30.08.2014 - 00:00 Uhr
KonnersreuthOberpfalz

Konnersreuther bewältigen nach Besteigung des Großvenedigers Rettungsübung besonderer Art Härtetest auf dem Gletscher

Sie sind eine eingeschworene Truppe und haben bei ihren Bergtouren schon viel erlebt. Was sich aber nach der Besteigung des 3666 Meter hohen Großvenedigers abspielte, hat sich bei fünf Konnersreuthern um Edgar Wenisch tief ins Gedächtnis eingegraben: Ihr Bergführer verschwand plötzlich in einer Gletscherspalte und sie mussten besonnen und rasch handeln - ein echter Härtetest.

von Udo Lanz Kontakt Profil

Nachdem sie im Vorjahr den Dom und 2012 die Signalkuppe bezwungen hatten, nahmen Edgar Wenisch (54), Josef Lang (33), Andreas Neumann (28), Christian Haberkorn (25) und Christoph Grillmeier (23) jetzt im August den als "weltalte Majestät" bezeichneten Großvenediger in den Hohen Tauern in Angriff.

Von Prägraten (Tirol) aus brach das Quintett zur Roten Säule auf, ein knapp 3000 Meter hoher Berg, der auf dem letzten Abschnitt einen anspruchsvollen Klettersteig aufweist. Nach dem Einstieg war die Truppe erstmals gefordert. "Dort gibt es eine 14 Meter hohe Leiter, die drei Meter nach hinten überhängt. Der absolute Hammer", betont Edgar Wenisch. "Fünf Meter weiter und es wäre mit der Kraft eng geworden."

Flottes Tempo

Weil der Felsen der Roten Säule sehr brüchig ist, haben sich im Laufe der Zeit schon viele Sicherungsdübel aus den Verankerungen gelöst. "Es war ratsam, sich nicht allzu sehr auf die Dinger zu verlassen", erklärt Wenisch. Am Abend war erste Gipfel erreicht und später bei der Johannishütte auf 2200 Metern stieß Bergführer Stefan Wierer aus dem Zillertal hinzu, der die Fünf bereits mehrfach begleitet hatte. "Er sprach von relativ guten Verhältnissen am Großvenediger, erwähnte aber auch, dass sich Monsterspalten gebildet haben." Früh am nächsten Morgen ging es dann los, erstes Ziel war die Defreggerhütte auf 3000 Metern. Stefan Wierer gab wegen später drohender Gewitter ein flottes Tempo vor, so dass die Truppe die Etappe in nur 75 Minuten bewältigte, mehr als doppelt so schnell wie eigentlich üblich.

Nach einer Pause begann mit Steigeisen und Sicherung am langen Seil die Besteigung des letzten Abschnitts. "Konditionell und technisch stellten die 1500 Höhenmeter kein Problem für uns dar", versichert Wenisch. Als besonders reizvoll erwies sich kurz vor dem Erreichen des Gipfels ein schmaler, rund 30 Meter langer Grat, von dem es an beiden Seiten mehrere Hundert Meter weit steil in die Tiefe geht. Fünf Stunden nach dem Start war die Truppe am Ziel. "Mit dem Wetter hatten wir großes Glück, die Aussicht war gigantisch", schwärmt Wenisch und vergleicht das Funkeln der schneebedeckten 3000er-Gipfel mit riesigen Diamanten. "In so einem Moment würde ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Darauf freuen wir uns das ganze Jahr." Doch schon nach kurzer Zeit mahnte Bergführer Stefan Wierer wieder zum Aufbruch: "Der Moment des Triumphes ist kurz."

Auf dem Weg zur "Neuen Prager Hütte" galt es, den größten Gletscher der Ostalpen, den Schaltenkees, zu überqueren. "Das ist sehr gefährlich, weil Spalten von mehreren Hundert Metern Tiefe auftreten", erklärt Wenisch. Sein erster Gedanke beim Anblick der bedrohlich erscheinenden Öffnungen: "Wer da hineinfällt, ist in 50 Jahren der nächste Ötzi."

Eindringliche Warnungen

Mehrmals sprach Stefan Wierer eindringliche Warnungen aus und ordnete an, nur noch am kurzen Seil zu gehen, weil ein Einbrechen auf den von der Sonne aufgeweichten Schneebrücken nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich sei. "Da ist es leise geworden in der Truppe", schildert Wenisch die Stimmung. Nach einer Anleitung, was bei einem Einbruch zu tun ist, ging es weiter. Wenig später überschlugen sich die Ereignisse. Der Bergführer verschwand plötzlich in einer Gletscherspalte. "Als Zweiter am Seil verspürte ich einen heftigen Schlag am Gurt und warf mich auf den Rücken", erinnert sich Wenisch, der dann gesichert durch die anderen Vier vorsichtig nach vorne kroch und voller Ungewissheit nach unten blickte.

Stefan Wierer hing circa 50 Meter tiefer, war wohlauf und rief nach oben, dass Wenisch aufpassen solle, weil dieser auf einer Schneewechte liege und einbrechen könnte. Nun machte sich die Erkenntnis breit, dass der erfahrene Österreicher bewusst in die Spalte gesprungen war, um die Truppe unter Realbedingungen zu testen und deren Sinne zu schärfen - laut Wenisch auch ein enormer Vertrauensbeweis.

Mustergültige Bergung

Die Konnersreuther zogen Wierer nach oben, wie er es ihnen gelernt hatte. "Dabei ist wichtig, dass der zu Rettende nicht durch eine Schneewechte gezogen wird, weil sonst der Brustkorb gequetscht werden könnten und dadurch der Erstickungstod droht", erklärt Wenisch. Am Ende hatten sie eine mustergültige Bergung vollzogen. "Jetzt seid ihr auf die kommenden Gletscherspalten vorbereitet", so Wierers trockener Kommentar in Richtung der noch immer aufgewühlten Konnersreuther.

"Die butterweichen Schneebrücken, die wir an dem Tag noch überschreiten mussten, haben alle gehalten. Gott sei Dank", betont Wenisch. "Dennoch hat sich dieses Erlebnis tief bei jedem von uns eingeprägt."

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