Ärztemangel oder gut versorgt?
Per Flyer auf Hausarzt-Suche

Um einen Hausarzt zu finden, gestaltete die Gemeinde Freudenberg einen Werbeflyer. Bild: Hartl
   
"Es ist überall ein Arzt erreichbar. Aber es ist nicht in jeder Gemeinde ein Arzt." Zitat: Hausärztin Dr. Alexandra Müller

Sie sind Unternehmer, Personalchefs und Innenarchitekten: Niedergelassene Ärzte erfüllen viele Jobs gleichzeitig. Und sie werden auf dem flachen Land weniger. Statistisch gesehen ist die Region - im Gegensatz zum Landkreis Tirschenreuth - an Hausärzten aber nicht unterversorgt.

Amberg-Sulzbach. So weit die Theorie. In der Praxis greift die Gemeinde Freudenberg zu ungewöhnlichen Mitteln. Per Flyer sucht die Kommune einen Nachfolger für den Allgemeinarzt Dr. Reiner Albrecht. 1985 eröffnete er in dem 4200 Einwohner großen Ort seine Praxis. Langsam möchte sich der 66-Jährige zur Ruhe setzen und stellt damit auch eineinhalb Kassensitze zur Verfügung. Jemanden zu finden, der die Allgemeinarzt-Praxis übernehmen möchte, ist allerdings nicht so einfach. Bürgermeister Alwin Märkl beschäftigt sich mit dem Dilemma seit über zwei Jahren. Ein neuer Arzt könnte die Praxis völlig neu gestalten. Sogar von Umbau und Barrierfreiheit ist die Rede.

Der Flyer wirbt damit, dass es in Freudenberg Kita, Schule, "freundlich zugewandte Menschen und eine starke Dorfkultur" sowie eine "Nähe zu Regensburg und Nürnberg" gibt. Die Vorteile scheinen noch niemanden überzeugt zu haben. Märkl: "Wir haben gemerkt, dass wir uns im Kreis drehen und einen anderen Ansatz brauchen." Die Raiffeisenbank, der das Gebäude gehört, in dem die Arztpraxis untergebracht ist, wäre bereit, zu verkaufen und sich selbst dort einzumieten.

Bürgermeister Alwin Märkl hätte vielleicht sogar einen Investor an der Angel. Der allerdings würde einen Ärztemix wie Orthopäde, Hautarzt oder Facharzt für Inneres empfehlen, um das Haus wirtschaftlich rentabel zu führen. Oder nimmt sich Freudenberg an Uehlfeld (Mittelfranken) ein Beispiel? "Dort richtete die Kommune eine Praxis ein und ging auf Arztsuche." Einer aus Düsseldorf meldete sich schließlich. "Das hätte auch schiefgehen können." Wie soll es nun weitergehen? "Soll ich mit einem Fassl Bier in die Studentenverbindung fahren?", fragt Märkl augenzwinkernd. Wie lässt sich am besten ein Nachfolger finden? "Wir sind derzeit in der Meinungsfindung", so Alwin Märkl. "Sicher ist, dass wir weiterhin einen Hausarzt in Freudenberg haben wollen."

Hausärzte-Börse

Laut Pressesprecherin Birgit Grain begrüßt die Kassenärztliche Vereinigung die Bemühungen von Kommunen wie Freudenberg, einen Mediziner zu finden. "Auch die KVB unterstützt Ärzte, die ihre Praxis abgeben möchten und einen Nachfolger suchen." So gibt es beispielsweise eine Vermittlungsbörse für Existenzgründer und Praxisabgeber.

Dr. Martin Pöllath (63) ist Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Amberg-Sulzbach und betreibt in Sulzbach-Rosenberg eine chirurgische Praxisklinik. "Der Versorgungsgrad auf dem flachen Land hatte ein sehr hohes Niveau. In den 90er-Jahren wurden viele Praxen gegründet, wo früher keine waren. An diesen Stand haben wir uns gewöhnt und gedacht, das ist das Optimum." Doch mittlerweile habe sich die Struktur geändert. Zum einen wird die Medizin weiblicher. Nicht nur Beruf, sondern auch Familie müssten unter einen Hut gebracht werden. Statt 60 Arbeitsstunden pro Woche eines alleinverdienenden Familienvaters seien heute Teilzeit-Modelle oder eine ausgeglichene Work-Life-Balance ausschlaggebend für die Entscheidung junger Leute, wo sie arbeiten möchten. Zum anderen müssten Kollegen, die sich jetzt neu ausstatten, weitaus höhere Summen investieren als noch vor 20 Jahren.

Die Zeiten, in denen man sich mit einem Schreibtisch in einem Zimmer als Arzt niederlassen konnte, sind lange vorbei, findet Dr. Alexandra Müller, Hausärztin in Amberg. "Wer möchte zwischen 50 und 60 Stunden in der Woche arbeiten, wenn die Kita nur zwischen 8 und 17 Uhr offen hat?", beschreibt die 48-jährige Allgemeinmedizinerin die veränderten Ansprüche auf dem Arbeitsmarkt. Sie selbst habe die Vorzüge einer Teilzeitbeschäftigung als Mutter einer Tochter zu schätzen gewusst. Mittlerweile ermöglicht sie dieses Arbeitsmodell einer jüngeren Kollegin. "Medizinische Versorgungszentren wurden anfangs belächelt." Doch jetzt seien es die Modelle der Zukunft mit vielen Vorteilen - sowohl für Patienten als auch Ärzte. "Große Praxen bieten ein breiteres Spektrum an. Bei schwierigen Fällen kann Konzil gehalten werden", so Pöllath. "Wir machen viel mehr als noch vor zehn Jahren. In den Arztpraxen ist die High-Tech-Medizin zu Hause." Hinzu komme, dass für Patienten oftmals Entfernungen keine Rolle mehr spiele. Und ohnehin: "Was bei uns unter ländlich unterversorgt geführt wird, ist in der Großstadt eine normale Entfernung", ist Müllers Meinung. "Es ist überall ein Arzt erreichbar. Aber es ist nicht in jeder Gemeinde ein Arzt."

Nicht jeder in Vollzeit

Die Entwicklung der Zahlen der niedergelassenen Ärzte im Kreisverband Amberg-Sulzbach ähneln sich im Vergleich mit der bundesweiten Statistik: Danach stieg die Zahl der Krankenhausärzte (Klinikum St. Marien Amberg, St.-Anna-Krankenhaus Sulzbach-Rosenberg, St.-Johannes-Klinik Auerbach sowie Sanitätszentren in Amberg und Kümmersbruck) im Zeitraum von zehn Jahren von 214 auf 325. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte sank im Gegenzug dazu von 219 auf 201. "Wer aber nur Köpfe zählt, macht es sich zu einfach", betont Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, in einer Pressemitteilung. Er ist der Meinung, dass die geplanten Mindestsprechstundenzeiten aus dem Koalitionsvertrag zur Bekämpfung des Ärztemangels nicht dazu beitragen würden, die Niederlassung in eigener Praxis attraktiver zu machen. "Ein großer Teil unserer Ärzte arbeitet am Limit. Gleichzeitig sind gerade in der jungen Generation viele nicht mehr bereit, sich auf Kosten der eigenen Gesundheit aufzureiben." Auch Martin Pöllath fordert, mehr Ärzte auszubilden. Denn nicht jeder Student werde später den Beruf in Vollzeit ausüben, fügt Alexandra Müller hinzu. Wer sich aber für den Beruf des Hausarztes entscheidet, wird ihrer Aussage nach eine "wunderschöne Tätigkeit haben".

Es ist überall ein Arzt erreichbar. Aber es ist nicht in jeder Gemeinde ein Arzt.Hausärztin Dr. Alexandra Müller


VersorgungsgradDie räumlichen Einheiten, für die die Arztzahlen geplant werden, sind die Planungsbereiche. Diese sind in der Bedarfsplanung je nach Spezialisierungsgrad der betroffenen Arztgruppen unterschiedlich groß gestaltet. Sie können im Versorgungsatlas der KVB eingesehen werden.

Um einschätzen zu können, wie der aktuelle Stand der ambulanten ärztlichen Versorgung in einem Planungsbereich ist, wird die Anzahl der Ärzte einer Gruppe im Planungsbereich ins Verhältnis gesetzt mit der Anzahl der Einwohner im Planungsbereich. Hieraus wird der sogenannte Versorgungsgrad berechnet. Dieser liegt bei 100 Prozent, wenn genauso viele Ärzte vorhanden sind wie vorgesehen.

Gibt es mehr Ärzte einer Arztgruppe in einem Planungsbereich, so gilt dieser ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent als "überversorgt" und wird für Neu-Niederlassungen gesperrt. Der Versorgungsgrad für den Planungsbereich Amberg beträgt 118 Prozent, für Sulzbach-Rosenberg 134,7 Prozent. (roa)


Der Trend geht zu Teamarbeit und Praxisverbünden. Dort machen wir hochqualitative Medizin, viel mehr noch als vor zehn Jahren.Dr. Martin Pöllath, Ärztlicher Kreisverband Amberg-Sulzbach


ZahlenIm Planungsbereich Amberg gibt es 61 Ärzte, davon sind 15 weiblich und 46 männlich. Ihr Durchschnittsalter beträgt 53,9 Jahre (in Bayern: 55,2).

Die Anzahl der Ärzte liegt in Sulzbach-Rosenberg bei 29, davon sind zwölf weiblich. Zehn Mediziner sind über 60. Das Durchschnittsalter liegt mit 56,3 Jahre über dem Bayernschnitt.


Soll ich mit einem Fassl Bier in eine Studentenverbindung fahren?Bürgermeister Alwin Märkl
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Heinz Rahm aus Weigendorf | 07.04.2018 | 23:29  
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