22.12.2017 - 20:10 Uhr
KönigsteinOberpfalz

Bescherung im Königsstein der Nachkriegszeit Das leibhaftige Christkind

Wie alles, sind auch Weihnachtsbräuche einem stetigen geschichtlichen Wandel unterworfen. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass das Christkind wirklich kommt.

Bis in die Nachkriegsjahre hinein kam das Christkind an Heiligabend zur Bescherung von Kindern als schweigende Figur. Diese Aufnahme entstand 1953 in der Gaststube des Gasthofes Reif, beschenkt wurden die Kinder der Wirtsfamilie Anni und Hans.
von Autor WKUProfil

Im Mittelalter wurden die Kinder noch am Nikolaustag, also am 6. Dezember, beschenkt. Bescheren an Heiligabend gab es noch nicht. Die religiös geprägte Figur des Christkinds wurde erst vom Reformator Martin Luther (1483-1546) geschaffen, weil er sich unter anderem gegen eine personifizierte Heiligenverehrung wandte und das Christkind nicht für einen Heiligen steht.

An Heiligabend, so die christliche Sichtweise, hat Gott seinen Sohn Jesus der Welt als Retter geschenkt. Darum sollten sich Christen an Weihnachten ebenfalls beschenken. Über die Jahre entwickelte sich dann die Vorstellung, die das Christkind immer engelsgleicher machte. Vor 100 Jahren war es auch in Königstein durchaus üblich, dass am Heiligen Abend das Christkind in persona kam. Meist war es eine Nachbarin, eine Verwandte oder eine Bedienstete.

Um das Christkind darzustellen, schlüpften sie oft in ein Brautkleid und zogen sich einen Schleier über das Gesicht. Das Christkind stand wortlos da und überreichte schweigend die Geschenke. Maria Steininger erinnert sich: "Ende der 1930er-Jahre machte bei mir die Hoffmann Resl das Christkind. Im weißen Gewand, ganz verhüllt, brachte sie mir mein Geschenk auf einem Nudelbrett. Eine dunkelblaue Weste und Plätzchen. Jedoch sollte ich zuerst beten. Das tat ich aber nicht, wahrscheinlich, weil ich durch die Gestalt des Christkindes eingeschüchtert war. Leider gab's dann aber auch keine Bescherung. Erst später erhielt ich die Geschenke."

Maria verkleidete sich später selbst oft als Christkind und war an Heiligabend lange unterwegs. Als Dankeschön bekam sie von den Eltern der beschenkten Kinder selbst gebackene Plätzchen und ein Gläschen Schnaps zu trinken. Die Bescherung lief meistens nach dem gleichen Ritual ab. Vor der Haustür läutete ein Glöckchen, das das Christkind ankündigte. Die Kinder sangen ihm ein Lied und beteten danach. Endlich gab es die ersehnten Geschenke. Meist waren es warme Bekleidung, Holzspielzeug und Plätzchen.

In der Adventszeit wurden Stollen und Plätzchen selbst gebacken. Mit den Plätzchen verhielt es sich anders als heute: Sie wurden zwar vor Weihnachten gebacken, durften aber erst an den Weihnachtsfeiertagen gegessen werden. Die Mütter versteckten sie oder sperrten sie ein, damit die Kinder sie nicht finden sollten. "Meistens jedoch suchten wir solange, bis wir sie fanden", erinnert sich Jean Ölmann.

In den Kriegsjahren waren Geschenke schwer zu bekommen. Deshalb wurde das Holzspielzeug oft vom Vater, Onkel oder Großvater selbst hergestellt. Für die Buben war es ein Lastwagen, für die Mädchen eine Puppenküche, die aus Obstkisten zusammengebaut wurde. Auch über selbst gestrickte Puppen, die mit Holzwolle ausgestopft waren, freuten sich die Mädchen sehr.

Oft durften die Kinder nur eine bestimmte Zeit mit ihren Geschenken spielen. Zu ihrem großen Leidwesen wurden ihnen die Sachen sogar wieder weggenommen, um sie ihnen am nächsten Weihnachtsfest wieder zu schenken. Am Heiligabend gab es - wie heute in vielen Königsteiner Familien noch üblich - Bratwürste mit Kraut. Dieses Gericht ging schnell und machte nicht viel Arbeit. Am Ersten Weihnachtsfeiertag wurde meistens eine Gans als Festmahl serviert, mit Knödel und Blaukraut.

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