Das Jahr im Rückblick mit dem Landrat Richard Reisinger
2016 hat eine Wunde geheilt

Landrat Richard Reisinger. Bild: Wolfgang Steinbacher
Politik
Kreis Amberg-Sulzbach
30.12.2016
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Die gute Laune, die Richard Reisinger oft ausstrahlt, wenn er im Landkreis unterwegs ist, bringt er auch ins Jahresgespräch mit unserer Zeitung mit. Wenn man ihn fragt, was ihn 2016 am meisten gefreut hat, fällt ihm zuerst der Name eines Ortes ein.

Amberg-Sulzbach. Und geärgert hat ihn eigentlich nichts - oder jedenfalls fast nichts, erfuhren die AZ-Redakteure Heike Unger und Markus Müller, die das Gespräch führten.

Herr Reisinger, was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal hörten, dass ein Wolf bei uns in der Region lebt?

Richard Reisinger: Der vom Truppenübungsplatz, der am 5. September fotografiert wurde?

Ja.

Wir haben ja bisher keine gesicherten Nachweise, dass er auch im Landkreis war, aber es ist natürlich davon auszugehen, dass er ins Umfeld des Übungsplatzes ausstreift. Aufgrund der naturräumlichen Ausstattung gelten wir als Wolfserwartungsland, insofern war damit schon länger zu rechnen. Von staatlicher Seite hat man mit dem Netzwerk Große Beutegreifer schon Strukturen geschaffen, dass man auf das Wiedereintreffen des Wolfs vorbereitet ist. Dass natürlich die Rückkehr der Wildtiere in die - in Anführungszeichen - "Natur des Menschen" immer Kontroversen auslöst, da bin ich mir sicher. Wo man verdichtet Nutztierhaltung hat, muss man halt Möglichkeiten schaffen, die zu schützen oder gegebenenfalls zu entschädigen.

Ist der Wolf ein Thema, auf das Sie von der Bevölkerung oft angesprochen werden?

Eigentlich nicht. Eher von Verbänden. Hier trifft wohl das Sprichwort zu: Des einen Freud, des anderen Leid. Dass der Wolf hier auftaucht, spricht halt wahrscheinlich grundsätzlich für eine intakte Natur.

Was war aus Ihrer Sicht das am meisten unterschätzte Thema 2016, also das mit der größten Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und tatsächlicher Bedeutung für die Menschen?

Das sind jetzt alles überregionale Themen, die mir einfallen, aber es gibt schon einiges, was wir jetzt vielleicht gar nicht so wahrnehmen. Zum Beispiel, dass die Suche nach einem atomaren Endlager langsam Wirklichkeit wird. Das berührt momentan noch kaum jemand. Aber wenn die mal beginnen, alles auszuleuchten, vielleicht auch in der näheren Region ...

Oder der globale Klimawandel, da hat eigentlich keiner mehr so richtig Interesse. Da ist eine vermeintliche Beruhigung eingetreten, eine trügerische vielleicht. Und die Bankenlandschaft wird derzeit richtiggehend zertrümmert. Die lange Null- bis Negativzinsphase verändert da ja alles völlig, ob bei Regionalbank oder Großbank. Das wird dann nur wahrgenommen, wenn mal eine Filiale schließt, aber das ist nur ein winziger Ausschnitt eines riesigen Komplexes. Was mir noch einfällt: Die zunehmende Großindustrialisierung und Standardisierung unserer Lebensmittel und die Preisdiktate.

Und dann noch: Den digitalen Fortschritt nehmen wir eher so beiläufig und spielerisch zur Kenntnis. Wir freuen uns über jede neue Möglichkeit. Dass damit unser Leben immer weiter beobachtet und analysiert wird, beunruhigt uns dabei nicht so richtig.

Was lief 2016 gut, worüber haben Sie sich gefreut?

Kastl. Die Klosterburg. Da war ein richtig starkes Netzwerk - inklusive Kabinettsmitgliedern - unterwegs, mit gemeinsamer Speerspitze. Da gab es viele Abstimmungen. Und wir haben sogar geschafft, dass Sie es nicht mitkriegen. Letztlich ist es am Kabinettstisch entschieden worden. Da freut sich die ganze Region.

Die Wunde, dass wir als Landkreis bei der Behördenverlagerung leer ausgegangen sind, ist damit geheilt. Das ist schon wie eine Kur: 100 bis 120 junge Menschen zusätzlich - und es geht nichts von Sulzbach-Rosenberg weg: Da haben wir immer Wert darauf gelegt. Den denkmalgeschützten Komplex wird der Freistaat vorbildlich sanieren, davon bin ich überzeugt. So stellt man sich die Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen im ländlichen Raum vor.

Und sonst?

Der historische Beschluss, das Kulturschloss Theuern zu sanieren, bei nur einer Gegenstimme. Wenn man überlegt, wie viele Kreistagsgenerationen sich da schon gegenseitig bedroht haben, bin ich da jetzt einfach mal froh.

Und außerdem freue ich mich sehr - weil wir schon mal gedacht haben, das wird nichts mehr -, dass wir für die Partnerschaft mit Argyll & Bute nach dem Besuch der Schotten im Sommer wieder begründeten Optimismus haben können.

Was lief nicht so gut, worüber haben Sie sich sogar geärgert?

So richtig war da nichts. Wir hätten vielleicht vom Bundesverkehrswegeplan in Sachen Elektrifizierung der Bahnstrecke Nürnberg-Schwandorf mehr erwartet. Potenzieller Bedarf - da sage ich jetzt einfach mal: na ja.

Was sind die wichtigsten Aufgaben im Jahr 2017?

Das sind das Jubiläum der Partnerschaft mit Frankreich und die Investitionen - Schulsanierungen und Kulturschloss Theuern, Radwege, Straßenausbau.

Wie sind die finanziellen Perspektiven des Landkreises? Muss man irgendwann wieder Schulden machen?

Da können wir noch nichts Genaues sagen. Eine Nettoneuverschuldung ist nicht auszuschließen. Aber wir kommen da ja von einem sehr niedrigen Niveau. Jegliche weitere beschönigende Aussage würde jetzt schon wieder Erwartungen für die Festsetzung der Kreisumlage wecken.

Welche persönlichen Wünsche haben Sie für 2017?

Keine anderen als andere Menschen auch. Ich bette sie ja oft als Wunsch in das Ende meiner Grußworte ein: Bleiben Sie menschlich, gesund und vernünftig. Die drei Adjektive, ein bisschen gepaart mit Lebensglück, dann nähern wir uns schon der irdischen Vollkommenheit.

Und welche Vorsätze haben Sie?

Die fassen wir mal so Renaissance-artig unter dem Grundsatz Ernährung, Sport und Erholung zusammen, wohl wissend, dass man das beim nächsten Interview erneut anführen muss.

Welche Schlagzeile über sich selbst möchten Sie 2017 in der Zeitung lesen?

Auch wenn ihr als Journalisten das bedauert, ehrlich gesagt lieber gar keine. Eine zeitweise freundliche Überschrift reicht vollkommen. Und ein Bild, das mich zehn Jahre jünger und zehn Kilo schlanker zeigt. Punkt.

Als der Landrat einmal nicht im Bilde war


Landrat Richard Reisinger mit Gräfin Felicitas von Faber Castell und deren Landkreis-Führer Reinhold Werner (von links) in der Hauskapelle des Landratsamtes Amberg-Sulzbach


Worüber haben Sie sich 2016 geärgert? Die AZ hat sich im Gespräch mit Richard Reisinger auch danach erkundigt. Wohl wissend, dass der Landrat einer von denen ist, die so schnell nichts aus der Ruhe bringt.

Und doch gibt es da etwas, was ihn gewurmt hat. Ein kleines bisschen jedenfalls. "Dass ihr mich weggeschnitten habt vom Bild mit der Gräfin von der Faber-Castell." Kein Fall von Politiker-Eitelkeit. Sondern von Wertschätzung einem besonderen Gast gegenüber. Schloss Neidstein ist die Verbindung zum fränkischen Adelsgeschlecht: Der damalige Schlossherr Freiherr Philipp von Brand, ein Verwandter der Gräfin und früherer Protokoll-Chef der Bayerischen Staatsregierung, war Mitbegründer der Landkreis-Partnerschaft mit dem französischen Maintenon.

Anfang Dezember dieses Jahres besuchte Gräfin Felicitas von Faber-Castell auf einer Tour durch den Landkreis den Landrat in seinen kurfürstlichen Büroräumen. Kein spontaner Abstecher, sondern "lang eingefädelt", wie Reisinger verrät. Deshalb konnte er sich auch ein bisschen Zeit nehmen für seinen Gast und der Gräfin die Hauskapelle des Landratsamts zeigen.

Die Begegnung wurde mit einem Eintrag ins goldene Buch gekrönt und mit einer Notiz in der AZ dokumentiert. Allerdings ohne den Landrat: Ein redaktioneller Eingriff am linken Bildrand rückte die Besucherin in den Blickpunkt. Das hat Reisinger, sonst eigentlich gar nicht schnitt-empfindlich, dann doch ein bisschen geärgert. Bei diesem Gast wäre er einfach gern im Bilde gewesen. Aber er ist nicht nachtragend, zeigt beim Interview sogar das historische Geschenk aus der berühmten Familien-Produktion, mit dem ihn die Gräfin überraschte: "Sie hat mir alte Bleistifte mitgebracht, mit einem roten Schleiferl drum. Die gibt's gar nicht mehr."

Die Sache mit den WünschenWas wünscht sich Landrat Richard Reisinger für 2017? "Die Vorsätze fassen wir mal Renaissanceartig unter dem Grundsatz Ernährung, Sport und Erholung zusammen", antwortet er im Interview. Und lacht. "Wohl wissend, dass man das beim nächsten Interview dann erneut anführen muss."

Einen anderen Wunsch des Landkreis-Chefs kann ihm die AZ-Redaktion sofort erfüllen: Ein Bild in der Zeitung, "das mich zehn Jahre jünger und zehn Kilo schlanker zeigt."(eik)


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