19.02.2018 - 14:52 Uhr

Grenzgeschichten mit Reinhold Balk Wege zur Freiheit

Von der Grenze im Kopf bis zu aktuellen Strafanzeigen im Zusammenhang mit deutschen Todesfällen am Eisernen Vorhang: Bundespolizist Reinhold Balk erzählt Grenz-geschichten. Er tat das bei einem AOVE-Vortrag.

Reinhold Balk am neu errichteten ungarischen Grenzzaun.
von Dagmar WilliamsonProfil

Lintach. 1977 begann Reinhold Balk seinen Dienst beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei. Er arbeitete in Schwandorf, Abteilung Süd 5. Balk war auf einer etwa 140 Kilometer langen Strecke zwischen der Silberhütte bei Flossenbürg und Zwercheck tätig. Er war auch dabei, als die ersten ehemaligen DDR-Bürger von Prag nach Weiden in die Erstaufnahmelager verteilt wurden. Mittlerweile arbeitet er in Passau, wo Flüchtlinge zur Erstregistrierung aufgenommen werden. Balk erlebt die Grenzproblematik hautnah mit - damals wie heute.

Beim Wandern erschossen

"Ganz klar: Bevor man eine Mauer errichten möchte, sollte überlegt werden, ob eine Zusammenarbeit an den Grenzen nicht besser wäre." Davon ist Reinhold Balk überzeugt. "Wir müssen uns darüber bewusst werden, was es bedeutet, frei reisen zu können." Es ist ihm ein Anliegen, darauf hinzuweisen, was heute ganz selbstverständlich ist - keine stundenlangen Kontrollen, keine Beantragung von Reisedokumenten, keine Schikanen. Und vor allem: Die Möglichkeit, entlang der Grenzen zu wandern - ohne Angst haben zu müssen, für einen Flüchtling aus einem kommunistischen Land gehalten zu werden. So, wie es bei Johann Dick der Fall war, der 1986 von tschechischen Grenzbeamten erschossen wurde.

Auf 356 Kilometern gab es lediglich fünf Straßen- und zwei Eisenbahnübergänge. Der Eiserne Vorhang verlief etwa sechs Kilometer landeinwärts der eigentlichen Grenze. Grund dafür: Die Grenzbeamten hatten so mehr Zeit, Flüchtlinge noch innerhalb der Tschechoslowakei zu erwischen. Das Ungetüm war unterteilt in einen Signalzaun, Spurenstreifen, Kolonnenweg, Beobachtungstürme und ein paar wenige Personen-Durchlässe. "Eine besonders fiese Masche war das Anzeigegerät", erzählt Balk. Ein rotes Licht blinkte auf, ein Zählwerk war eingebaut - jeder ausgelöste Alarm wurde registriert. "Den Grenzarbeitern blieb gar nichts anderes übrig, als innerhalb von zwei Minuten die Ursache zu erkennen." Ansonsten mussten auch sie mit üblen Konsequenzen rechnen.

Daraus entstand eine erschreckende Bilanz: 350 Tote, davon 30 Kinder und Jugendliche. Weil schon die Vorbereitung zur Flucht strafbar war, gab es 250 Todesurteile. Aber auch tschechische Grenzarbeiter mussten sterben. Von 645 Todesfällen bei PS (Grenzwachen) und SNB (Nationale Sicherheit) waren 236 Selbstmorde.

Dennoch gab es viele Menschen, die lieber den Tod in Kauf nahmen, um in Freiheit leben zu können. In Halamky konnte ein Mann verkleidet als Straßenmarkierungs-Arbeiter über die Grenze flüchten. Eine Woche pinselte er Linien auf die Fahrbahn. Später fand man am Grenzübergang den Eimer mit weißer Farbe und den abgenutzten Pinsel. Mit einer Spielzeugpistole entführte 1978 Hans Detlef Alexander Tiede ein Flugzeug von Danzig nach Berlin-Schönefeld (DDR) und zwang die Besetzung in Tempelhof (im Westen) zu landen.

1979 floh der erste Segel-, 1984 der erste Drachenflieger aus dem Osten. Ein Prager Student hatte das nur 150 Kilo schwere Fluggerät mit dem Motor eines Trabant umgerüstet. Sensationell war 1986 die Flucht an den Drähten einer Hochspannungsleitung von Znojmo nach Österreich. Robert Ospalds und Zdenek Pohl fertigten dafür seilbahnartige Sitze an, die jetzt in Berlin im Mauermuseum ausgestellt sind. Reinhold Balk war von dieser atemberaubenden Aktion so fasziniert, dass er zu dieser Hochspannungsleitung fuhr, um sich selbst ein Bild machen zu können.

Die Grenze im Kopf

Was 1989 geschah, nennt Balk einen Segen für Europa. "Es ging Schlag auf Schlag", erzählt er: Nach der ersten Grenzöffnung in Ungarn rissen tschechische Beamte innerhalb kürzester Zeit alle Pfähle, Türme und Zäune nieder. Die Entsorgung der Sperrkreuze übernahm der Amberger Schrotthändler Aicher. Aus dem Eisernen Vorhang wurde das Grüne Band, ein Naturschutz-Projekt, das sich von Norwegen bis ans Schwarze Meer zieht. Dennoch bleibe die Grenze noch in den Köpfen von vielen Tieren, fügt Balk hinzu. Forscher hätten beobachtet, dass auch jetzt noch Böhmerwald-Hirsche plötzlich wie von Geisterhand am ehemaligen Eisernen Vorhang umkehren.

Wir müssen uns darüber bewusst werden, was es bedeutet, frei reisen zu können.Reinhold Balk
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