Als das Christkind noch leibhaftig im Wohnzimmer stand
Fast so schön wie eine Braut

Früher erschien das Christkind oft noch leibhaftig. Dieses Bild stammt von Traudl Rubenbauer und wurde 1961 in Haag (Gemeinde Ursensollen) aufgenommen. Bild: schß
 

Früher ist das Christkind noch leibhaftig gekommen. Es war nicht einfach dagewesen, als man gerade nicht im Raum war. Es stand tatsächlich vor einem. Und es war so schön wie eine Braut - aber nur fast.

Amberg-Sulzbach. Da hatte man als kleines Kind gerade den Auftritt des Knecht Ruprechts verdaut, als schon wieder ein Himmelsbote ins Wohnzimmer drängte. "Früher war es in den ländlichen Gegenden durchaus üblich, dass sich am Heiligen Abend jemand als Christkind verkleidete und die Geschenke übergab", erzählt Heimatpfleger Josef Schmaußer aus Hohenkemnath. "Oft waren es die älteren Töchter der Nachbarsfamilien. Sie schlüpften einfach in ein Brautkleid. Ihr Gesicht verhüllten sie mit einem Schleier."

Dieser Schleier. Vor ihm grauste es den beschenkten Kindern meistens. Denn das Christkind stand wortlos da, reichte schweigend die Geschenke. "Das war bisweilen schon ein unheimlicher Besuch", erinnert sich Schmaußer an die 1960er-Jahre. Aber das eine oder andere Päckchen ließ den schleierhaften Auftritt schnell vergessen. Außerdem setzten sich die Kinder zuvor mit ganz anderen Schreckgestalten auseinander. Mit dem "Thama mit'm Hammer" zum Beispiel. Diese Rauhnachtsgestalt soll am Vorabend des Thomastages (21. Dezember) ihr Unwesen getrieben haben. Der Thomas mit dem Hammer war neben dem Knecht Ruprecht (5. Dezember) und der "bösen Luzie" (13. Dezember) die dritte Schreckgestalt der Adventszeit. "Da war das Christkind fast wie eine Erlösung."

Mit dem Heiligen Abend endete die damals wirklich noch sagenumwobene, geheimnisvolle Adventszeit. Vieles war anders in den vier Wochen vor Weihnachten. "Das spürten besonders die Kinder", sagt Schmaußer, der als Konrektor in Hirschau auch beruflich mit Kindern zu tun hat. "Die Ruhe in der Natur, die früh einsetzende Dunkelheit ließ unsere meist bäuerlichen Vorfahren auch viele Ängste erleben, die sich wiederum in Sagen und Brauchtum widerspiegelten." Zum Vorschein seien dabei bis in die Moderne auch uralte, vorchristliche Formen des Brauchtums gekommen.

Was das Besondere am Advent ist? "Die Familie rückt näher zusammen", so habe es einmal eine seiner Grundschülerinnen treffend ausgedrückt. In vergangenen Jahrzehnten war dieses Zusammenrücken wörtlich zu nehmen. "Der Advent war eine wirklich geschlossene, stille Zeit ohne öffentliche Lustbarkeiten, mit Samstagsrosenkränzen und mit Fasttagen." Auch am Heiligen Abend wurde gefastet - bis mittags. "Um diese Zeit begannen die Sitzweilen, andernorts auch Hutza- oder Rockenstub'n genannt. Wenn die Hausarbeit getan und das Abendessen eingenommen war, setzte sich die Familie und das Gesinde in der warmen Wohnstube zusammen. Freunde und Bekannte kamen dazu. Dabei erzählte man sich Geschichten, sang und spielte zusammen. Hier erfuhren die Kinder die Sagen aus der Gegend. Die Frauen strickten, die Männer spielten Schafkopf."

Und auch für die Jugend gab es an solchen Abenden allerlei Unterhaltung. "Sehr gerne wurde dabei das Pantoffelwerfen geübt", berichtet der Heimatpfleger. "Ein Mädchen nahm das Schuhwerk und warf es über die rechte Schulter. Von dorther, wohin die Spitze des Pantoffels zeigte, sollte später einmal der Bräutigam kommen." Solcherlei Prophezeiungen konnten auch auf andere Weise in Erfahrung gebracht werden. "Das Mädchen konnte einfach vor die Tür treten und in die Nacht hinaushorchen. Aus der Richtung, aus der das Bellen eines Hundes zu hören war, sollte einmal ihr Geliebter kommen."

Unvergessen sind für Schmaußer auch die Rorate-Ämter in den alten, kalten Dorfkirchen. Noch vor der Schule besuchten die Kinder, die kilometerweit zum Schulort stiefeln mussten, diese vorweihnachtlichen Gottesdienste. Die meisten der Buben und Mädchen mussten damals noch auf dem elterlichen Hof mithelfen. "Doch um die Weihnachtszeit gab es in der Regel nicht ganz so viel Arbeit", erzählt der Hohenkemnather.

Bis Mitte der 1960er Jahre war im südwestlichen Landkreis noch das "Wiederhilfdreschen" üblich. Nach dem Motto "Ich helfe dir, du hilfst mir", unterstützten sich die Landwirte gegenseitig bei der Getreide-Verarbeitung. Das geschah Monate nach der Ernte im Winter. Ganz früher klopften die Bauern und ihre Knechte die Körner mit Dreschflegeln aus den Garben. Später wurde eine Dreschmaschine von Hof zu Hof gezogen.

Wenn es denn schneite - und das tat es in den 1960er-Jahren oft - dann färbte sich der Schnee auf den Bauernhöfen mitunter rot. "Das Schlachten gehörte zur Vorbereitung auf das schönste Fest der Christenheit." Es war nicht nur die aus Holz geschnitzte Puppe, die die Kinder den irritierenden Anblick des Christkinds im Brautkleid vergessen ließ. Es war oft auch die Aussicht auf eine fette Mettenwurst, die spätnachts nach der Heimkehr von der Christmette noch aufgetischt wurde.

Das war bisweilen schon ein unheimlicher Besuch.Josef Schmaußer über den Auftritt des Christkinds im Brautkleid
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