Landkreis Amberg-Sulzbach will Hausnamen erhalten
Wenn im Dorf der Schneider der Müller ist

Maria Schmalzl von der LAG Regionalentwicklung und Kreisheimatpfleger Dieter Dörner zeigen ein Modell der Acrylglasschilder, auf denen die Hausnamen verewigt werden sollen. Bild: Steinbacher
Kultur
Kreis Amberg-Sulzbach
08.09.2017
311
1

Gut möglich, dass man den Schneider im Dorf als Müller kennt. Warum? Das lässt sich heute zuweilen nicht mehr klären. Die Herkunft manches Hausnamens ist schon vergessen. Doch dort, wo man noch etwas darüber weiß, verraten künftig landkreisweit Schilder, was es mit der jeweiligen Bezeichnung auf sich hat.

Amberg-Sulzbach. Die Idee dazu wurde vor ein paar Jahren im Kreis der Heimatpfleger geboren. Der ursprüngliche Plan war, alle Hausnamen im Landkreis in einem Sonderband des heimatkundlichen "Eisengau" vorzustellen. Die Begeisterung war nicht bei allen groß, verrät Kreisheimatpfleger Dieter Dörner: Schließlich leiten sich manche Hausnamen von Eigenheiten ab, die heute als entehrend empfunden werden.

Damit war die Sache zunächst eingeschlafen. Bis sie jetzt in veränderter Form wieder aufgeweckt wurde - als freiwillige Aktion, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wer weiß, woher sein Hausname kommt, und mitmachen möchte, kann ihn auf einem Schild am Gebäude für alle sichtbar machen und damit ein Stück Ortsgeschichte bewahren. Manche Gemeinden, zum Beispiel Pittersberg (Ebermannsdorf) oder einige AOVE-Kommunen, haben damit schon vor einiger Zeit begonnen. Doch jetzt wurden über die Heimatpfleger und die Regionalentwicklung (LGA) Amberg-Sulzbach einheitliche Hausnamen-Schilder auf den Weg gebracht. Die Umsetzung läuft ganz pragmatisch: Bereits vorhandene Schilder können bleiben, wenn neue Interessenten mitmachen wollen, bekommen sie das neue, einheitliche Modell aus Acrylglas.

"Leader" zahlt mit

Wer seinen Hausnamen in dieser Form verewigt haben will, meldet sich bei seiner Gemeinde: Die Kommunen im Landkreis wurden im April aufgerufen, mitzuteilen, ob sie bei dieser Aktion mitmachen wollen. Um dann die in Frage kommenden Hausbesitzer entsprechende Fragebögen ausfüllen zu lassen. Diese "Stoffsammlung" wollen die Verantwortlichen nun bis Freitag, 15. September, abschließen, um die entsprechenden Schilder anfertigen zu lassen. Weil diese einheitlich gestaltet werden, gibt es eine Förderung über das Leader-Programm.

Auch die Gemeinden beteiligen sich finanziell, allerdings fällt dieser Zuschuss von Ort zu Ort unterschiedlich aus. Dörner schätzt, dass die Eigenbeteiligung der Hausbesitzer bei etwa 25 Euro liegen wird. Genaueres wisse man im Oktober, berichtet Maria Schmalzl vom LAG-Management. Dann tagt ein Entscheidungsgremium unter Vorsitz von Landrat Richard Reisinger, das die Aktion offiziell als Leader-Projekt beschließen soll. Zuständig ist dafür das Landwirtschaftsamt Neumarkt. "Bis die Schilder aufgehängt werden, wird es Frühjahr", meint Schmalzl.

20 Gemeinden machen mit

Insgesamt seien rund 20 Gemeinden dabei, berichtet Dörner, der deshalb mit einem Potenzial von 500 bis 600 Hausnamen-Schildern rechnet. "Eine ganz schöne Anzahl", findet er. Die Zahl der Hausnamen im Landkreis sei aber deutlich größer: "Ich denke, dass da schon 1500 bis 2000 zusammenkommen. Aber man muss davon ausgehen, dass es zu vielen Hausnamen keine Anwesen mehr gibt."

Woher kommt der Name?

Möglich sei auch, dass das ursprüngliche Gebäude leersteht, der Besitzer inzwischen anderswo gebaut und seinen Hausnamen dorthin mitgenommen hat. Eine weitere Variante: Ein Haus hat mehrfach den Besitzer gewechselt - und dabei ist der Hausname verlorengegangen. Oder es gibt ihn noch - aber die Bewohner des Hauses wissen nicht mehr, woher er einst kam. Genau diese Information ist den Verantwortlichen der Aktion aber wichtig: Sie wollen nicht nur einen Namen festhalten, sondern auch die Erklärung dafür.

Erfreut sind Dörner und Schmalzl, dass die Hausnamen eine Renaissance erleben: "Die Jungen im Dorf bekommen sie wieder als Spitznamen", weiß Schmalzl. Eine schöne Entwicklung, findet Dörner, nicht nur auf diesem Gebiet: "Wenn Sie 30 Jahre zurückgehen, da war Dialekt verpönt. Heute pflegt man ihn wieder. Auch die Trachten kommen bei den jungen Leuten wieder an - und die Hausnamen auch."

Hausnamen gab's nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt, wenngleich nicht so häufig. Heimatpfleger Dieter Dörner kennt ein schönes Beispiel aus Amberg - den Eselsbäck.

Wie die einstige Bäckerei hinter der Martinskirche dazu kam, weiß heute keiner mehr. Mehrere Geschichten ranken sich um diesen Hausnamen.

Die schönste davon erzählt Dörner: Der Eselsbäck hatte eine attraktive Tochter, deren Schlafzimmer sich neben dem Stall des Esels befand. Ein Handwerkergesell hatte sich in die Schönheit verliebt und im benachbarten Wirtshaus Zur Krone einen über den Durst getrunken.

Als er sich dann im Dunklen mit einem Küsschen von seiner Angebeteten verabschieden wollte, hat er sich in der Örtlichkeit vertan - und versehentlich den Esel geküsst. (eik)

Verloren ist verlorenSchwierig wird es, wenn man seinen Hausnamen kennt, aber nichts über seinen Ursprung weiß. "Sie finden im Archiv sicher Hunderte von Hausnamen, aber kaum etwas über die Herkunft", sagt Heimatpfleger Dieter Dörner - und erklärt auch, warum: "Es gab keinen Grund, die Herkunft aufzuzeichnen. Die Menschen damals wussten ja, wo der Hausname herkam." Über die einfachen Leute sei damals ohnehin wenig aufgeschrieben worden. "Eigentlich nur, wenn sie ein Verbrechen begangen haben." (eik)


Im BlickpunktHerkunft

Früher, etwa bis Mitte des 18. Jahrhunderts, gab es keine Straßenbezeichnungen: "Man hatte zwar in den Städten Straßennamen, die aber postalisch keine Bedeutung hatten", sagt Kreisheimatpfleger Dieter Dörner. So lieferte der Postbote zum Beispiel in Amberg seine Sendungen einfach im "Haus hinter dem Bäcker Huber oder dem Müller Meier" ab. Das einfache Volk bekam laut Dörner ohnehin keine Post: "Man konnte ja weder lesen noch schreiben. Post ist also eigentlich nur zwischen den Oberen ausgewechselt worden." Und der Steuereintreiber von Stadt oder Landesamt kam persönlich vorbei - mit Peitsche und Schäferhund.

Die Franzosen führten Mitte des 18. Jahrhunderts in den Städten die sogenannten Litera-Bezeichnungen ein, berichtet Dörner. "Dabei wurde Ambergs Altstadt in vier Viertel eingeteilt, A, B, C, D und dort wahllos durchnummeriert." Im 19. Jahrhundert wurden aus den alten Litera-Bezeichnungen postalische. Zu Letzteren gebe es einen Katalog, der sie erläuterte - beispielsweise B 17 ist Nabburger Straße 7. Zu den vier Amberger Altstadt-Vierteln (Martins-, Frauen-, Kloster- und Spitalviertel) gesellten sich dann noch drei in der Neustadt, "weil ja inzwischen auch draußen gebaut wurde" (Katharinen-, Dreifaltigkeits- und Bergviertel).

In den kleineren Landkreisgemeinden kamen laut Dörner die Straßenbezeichnungen erst mit der Gebietsreform 1972. "Ganz kleine Orte haben auch heute noch keine Straßen." 2400 Straßennamen in Amberg und im Landkreis erkläre ein kürzlich veröffentlichter Band der Heimatkundereihe "Eisengau".

Amberg macht auch mit

Kurzfristig hat sich jetzt auch die Stadt Amberg noch in die Hausnamen-Aktion eingeklinkt. Amberger, die ihren Hausnamen und seine Herkunft kennen und ihn auf einem Schild verewigen wollen, melden sich bei der LAG Regionalentwicklung im Landratsamt. Die dafür nötigen Anmeldebögen können Interessenten im Internet herunterladen (www.lag-amberg-sulzbach.de/hausnamen-amberg). Die Bögen müssen bis Freitag, 15. September, beim LAG-Management abgegeben werden. Fragen dazu beantwortet Maria Schmalzl (09621/39 171). (eik)
1 Kommentar
53
Heinz Rahm aus Weigendorf | 09.09.2017 | 12:19  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.