Interview mit Katharina List, der Klimaschutzkoordinatorin des Landkreises Amberg-Sulzbach
ZEN drängt in den Landkreis-Norden

Die Photovoltaik gilt Katharina List als das Teilgebiet der erneuerbaren Energien, auf dem im Landkreis noch am ehesten ein stärkerer Zubau möglich ist. Allerdings nicht in erster Linie in der Form von Freiflächenanlagen, wie hier auf einem Bild, das 2012 bei Gärmersdorf (Gemeinde Kümmersbruck) entstand, sondern auf Hausdächern. Bild: Hartl
Politik
Kreis Amberg-Sulzbach
03.01.2017
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Katharina List hat für 2017 neue Ideen für das ZEN. Bild: Steinbacher
 
Das ZEN - im Bild der bisherige Geschäftsführer Gerhard Kopf - hat schon zwei E-Mobile als Dienstautos. 2017 soll die E-Mobilität einer der neuen Schwerpunkte werden. Ziel ist ein deutlich verbessertes Netz an Ladeinfrastruktur. Bild: Steinbacher

Etwas böse ausgedrückt, war die Nachhaltigkeit beim ZEN lange Zeit eher in der Rolle eines Wurmfortsatzes. Das gilt heute den Verantwortlichen als ein Geburtsfehler des Zentrums für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit.

Amberg-Sulzbach. Sie wollen ihn beheben, indem sie das ZEN 2017 aufspalten. Der bisherige Geschäftsführer Gerhard Kopf geht zur Behandlung der Nachhaltigkeits-Themen ins LCC nach Sulzbach-Rosenberg, Klimaschutzkoordinatorin Katharina List hält in Ensdorf die Stellung. Die AZ befragte sie zu den anstehenden Neuerungen.

Frau List, kann man denn mit einem Satz sagen, was jetzt das Ziel des ZEN im neuen Zuschnitt ist?

Katharina List: Bisher war der eindeutige Schwerpunkt des ZEN das Thema Energie - und alles, was damit zu tun hat. Mit der Aufteilung des ZEN auf die zwei Standorte Ensdorf und Sulzbach-Rosenberg möchte man das Thema Nachhaltigkeit stärken. Der Standort Sulzbach-Rosenberg in Person des ehemaligen Geschäftsführer Gerhard Kopf wird sich rein den Nachhaltigkeits-Projekten verschreiben. Außerdem soll durch die Aufteilung des ZEN der Landkreis besser abgedeckt werden. Bisher mussten wir uns im ZEN manchmal die Hinweise gefallen lassen, wir wären zu Vilstal-lastig.

Worin unterscheidet sich das von der bisherigen Ausrichtung?

Bisher vertrat man die Philosophie, dass man - wie der Name ZEN schon impliziert - ein Zentrum, also ein zentraler Anlaufpunkt, sein wollte. Diese Philosophie weicht nun einer dezentralen Ausrichtung und einer besseren Sichtbarkeit im gesamten Landkreis. Auch thematisch stellt man sich breiter auf, eben durch die bessere Bearbeitung des Themas Nachhaltigkeit.

Was wird sich durch die neue Form ändern?

Wir hoffen, dass wir dadurch verstärkt Personen und Gemeinden im nördlicheren Landkreis, jenseits von Amberg, ansprechen können. Und dass wir durch die breitere thematische Aufstellung unser Netzwerk weiter vergrößern und noch mehr Personen und Institutionen ansprechen und für unsere Themen begeistern können. Insgesamt wollen wir uns dadurch fit für die Zukunft machen. Energiewende und Klimawandel sind nach wie vor drängende Themen. Es gibt aber auch immer mehr Themen, die ebenfalls drängen, beispielsweise regionales Wirtschaften, globaler Wandel, Zuwanderung und Demografie. All dies können wir durch den neuen Nachhaltigkeits-Schwerpunkt besser bearbeiten.

Gibt es so etwas wie das ZEN auch in anderen Landkreisen? Oder ist es immer noch ein Amberg-Sulzbacher Alleinstellungsmerkmal?

Das ZEN, wie es bei uns betrieben wird, ist nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal. Zwar gibt es mittlerweile ähnliche Institutionen - das etz Nordoberpfalz, die Energieagentur Nordbayern -, aber das Besondere bei uns ist, dass wir sehr stark vom Ehrenamt leben. Viele Projekte werden rein ehrenamtlich gestemmt und durch uns als Landkreis/ZEN unterstützt - das Projekt Energieschule beispielsweise. Diese tolle, gut funktionierende Verzahnung zwischen Ehrenamt und Verwaltung ist mir von anderen Energieagenturen kaum bekannt.

Welche der bisherigen Projekte laufen denn so gut, dass sie 1:1 weitergehen können?

Da gibt es einige Projekte, auf die wir stolz sein können und die wir weiter verfolgen wollen. Etwa das Projekt Energieschule. Im vergangenen Jahr konnten wir zwei Schulen mit dem Zertifikat auszeichnen, seitdem haben sich viele gemeldet, die ebenfalls Energieschule werden wollen. Außerdem bieten wir immer neue Module und Materialien für Lehrer an, um die Energiebildung noch attraktiver zu machen. Ein Projekt, das heuer begonnen hat und das wir in jedem Fall fortführen wollen, ist die Grüne Hausnummer. Da liegen bereits wieder viele Bewerbungen für die nächste Verleihung vor.

Und welches Projekt möchten Sie aufpeppen?

Derzeit sind wir in Gesprächen mit der Verbraucherzentrale Bayern, um unsere Energieberatungs-Angebote aufzupeppen. Durch eine Kooperation mit der Verbraucherzentrale wollen wir noch bessere und umfassendere Energieberatungs-Angebote schaffen und noch mehr Landkreis-Bewohner damit erreichen.

Was war bisher Ihr persönliches Lieblingsprojekt?

Im Juni konnten wir nach einem Jahr Laufzeit die Photovoltaik-Eigenverbrauchsinitiative abschließen. Darauf blicke ich sehr gerne zurück, da es durch eine bisher beispiellose Kooperation aus Wirtschaft, Politik, (Umwelt-)Verbänden, Gemeinden und so weiter gekennzeichnet war und meine damaligen beiden Klimaschutzmanager-Kollegen und ich überwältigt waren vom Engagement aller Beteiligten. Außerdem ist der messbare Erfolg des Projekts - neuinstallierte Photovoltaik-Leistung - für uns eine tolle Vorzeige-Zahl.

Welches Projekt würden Sie anpacken, wenn Sie nicht aufs Budget schauen müssten?

Oh, da gäbe es viele. Ich darf mich aber über das Budget nicht beschweren, da an dieser Stelle auch einmal gesagt werden muss, dass der Landkreis das ZEN und unsere Projekte aktiv unterstützt und auch bereitwillig Geld dafür zur Verfügung stellt.

Was ist denn in Sachen E-Mobilität 2017 konkret Neues geplant?

Dem Thema wollen wir uns in diesem Jahr verstärkt widmen. Die Fördermittel für ein Elektromobilitätskonzept konnten wir bereits gewinnen, nun sind wir auf der Suche nach geeigneten Büros, mit denen wir zusammenarbeiten können. Am Ende soll ein deutlich verbessertes Netz an Ladeinfrastruktur dabei herauskommen. Schließlich haben wir uns im Landkreis vorgenommen, Vorreiter-Landkreis in Sachen E-Mobilität zu werden. Wir sind zwar - im Vergleich mit anderen Landkreisen - vorne mit dabei, aber angesichts der Tatsache, dass wir gerade einmal gut 80 reine Elektrofahrzeuge und knapp über 100 Hybridfahrzeuge im Landkreis angemeldet haben, haben wir noch ein großes Stück Arbeit vor uns.

Im Umweltausschuss haben Sie gesagt, das Ziel seien 100 Prozent erneuerbare Energien, und im Moment sei der Landkreis "bilanziell bei der Hälfte". Was heißt das genau? Welchen Anteil am Energieverbrauch im Landkreis bestreiten heute erneuerbare Energien, welchen Anteil am Stromverbrauch? Wie sehen wir damit im Vergleich zu anderen Landkreisen aus?

Verlässliche und vor allem vollständige Zahlen zu bekommen, ist schwierig. Der Energieatlas Bayern führt aber für den Stand Mitte 2015 an Daten für Amberg-Sulzbach auf: Anzahl der Photovoltaik-Anlagen: 6500, installierte PV-Leistung in MWp: 123. Bilanziell gewinnen wir im Landkreis mittlerweile fast die Hälfte unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. Zum Vergleich: Im gesamten Regierungsbezirk Oberpfalz ist es circa ein Drittel. In Bayern und in der Bundesrepublik sind es circa je ein Viertel. Wir liegen also gar nicht so schlecht. Der wesentlich schwierigere Bereich bzw. der Bereich, der hinterherhinkt, ist der Wärme-Bereich. Hier ist es auch wesentlich schwieriger, Daten zu bekommen. Im Jahr 2013 lagen wir bei einem Anteil erneuerbarer Energien im Wärme-Bereich bei 18 Prozent. Mittlerweile dürften wir etwa bei einem Viertel liegen. Natürlich dürfen wir auch den Verkehr nicht vergessen. Wie bereits gesagt: 80 Elektrofahrzeuge, das sind 0,09 Prozent aller Fahrzeuge, und 100 Hybridfahrzeuge - 0,11 Prozent - bei circa 90 000 zugelassenen Fahrzeugen sind zu wenig, um unsere Klimaschutzziele zu erreichen. Insgesamt haben wir auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren also noch ein großes Stück Arbeit vor uns.

Bei welcher Form der erneuerbaren Energien erwarten Sie im Landkreis noch einen bedeutenden Zuwachs?

Theoretisch und rein naturräumlich betrachtet ist bei allen Formen der erneuerbaren Energien noch Spielraum nach oben. Wir müssen aber natürlich auch die politischen und gesetzlichen Rahmenvorgaben mit ins Kalkül ziehen. Die Windkraft beispielsweise wird durch die 10-H-Regelung eingeschränkt. Andere Energieformen sind dagegen einfacher zu nutzen. Photovoltaik-Anlagen zum Eigenverbrauch beispielsweise. Wenn ich im Landkreis unterwegs bin, fallen mir immer noch viel zu viele ungenutzte Dächer auf. Hier erwarte ich 2017 einen Zuwachs, zum einen, weil durch steigende Strompreise der Eigenverbrauch immer attraktiver wird, und zum anderen, weil die Einspeisevergütung aufgrund geringer Zubau-Zahlen voraussichtlich leicht steigen wird.

Wo sind im Klimaschutz noch größere Sprünge möglich?

Vor allem wenn wir alle Sektoren gemeinsam und übergreifend betrachten, sind im Klimaschutz große Sprünge möglich. Die neue Herausforderung ist genau diese integrierte, übergreifende Denkweise. So müssen wir etwa Stromproduktion - über Photovoltaik oder Biogas - gemeinsam mit (Elektro-)Mobilität betrachten. Auch hinsichtlich der Speicherung erneuerbarer Energien sehe ich großes Potenzial für den Klimaschutz und ich sehe auch eine große Notwendigkeit, hier voranzukommen.

Wo stehen wir im Landkreis bei der Umsetzung des Klimaschutzkonzepts? Ist es noch aktuell, oder bedürfte es einer Überarbeitung?

Es wurde bereits 2013 verabschiedet, die Grundsteine wurden schon Jahre zuvor gelegt. Im Großen und Ganzen ist es noch aktuell, vor allem die Maßnahmen und Ziele, die darin beschrieben sind, haben nichts an Aktualität verloren. Allerdings brauchen wir vor allem, was die Daten-Basis angeht, Aktualisierungen. Ende 2017 endet die erste Förderphase des Klimaschutzmanagements. Dann sind wir auch vom Fördermittelgeber, dem Umweltministerium, her verpflichtet, unsere Datenbasis zu erneuern und unseren Maßnahmen-Katalog zu aktualisieren. Dann muss also vor dem Umweltministerium Bilanz gezogen werden: Was haben wir geschafft, wo hapert's? Insgesamt kann man sagen, dass wir gut im Zeitplan liegen. Viele Maßnahmen, die im Klimaschutzkonzept festgehalten sind, konnten wir bereits umsetzen oder zumindest beginnen. Wenige sind noch offen, aber im kommenden Jahr brauchen wir schließlich auch noch etwas zu tun.

Wann wird denn die neue ZEN-Homepage fertig?

Sie steht quasi in den Startlöchern. Uns liegt die Homepage bereits vor, im Moment werden noch kleine Fehler ausgebügelt und Inhalte angepasst. Voraussichtlich Ende Januar wird sie dann für alle sichtbar freigeschaltet. Wir können aber schon verraten, dass wir sehr, sehr zufrieden sind mit dem neuen, frischen, jungen Gesicht unserer Homepage.

Bisher mussten wir uns im ZEN manchmal die Hinweise gefallen lassen, wir wären zu Vilstal-lastig.Katharina List
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