15.02.2018 - 01:58 Uhr

Im Land der Fischzüge: Amberg-Sulzbach Ein Schlenkerer für jedes verlorene Wirtshaus

Wann der Fischzug in Schmidmühlen ins Leben gerufen worden ist, kann selbst von den Teilnehmern keiner genau sagen. Diejenigen, die da am Aschermittwoch in Frack und Zylinder schweigend durch die Straßen ziehen, sind in keinem Verein zusammengefasst, doch funktioniert diese lose Gemeinschaft besser als manche Organisation mit Satzung und Regelwerk. Selbst der schon verstorbene, aus Schmidmühlen stammende Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer ist auf der Suche nach einem Gründungsjahr nicht fündig geworden.

von Markus Müller Kontakt Profil

Im Volksmund heißt es, der Fischzug gehe auf das 17. Jahrhundert zurück, was aber nicht belegt werden kann. Auch für das 18. und 19 Jahrhundert gibt es dazu keine Quellen. Die Erzählungen der Altvorderen sprechen allerdings dafür, dass der Brauch Ende des 19. Jahrhunderts sehr im Schwange war.

Beim Fischzug handelt es sich um einen typischen Heischebrauch, wie sie sich im Landkreis Amberg-Sulzbach ausgeprägt und weit verbreitet erhalten haben. Sie sind Zeugen einer Zeit, in der üppiges Essen und Trinken rar war. Immer wenn es für die kleinen Leute ein Fest gab, folgte in den Tagen danach das Resteverzehren. Die Festgesellschaft zog dann von Haus zu Haus, um einzusammeln, was übriggeblieben war. Das Kirwabärtreiben am Tag nach der Kirchweih ist ein ähnlicher Heischebrauch, auch das Wurstsuppenfahren zählt dazu.

Am Aschermittwoch bietet sich so ein Heischebrauch geradezu an. Früher musste das von der Faschingszeit übriggebliebene, jedoch wegen begrenzter Lagermöglichkeiten gefährdete Bier, andernorts als Altbier bekannt, noch schnell "zamtrunka" - also ausgetrunken - werden.

Da lohnt sich ein Blick auf die reichhaltige Schmidmühlener Biergeschichte. Bis nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Schmidmühlen sogar Hopfen angebaut. Die Trockenböden alter Ackerbürgerhäuser im Markt zeugen noch davon, dass dort Hopfen gelagert war. Erst als eine Pilzkrankheit, der „Kupferbrand“, die Hopfenernte mehrere Jahr ausfallen ließ, endete dieses landwirtschaftliche Kapitel. „Sponsoren gab es damals schon, und das ist bis heute so geblieben“, erzählen die Fischzugteilnehmer.
Ins Licht der fassbaren Geschichte tritt der Schmidmühlener Fischzug erst um das Jahr 1925, als sich der 1901 gegründete Burschenverein seiner Wiederbelebung annimmt. Der Brauch hat auch den Zweiten Weltkrieg überlebt. Sehr zur Freude der Bewohner des unteren Vilstals genehmigte die amerikanische Militärregierung den Umzug 1946 wieder. Seither setzt sich die Tradition jeden Aschermittwoch fort. 60 bis 80 Fischzugteilnehmer sind es jedes Jahr, die diesem Brauch huldigen.

Streng ist heute noch das Ritual wie damals, als das Brauchtum aufgegriffen wurde: Es dürfen nur Männer mitgehen. Frack und Zylinder sind Pflicht. Im Zug selbst gibt es eine strenge Hierarchie „wer wo geht“. Vorneweg die Laternenträger, dann folgt der Faschingsprinz, der Zeremonienmeister, der Bürgermeister und die Ehrengäste, gefolgt von Brot- und Fischmeister, dem Steuereintreiber und den übrigen Fischzugteilnehmern. Am Ende kommt die rote Laterne.

Es gilt das harte Schweigegebot. Es herrscht absolute Ruhe, wenn die Fischzugteilnehmer aus der Türe treten. Es darf weder gesprochen noch gepfiffen oder gesungen werden. Selbst das Grimassen-Schneiden wird schon als grenzwertig angesehen. Neu dazugekommen ist das Handyverbot. Natürlich gibt es immer wieder Zuschauer, die durch einen Zuruf eine Reaktion herausfordern wollen. Wer da in die Falle tappt, muss zahlen. „Solche Verfehlungen werden mit fünf Euro Strafe belegt“, erzählt Zeremonienmeister Thomas Wagner. Kommt dies mehrmals bei der gleichen Person vor, erhält der Teilnehmer die Rote Karte und muss den Zug verlassen.

Los geht der Fischzug immer um 13 Uhr beim Ochsenwirt. Dann steuern die Männer die Einkehrstationen im Schweigemarsch an. Gegangen wird nur auf der linken Straßenseite, im Gänsemarsch. Jedem Wirtshaus, das es heute nicht mehr gibt, wird mit einem „Schlenkerer“ Referenz erwiesen. Erst drinnen darf wieder geredet werden. Als Wegzehrung gibt es den ganzen Tag nur Fisch und Brot, sprich Sardinen und ein Stück Brot vom Laib dazu, alles für ein „Fuchzgerl“. Damit es für alle reicht, braucht man einen halben Zentner Brot und mehr als 500 essigsauere Sardinen.

In den Wirtshäusern leben die Fischzugteilnehmer von Freibier. Bis in den späten Abend kommen mehrere hundert Mass zusammen, die spendiert werden. Gegen 22.30 Uhr wird am Hammerplatz der auf einer Kraxen mitgetragene Geldbeutel mit einer herzzerreißenden Litanei im Kirwabaumloch versenkt. Danach warten die Teilnehmer noch bis nach Mitternacht, um mit einer deftigen Brotzeit oder einem Teller sauere Lunge den Heimweg anzutreten.

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