Das Gefangenen-Denkmal von Kümmersbruck
Ein Stück Menschlichkeit in Kriegszeiten

Die Reproduktion einer Fotopostkarte zeigt das fast fertiggestellte Denkmal (links), daneben das damalige Friedhofsende mit der Außenmauer. Dahinter ist eine Beerdigung zu sehen, außerdem das frühere Leichenhaus, im Hintergrund wäre der heutige Bergsteig. Repro aus Fotopostkarten-Sammlung Dieter Utz.
 
Auf der zur Kirche gewandten Ostseite des Denkmals steht unter einem gleichschenkeligem Kreuz: "A nos morts - Requiescant in pace - les prisonniers du camp d'Amberg" (Unseren Toten - mögen sie in Frieden ruhen - die Gefangenen des Amberger Lagers). Den Sockel zieren das Lagerrelief und der Ehrenkranz auf der Treppe. Es ist die Schauseite des Denkmals, die aber wegen der nahen Gräber kaum zur Geltung kommt. Bilder: e (3)
 
"Greise, Frauen, Kinder, die ihr fern der Euren in Ruhe liegt, empfangt den tief empfundenen Abschied eurer Gefährten im Unglück."

Es ist rund vier Meter hoch, in Form einer abgestuften Pyramide - und damit unübersehbar auf dem Kümmersbrucker Friedhof. Doch erst jetzt, gut 100 Jahre nach seiner Erbauung, geriet das Denkmal in den Fokus der Bevölkerung. Es erinnert an das Barackenlager für Kriegsgefangene in der Kümmersbrucker Heide.

Kümmersbruck. Es war halt ein Denkmal. Genaueres konnte oder wollte der Herr Pfarrer den Kindern vor rund 60 Jahren nicht sagen. Das Monument aus weißem Sandstein auf dem Kümmersbrucker Friedhof soll an Kriegsgefangene erinnern, hieß es. Worum ging es genau? Danach hat lange niemand gefragt. Auch die Erwachsenen wussten nichts darüber: "Erster Weltkrieg" hieß es nur. So gingen Generationen an dem Denkmal vorbei.

Letztes sichtbares Zeichen

Heute ist es die einzige noch sichtbare Erinnerung an das Barackenlager für Kriegsgefangene und Zivilisten auf der Kümmersbrucker Heide, das für rund 5000 Menschen ausgelegt war. Erst jetzt ist dieses Kapitel beinahe lückenlos aufgearbeitet: Die Ausstellung "Das Kriegsgefangenenlager Amberg-Kümmersbruck im Ersten Weltkrieg" im Bergbaumuseum Theuern liefert noch bis Sonntag, 9. Juli, umfangreiche Einblicke. Ermöglicht haben das viele Einzelpersonen und Institutionen, die jahrelang in Archiven und privaten Unterlagen recherchiert haben. Begleitend erschienen ist eine Veröffentlichung des Bergbau- und Industriemuseums Ostbayern/Kulturschloss Theuern (Band 56). Darin hat sich der Haselmühler Günther Rambach mit den Hintergründen befasst.

Im Jahr 1917 erbaut

Das Denkmal stammt aus dem Jahr 1917. Es erinnert an das Amberger Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs hinter der Leopoldkaserne, an der Bahnlinie von Amberg nach Schwandorf, im Bereich das späteren Stadtteils Bergsteig. Anfangs gehörte es zur Gemeinde Gärmersdorf, ab 1915 zu Amberg. Der Krieg begann im Juli 1914. Im Oktober 1914 kamen bereits 757 französische Gefangene und 874 Zivilisten - Frauen, Kinder, Greise - vorwiegend aus der Gegend von Verdun, ins schnell errichtete Camp.

Wer dort starb, sollte eigentlich auf dem Amberger Katharinenfriedhof bestattet werden. Doch der Kümmersbrucker lag näher, nur rund 800 Meter vom Lager entfernt. Wegen der Massenbeerdigung von Gefangenen wurde er erweitert. Der Friedhof endete ursprünglich am Weg vom Haupteingang zum Leichenhaus.

Im November 1915 schrieb die Kirchenverwaltung Kümmersbruck an das königliche Bezirksamt in Amberg, dass die Gefangenen für ihre Verstorbenen ein Denkmal errichten wollten. Die Militärbehörden hatten keine Einwände gegen das von französischen Gefangenen entworfene Bauwerk. Mit Einverständnis des königlichen Generalkommandos mussten die Insassen allerdings die Erdarbeiten zur Friedhof-Erweiterung und für die Fundamente der neuen Mauer übernehmen. Jeden Tag waren hier 30 Gefangene beschäftigt.

Eine Zwangsarbeit mit Vergütung: Ein Mann erhielt pro Tag 0,52 Mark. Ein Liter Bier kostete damals 28 Pfennige. Die Gefangenen bekamen täglich eine Halbe gratis. Im April 1918 standen die Internierten nur mehr bedingt zur Arbeit zur Verfügung. Sie mussten bei der Kartoffel- und Felderbestellung anpacken.

Begehbare Krypta

Was wohl nur wenige wissen: Als Fundament bauten die Franzosen eine große, begehbare Krypta mit einem Ossarium (Beinhaus), vermutlich für die bereits auf dem Friedhof begrabenen Landsleute. Wegen der Erweiterung wurden diese Ruhestätten am Rand des alten Friedhofs aufgelassen.

Für die Einweihung des Denkmals im November 1916 übte im Lager dreimal ein Chor die Hymne aux morts von Victor Hugo. Delegationen aller Truppenteile waren da, es gab ein Konzert mit dem Pfarrer von Kümmersbruck und einem Vertreter Deutschlands, der Russen und der Kriegsgefangenen im Namen des Komitees für das Monument. Kränze wurden niedergelegt, in der Lagerzeitung "Baracke" darüber berichtet.

Ein Denkmal mit vielen SymbolenDie Pyramide galt in der klassizistischen Epoche als Zeichen der Unsterblichkeit, bei vielen Grabmälern auch der Standhaftigkeit und Ewigkeit. Eine Besonderheit des Kümmersbrucker Denkmals ist, dass die Franzosen, nicht, wie damals bei vielen Gedenkstätten in der Normandie üblich, einen sterbenden Krieger im Schoß eines Engels darstellten - sondern die Lagerbaracken mit einem Ehrenkreuz.

Eine spezielle Symbolik enthält die seitliche Rahmung des Lager-Reliefs: eine nach unten zeigende, verlöschende Fackel - in der Antike ein Symbol für den Tod. Vorne liegt ein großer steinerner Kranz mit einer Schleife. In den beiden Giebelfeldern des Sockels unter der Liste der russischen und französischen Soldaten sind trotz starker Verwitterung ein Lorbeerzweig und ein kreuzendes Bajonett zu erkennen, dazwischen eine Kette. Mögliche Deutung: Der Lorbeer steht für den Sieg, das Bajonett für den Kampf des Infanteristen. Beides ist im Krieg aufs engste aneinandergekettet. Von wem die Entwürfe stammen, ist nicht bekannt. Mitgearbeitet haben dürfte aber der französische Zeichner J. P. Luraghi vom französischen Denkmalskomitee, der auch die Lagerzeitung "Baracke" gestaltete.

Auf der Westseite des Denkmals stehen 60 Namen französischer Zivilinternierter (Männer, Frauen und Kinder), die in Kümmersbruck begraben sind. Auf der Nordseite stehen die Namen 36 französischer und italienischer Kriegsgefangener. Schließlich sind auf der Südseite die Namen der hier bestatteten Russen aufgeführt. (e)


Ein KunstwerkDas Franzosen-Denkmal ist auch Zeugnis dafür, welch gute Handwerker und Künstler sich unter den Kriegsgefangenen befanden. Die Bauweise der Krypta als Fundament und der Pyramide mit den zahlreichen Verzierungen und Beschriftungen zeigt, dass hier erfahrene Spezialisten - Maurer, Steinmetze, Bildhauer, Zeichner und Architekten - am Werk waren. Beachtlich sind auch die damalige Lagerleitung und die deutschen Behörden, die den Gefangenen diese Arbeiten erlaubten. Das Denkmal ist zudem ein Beweis für die humane Behandlung von gefangenen Franzosen und Russen im Ersten Weltkrieg. Im Zweiten Weltkrieg wäre dies alles nicht möglich gewesen. Das Lager wurde im März 1918 aufgelöst, die französischen und italienischen Soldaten wurden nach Regensburg überführt, die Russen nach Grafenwöhr und Bayreuth. (e)

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