersten Fußballliga gespielt", sagt Kohl. Als Musiker war er in einer Kapelle aktiv, die Jazz mit nepalesischer Musik kombinierte. Man kann Kohl ansehen, dass er gerne an die Zeit zurückdenkt.

Das gilt auch aus beruflicher Sicht. Das Projekt sei für die Entwicklungshilfe wegweisend gewesen. "Aus der ganzen Welt kamen Experten, um zu lernen." Am Anfang stand ein Geschenk zur Krönung Königs Birendra. Die deutsche Botschaft hatte versprochen, ein altes Pilgerhaus zu sanieren. Dabei entstand die Idee, auch etwas für die Menschen Bhaktapurs zu machen. "Die Hygiene war katastrophal. Es gab kaum eine Handvoll Toiletten", erinnert sich Kohl.

Die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit beauftragte ein Planungsbüro aus Heidelberg mit dem Projekt. Im Team aus Stadtplanern, Ingenieuren und Architekten war Kohl für die Infrastrukturmaßnahmen zuständig. Er kümmerte sich vor allem um ein Kanalsystem, erst für ein Viertel, bald für die ganze Altstadt. Der Erfolg hatte mit einem guten Stadtentwicklungsplan zu tun, erinnert sich Kohl. Andererseits war die Planung flexibel. "Wir haben gleichzeitig geplant und gebaut." So konnte die Helfer kurzfristig auf Herausforderungen reagieren. Der Erfolg machte sich bald bemerkbar, etwa in der rasch deutlich sinkenden Kindersterblichkeit.

Kein Wunder, dass Martin Kohl der Stadt verbunden blieb, als er 1979 nach Deutschland zurückkehrte und das Kirchenthumbacher Bauunternehmen Kollmer übernahm. Mehrere Male war er in "seinem" Bhaktapur zu Besuch. Entsprechend nahe ging ihm die Nachricht vom Erdbeben: Über 8700 Menschen verloren ihr Leben. Auch Bhaktapur war schwer getroffen. Für Kohl stand fest, dass er etwas tun muss. "Zehn Tage nach dem Beben war ich dort."

Auch die Bhaktapuris hatten Kohl nicht vergessen. Ältere kannten ihn persönlich, Jüngere von Fotos und aus Erzählungen. Kohl berichtet von viel Sympathie, aber auch Erwartungen. "Die Menschen sahen mich als offiziellen deutschen Vertreter. Ich musste fast laut werden, um klar zu machen, dass ich privat dort bin."

Inzwischen war Kohl sechs Mal als Vorsitzender des Vereins "Wiederaufbau Bkahtapur" in der Stadt, in seiner Freizeit neben der Arbeit für seine Baufirma, in der inzwischen sein Sohn viel Verantwortung übernimmt, wie Kohl sagt. So kann Martin Kohl Zeit und Energie in den Wiederaufbau stecken. Seine Kontakte und sein guter Ruf helfen ihm dabei: "Der Bürgermeister ist zwar Maoist, als kleiner Junge ist er mir aber immer zwischen den Beinen herumgelaufen, wenn ich in der Stadt unterwegs war." Als Kohl fragte, ob er sich engagieren darf, habe der Mann nur gesagt: "Du kannst hier machen, was du willst, wir vertrauen dir."

Die Hygiene war katastrophal. In der Stadt gab es kaum eine Handvoll Toiletten.Martin Kohl über Bhaktapur im Jahr 1974

Wiederaufbau Bhaktapur

Um Kräfte zu bündeln, konzentriert sich der Verein "Wiederaufbau Bhaktapur" auf die Trinkwasserversorgung der Stadt. Er finanziert, installiert und wartet Paul-Wasserfilter. Die Erfindung der Uni Kassel reinigt Wasser, ohne Infrastruktur zu benötigen. Der Verein übernimmt zudem Ausbildungspatenschaften: Jungen Leuten wird eine Schnitzer-Lehre finanziert. Weiter helfen Martin Kohl und seine Mitstreiter bei der Reparatur von Schulen und Baudenkmälern, stehen als Berater bereit. Ein Team vor Ort kümmert sich um die Umsetzung.

Rund 100 000 Euro hat der Verein schon gesammelt und praktisch vollständig in den Wiederaufbau gesteckt. Verwaltungs- und Reisekosten tragen die Mitglieder selbst. Allmählich zeigten die Bemühungen Erfolg, Touristen kehren zurück, Tempel sind restauriert. Vieles laufe aber auch falsch. Eigentümer zerstörter Altstadthäuser können sich den Wiederaufbau nicht leisten und ziehen in die Neustadt. "Bhaktapur braucht ein Stadtentwicklungskonzept. Wir brauchen einen Masterplan", sagt Kohl. Sein Verein ist bereit beizutragen. Spenden : Wiederaufbau Bhaktapur; Raiffeisenbank Oberpfalz Nord-West, IBAN DE78770697640004412761

Mehr zur Arbeit des Vereins: www.wiederaufbau-bhaktapur.de oder im Film "Die zweite Rettung Bhaktapurs ", den Robert Neuber als Abschlussarbeit seines Studiums an der OTH Amberg gedreht hat. Premiere feiert der Film am 22. März, 20 Uhr, im Pfarrheim Kirchenthumbach. (wüw)

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