09.02.2018 - 16:54 Uhr

Landrat Richard Reisinger über Flüchtlinge im Landkreis Amberg-Sulzbach "Ihre Generation muss den Preis bezahlen"

Asyl ist ein Thema, über das Landrat Richard Reisinger ganz sachlich reden kann. Aus der Sicht desjenigen, der verwaltungsmäßig dafür verantwortlich ist. Dass er dabei aber auch in jedem Fall den Menschen sieht, ahnt man, wenn er erzählt, dass er nicht immer so handelt, wie es das Innenministerium möchte.

Volle Konzentration: Vor allem Deutsch lernen die jungen Asylbewerber in ihrem ersten Jahr an der Europa-Berufsschule.
von Markus Müller Kontakt Profil

Amberg-Sulzbach. Was den Zuständigen im Landkreis derzeit in Sachen Flüchtlinge am meisten Kopfzerbrechen bereitet, ist die Wohnungsfrage. Reisinger erklärt im Gespräch mit der AZ, die Landräte und Oberbürgermeister seien sich überall einig, die anerkannten Asylbewerber, die keine Wohnung finden, in ihren bisherigen Unterkünften wohnen zu lassen (als "Fehlbeleger"). "Sie sind ja schon sozialisiert in der Umgebung."

Natürlich verstehe man auch die "Not des Staates", der in diesen Wohnungen neu ankommende Flüchtlinge einquartieren wolle. Aber man habe eben in der Stadt Amberg und im Landkreis zu wenige Wohnungen - "für deutsche Mitbürger und auch für Flüchtlinge".

Nur für Mini-Familien

Wobei der Kinderreichtum vieler Flüchtlingsfamilien die Sache zusätzlich erschwere. "Deutschland hat sich wahrscheinlich in seiner Wohnraum-Infrastruktur auf Singles bis Mini-Familien eingerichtet", meint der Landrat. "In dieses System fügen sich fünf Kinder nicht ein." Die angestoßenen Wohnprogramme greifen nach Reisingers Einschätzung "noch nicht in der Zahl, die wir benötigen". Der Landkreis könnte es sich dabei ja einfach machen und den Standpunkt vertreten, dass er für anerkannte Asylbewerber nicht mehr verantwortlich ist, weil dann "die Städte und Gemeinden für drohende Obdachlosigkeit zuständig" sind. Macht er aber nicht. Für Reisinger existiert da eine Pflicht zum Miteinander: "Wir sind schon solidarisch."

"Familiennachzug" (für subsidiär geschützte Flüchtlinge) ist ein Wort, das dem Landrat Angst einjagen könnte, "wenn man das nicht steuern würde". Denn wenn dieser Nachzug grenzenlos möglich wäre, sähe er die Gefahr, dass Familienangehörige diese Chance sofort nutzten und als große Welle in den Landkreis kämen. "Dann wird es problematisch." Deshalb findet er es in Ordnung, wenn man hier eine Bremse einbaut.

"Sprache das A und O"

Für alle Flüchtlinge, die schon hier sind, betrachtet der ehemalige Lehrer Reisinger das Erlernen der deutschen Sprache als "das A und O für eine gelingende Integration", weil sie dann auch Arbeit bekommen könnten. Am einfachsten und schnellsten gelinge der Lernprozess bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen angesichts der unterstützenden Jugendhilfe-Maßnahmen. Bei ihnen nimmt Reisinger häufig auch eine starke Motivation wahr. Zudem komme ihnen zugute, "dass wir in einer Zeit leben, wo wir 2,3 Prozent Arbeitslosigkeit haben und einen Fachkräftemangel". Das produziere ein großes Interesse der potenziellen Lehrherren. So stoße man in Restaurants oder beim Friseur häufig auf gut integrierte junge Flüchtlinge.

Bei einer Lehre müssten sie freilich die Berufsschule schaffen, was oft nicht leicht sei und auch zu Rückschlägen führe wie den 17 Flüchtlingen, die "jetzt das erste Ausbildungsjahr wiederholen, weil es sprachlich nicht reicht". Aber an dieser Vorgabe führe kein Weg vorbei, denn "der Elektriker ist halt nicht mehr der Elektriker von früher, sondern der Elektroniker für Gebäudetechnik, der in der digitalisierten Welt der Fachmann sein muss".

Die handwerklichen Berufe haben nach Reisingers Beobachtung in Deutschland auch für diejenigen Flüchtlinge Anziehungskraft, die etwa in Syrien "fast ein Jurastudium abgeschlossen haben. Aber die sind schon realistisch, die wissen, das wird nichts bei uns. Ihre Generation muss den Preis bezahlen." Die Lehrerinnen, die jetzt als Reinigungskräfte arbeiten, fallen Reisinger als Beispiel dafür ein. "Die haben gewusst, wenn sie zu uns kommen, das wird nichts mit ihrem alten Beruf. Das haben die verstanden und gesagt, das nehme ich in Kauf für meine Kinder." Die gingen dann tatsächlich meist auf höhere Schulen.

Geht auch unbürokratisch

Interesse der Arbeitgeber an jungen Flüchtlingen, die etwa als Installateur oder Schlosser arbeiten wollten, erleichtert es dem Landrat auch, sich für sie einzusetzen: "Wenn ich alles so abgehandelt hätte, wie es das Innenministerium will, wären die schon im Flugzeug oder zu Hause."

In solchen Fällen agiere er auch unbürokratisch: "Wenn ein Junger da ist, wo mir der Dienstherr sagt, dem hab ich eine Wohnung besorgt, der kommt jeden Tag, der interessiert sich, macht das sehr gut, lernt Schlosser, ich krieg eh keine, dann sage ich: Lassen Sie ihn. Weil wir müssen fünf andere auch mitnehmen, wo man sich schwertut."

Für ganz wichtig hält es Reisinger, dass Angebote des Landkreises wie etwa das Projekt "Mieterwissen" nicht nur für Flüchtlinge gelten, sondern auch für Deutsche, "um ihnen ein Rüstzeug mitzugeben, leichter eine Wohnung zu finden". Man dürfe da nicht eine Gruppe in der Bevölkerung privilegieren, denn das führe zu Ungerechtigkeit und "politischen Schlussfolgerungen" in der Art von "wir kriegen nicht, was die alles kriegen". Reisinger: "Da leben politische Strömungen davon, und das derzeit nicht schlecht." (Hintergrund)

Integration: Positiv- und Negativbeispiele

Als Beispiel, wo es mit der Integration sehr gut klappt, nennt Richard Reisinger einen 17-jährigen unbegleiteten Flüchtling, der im Mai 2015 im Landkreis ankam. Seine weiteren Stationen: betreutes Wohnen, Kolping-Jugendhilfe, Berufsfachschule in Sulzbach - die hat er 2017 mit hervorragenden Noten bestanden, er gehört zu den besten Absolventen des Jahrgangs.

Reisinger weiter: "Er hat schon vier Praktika schulbegleitend absolviert: Einzelhandel, Soziales, Kindergarten, Altenpflege. Die Verantwortlichen der Altenpflege haben ihm eine sofortige Einstellung angeboten. Die konnte er aber bedingt durch seinen Aufenthaltsstatus nicht annehmen." Der junge Mann werde als umgänglich und hilfsbereit beschrieben, er akzeptiere das soziale Regelwerk hier, "braucht jetzt noch ein bisschen pädagogische Einflussnahme".

Auch wenn der Landrat solche positiven Beispiele kennt, ist ihm bewusst, dass man "sie nicht zur Allgemeingültigkeit erklären" kann. Das wäre für seinen Geschmack zu "romantisierend".

Diese Verallgemeinerung müsse man freilich auch bei den Negativbeispielen unterlassen. Hier fallen Reisinger vor allem meist ältere Flüchtlinge ein, die in Sachen Integration und Arbeitsplatz keine Anstrengungen unternehmen, weil sie mit ihrem Hartz-IV-Satz zufrieden seien. Motto: "Das reicht, was ich da kriege, da kann ich leben, so viel habe ich zu Hause nicht gehabt." Er hoffe aber, so Reisinger, dass auf diese Gruppe "der Druck wächst, was tun zu wollen". (ll)

Hintergrund: Amberg-Sulzbacher Zahlen

Um die Jahreswende waren nach Auskunft von Landrat Richard Reisinger im Landkreis Amberg-Sulzbach 657 Flüchtlinge untergebracht, davon 518 dezentral, 135 in Gemeinschaftsunterkünften, und 4 privat.

383 der Flüchtlinge haben den rechtlichen Status "Fehlbeleger". Das heißt, sie sind als Asylbewerber anerkannt und dürften deshalb eigentlich nicht mehr in den Unterkünften wohnen, die der Landkreis für diejenigen zur Verfügung stellt, deren Asylverfahren noch läuft. Da sie aber keine anderen Wohnungen finden, bleiben sie in ihren bisherigen Räumen; man kann sie ja schlecht auf die Straße setzen.

Von den restlichen 274 Flüchtlingen befinden sich laut Reisinger 220 im laufenden Verfahren, 54 werden geduldet. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge verzeichnet die AS-Statistik 63. Davon kommen 47 aus Afghanistan. (ll)

AfD im Landkreis

Das Thema Asyl hat auch im Landkreis die AfD groß gemacht - 13,02 Prozent der Zweitstimmen bekam sie im September bei der Bundestagswahl in Amberg-Sulzbach. Dass sich damit gleich das politische Klima in der regionalen politischen Landschaft gewandelt hat, möchte Landrat Richard Reisinger nicht so ohne Weiteres gelten lassen.

Dass die "klassischen Parteien" eine Reaktion auf den AfD-Wahlerfolg zeigen, hat der CSU-Politiker aber schon festgestellt: Sie wendeten sich wieder vermehrt ihren Stammwählern zu und suchten eine stärkere Profilierung. Reisinger hält das für normal: "Die Konturen müssen sich wieder hervorheben. Dieses breiige Mittelmaß, das langjährige Koalitionsverschmelzungen ergeben haben, von dem muss man wieder wegkommen." Der Bürger, so seine Beobachtung, möchte eine Auswahl haben: "Der will sagen, dort werde ich am besten bedient, weil ich das oder das Bedürfnis habe." Das hat natürlich Auswirkungen auf die Stimmung und die Haltung in den Parteien: "Das hat uns schon verändert. Und ich glaube, die Veränderung wird bleiben."

Woher der Unmut der AfD-Wähler unter anderem rührt, weiß der Landrat aus direkten Kontakten: "Wenn einer eine negative Erfahrung macht mit dem Staat, dann sagen sie oft als Zusatz: 'Die müssen sich nicht wundern, dass wir AfD wählen'." (ll)

Der Elektriker ist halt nicht mehr der Elektriker von früher, sondern der Elektroniker für Gebäudetechnik, der in der digitalisierten Welt der Fachmann sein muss.Landrat Richard Reisinger
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