28.03.2018 - 20:00 Uhr
Kirchenthumbach

Vater kehrt vor Ostern aus der Kriegsgefangenschaft zurück Vor 70 Jahren heimgekehrt

Am Gründonnerstag werden es 70 Jahre, dass mein Vater, aus seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich entlassen wurde und wieder in seine Heimat Kirchenthumbach zurückgekehrt ist. Ich erinnere mich an den Tag so genau, als sei er erst gestern gewesen.

Das Bild zeigt den Gefangenenchor im Lager in Rennes. Dritter von links ist Dr. Contzen, der Gottesdienste zelebrierte, und rechts Michael Paulus, der ihm aus einer Zelt-Leinwand das Messgewand dazu geschneidert hatte. Archivbilder: gpa (2)
von Georg PaulusProfil

Es war Ostermontag, 29. März 1948, mein Bruder, acht Jahre alt, und ich, zehn Jahre, freuten uns, dass Pfarrer Bollmann bei der Festmesse, die wir mit Mama und unserer Oma besucht hatten, das Emmaus-Evangelium vorlas, statt zu predigen. Wir freuten uns auch über den "gefüllten Gockel", das Ostergeschenk meines Firmpaten, der von "unseren Köchinnen" auf den Tisch gezaubert worden war. Obwohl alles gut geschmeckt hat, beeilten wir uns beim Essen, um rechtzeitig zum "Oierschmeißen" zu kommen. Unsere "Hausfrauen" verstanden das, schließlich sei es ein alter Brauch, sagte die Oma, die sogar einen Tipp dafür hatte, wie Eier nicht so leicht brechen. "Du moußt des Oascherl vom Oa vor'm Schmeißn a weng reibn, nacha bricht's net su leicht."

Es war in der Zeit zwischen dem Kriegsende und der Währungsreform. Gefärbte Eier, dazu noch ein gebackenes Osterlamm war alles, was jeder bekommen hat. Was der Osterhase in großen Mengen in unsere Nester legte, waren Eier. Weil wir einen Hühnerstall voller Hennen hatten, besaßen wir eh viele Eier. Mit den Freunden hatten wir uns auf den Wiesen hinter dem "Xantnerbauer"-Hof zum Eierwerfen verabredet und schon die ersten unserer Oster- eier "zerdeppert", die Trümmer im Gras gesucht, ohne Brot und Salz verspeist, als wild mit ihren Händen fuchtelnd die "Xantnerin" gelaufen kam und außer Atem rief "Schorschl, Hansl, geht's ganz schnell ham, grod is eier Papa ham kumma!"

Es dauerte Sekunden, dann ließen wir die "Xantnermutter" und unsere Freunde stehen, rannten durch den Bauernhof, über die Straße in unser Haus, in die Küche. Dann standen wir ihm gegenüber, einem hageren Mann mit grauen Haaren, gekleidet in einer alten Militärjacke. Wir schauten ihn mit großen Augen an. Nie werde ich vergessen, wie er ganz plötzlich auf uns zukam, uns beide in seine Arme nahm und weinte.

Bananen als Mitbringsel

Dass auch die Mama und die Oma weinten, bemerkte ich erst, als unser Vater sich von uns löste, aus seinem Rucksack zwei kleine, krumme Stangen nahm und jedem eine gab. Es war die erste Banane, die ich damals gesehen habe. Wir müssen ziemlich dumm geschaut haben, als wir in unsere Bananen gebissen haben, denn zum ersten Mal hat unser Vater gelacht, als er uns erklärte, dass erst die Schale runter muss, bevor man Bananen essen kann.

Für die Familie begann eine neue Zeit. Erstes Ziel am nächsten Tag war der Friedhof, wo unser Papa lange am Grab seines Vaters und am Grab von Onkel Georg betete. Der jüngste Bruder unserer Mutter, zur "Arterhaltung" vom Wehrdienst befreit, musste stattdessen in den Flugzeugwerken "Messerschmitt" in Regensburg arbeiten. Er ist bei einem Fliegerangriff ums Leben gekommen und in seiner Heimat Kirchenthumbach beerdigt worden. Wir Buben waren auch dabei, als der Vater die "Danihansn"-Oma, seine Schwiegermutter, besuchte. "Gott sei Dank bist wenigstens du wieder ham kumma", sagte sie, als ihr der Vater die Hand schüttelte und sie weinte. Die tapfere Großmutter hatte im ersten Weltkrieg ihren Mann, im zweiten Weltkrieg alle drei Söhne verloren, jetzt sah ich sie zum ersten Mal weinen.

Dass der "Paulus Michl" wieder da ist, sprach sich schnell herum und erste Kunden meldeten sich. Dank seines Stofflagers aus der Vorkriegszeit konnte er sofort mit der Arbeit anfangen. Hans Krapf und Franz Schiener waren seine ersten "Nachkriegsstiften", denen weitere vier folgten, unter denen auch ich mich befand. War er gut aufgelegt, erzählte er von "früher". Heute unvorstellbar, mit welchen Methoden die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter- partei (NSDAP) vorging. Ganz besonders mein Vater bekam das zu spüren. Als Arbeiter im "Prüschenk"-Steinbruch wurde ihm beim Abkuppeln der "Loren" zum Steine-Transport der Daumen gequetscht, er musste aufhören. Nach dem Motto "zum Schneider langt's noch" begann er die Lehre bei Schneidermeister Georg Vogl. Der Gesellenprüfung folgten die Wanderjahre, in denen er in Maßschneidereien in Leipzig, Berlin und Köln lernte, 1929 in Bielefeld seine Meisterprüfung ablegte und zurück in der Heimat, in der Wohnung seiner Eltern, eine Maßschneiderei einrichtete.

Schikane durch NSDAP

Als mein Vater Obermeister der Bekleidungsinnung Eschenbach wurde und es ablehnte, Mitglied der NSDAP zu werden, begannen die Schikanen. Die Rücknahme von genehmigten Maßnahmen beim Hausbau, Verwarnung wegen des Zeigens der Kirchenfahne an Fronleichnam folgten. Als er 1937 anlässlich der Priesterweihe seines Bruders und dessen Primiz wieder die Kirchenfahne hisste, brachte ihm das eine Woche Haft ein. Dass mein Vater, Jahrgang 1907, einer der ersten war, welche nach Kriegs- beginn einberufen wurden und er weit weg zur Kriegsmarine kam, hatten örtliche Nazis angezettelt, wie erst später bekannt wurde.

"Krieg ist überall und für alle das Schlimmste, was es gibt", war der einzige Satz, den er über die Lippen brachte, wenn er über seine Kriegserlebnisse gefragt wurde. Der Ausbildung in Emden folgten Stationierung in Frankreich. Zunächst in Le Havre, später in der Festung Lorient. Dort erfolgte im Mai 1945 die Gefangennahme durch die Amerikaner und die Übergabe an Frankreich. Er kam in die Gefangenenlager nach Rennes und Brest. Als einer der Marineinfanteristen, die im Auftrag des Kommandanten vor der Gefangennahme geheime Unterlagen zu vernichten hatten, erfuhr er, warum er nur zweimal in sechs Jahren Urlaub bekam, nie befördert wurde. "Kein PG (Parteigenosse), zum Unterführer nicht geeignet", stand in seiner Akte.

Angst um Angehörige

Das Schlimmste im Gefangenenlager war nicht der Hunger, sondern die Angst um die Angehörigen in der Heimat, denn alle wussten von den Bombenangriffen. Gute Kameradschaft half, Wachen zu ignorieren, die gerne MG-Salven abfeuerten. An Weihnachten 1946 kam ein französischer Priester zur Messfeier. Als der hörte, dass unter den Kameraden ein katholischer Priester sei, gab er ihm einen Kelch und Hostien, um Gottesdienste zu feiern. Durch die Hilfe des "Abbe" erhielt mein Vater eine Nähmaschine und Zubehör, um aus Zeltplanen ein Messgewand zu schneidern. Sogar ein "Gefangenenchor", der Gottesdienste umrahmte, entstand. Der "Abbe", ein Meister im "Organisieren", besorgte auch Pinsel und Farbe, damit ein Kamerad, der sich als Kunstmaler entpuppte, ein Kreuz für Messfeiern malen konnte.

Ich mag mir nicht vorstellen, was damals die Einberufung für meine Mutter bedeutete. 1936 Hausbau, im Mai 1937 Hochzeit, im Februar 1938 Geburt des Sohnes und ein Jahr später Einberufung des Mannes. Sie war mit dem Kind, der Schwiegermutter und der eigenen Mutter auf sich allein gestellt. Es folgten Monate voller Ungewissheit über den Verbleib des Mannes. Dann eine Nachricht aus dem Gefangenenlager, sie durfte mit ein paar Sätzen antworten. Fast drei Jahre musste sie warten, bis alles doch noch ein gutes Ende nahm.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp