Dekan Karlhermman Schötz im Interview über das Reformationsjahr 2017
Wenn da mehr Gnade wäre ...

"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Zitat: Für Dekan Karlhermann Schötz sein Lieblingssatz von Martin Luther

Weil sich 2017 der Luther'sche Thesenanschlag zum 500. Mal jährt, gibt es in Deutschland sogar einen offiziellen Feiertag mehr - den Reformationstag. Für Dekan Karlhermann Schötz ist das aber nicht der wichtigste Aspekt dieses "Reformationsjahres".

Amberg-Sulzbach. Diese Benennung ist ihm auch lieber als die personalisierende Zuspitzung "Lutherjahr", wie er im Interview mit unserer Zeitung verrät.

Herr Schötz, gibt es für das Lutherjahr im Dekanat ein besonderes Motto oder eine besondere Ausrichtung?

Wir feiern bei uns ein Reformationsjahr. Es hat kein spezifisches Motto. Mir persönlich ist die Erinnerung an die Bedeutung der Bibel für den Glauben sehr wichtig. Es gibt ja jetzt eine neu revidierte Bibelübersetzung nach Martin Luther. Darum wird es bei uns im Frühjahr eine Dekanatssynode zu diesem Thema geben. Schwerpunkt der Veranstaltungen im Dekanatsbezirk zwischen tschechischer und fränkischer Grenze wird die Stadt Amberg sein.

Was sind die Höhepunkte des Lutherjahres in der Region?

Die "Lutherhalbe" haben vor allem im Amberger Raum schon viele Menschen genossen. Aber wir feiern nicht nur leiblich, sondern auch geistig und geistlich.

Am 22. Januar beginnt das Festjahr mit einem Gottesdienst mit Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss in der Paulanerkirche in Amberg und einem Festvortrag im Rathaus. Verschiedene historische Vorträge werden das Werden und Geschehen der Reformation beleuchten. In Gottesdiensten um den 11. März wird es um die durchaus problematische gemeinsame Geschichte von Katholiken und Protestanten gehen. Andere Gottesdienste zum Jubiläum werden als gemeinsames Christusfest gestaltet. Im Juli wird es einen Dekanatskirchenmusiktag geben mit Kirchenchören, Gospelchören und Posaunenchören aus dem ganzen Dekanatsbezirk. Dazu kommen eine Reihe von Fahrten zu Lutherstätten von verschiedenen Gemeinden und dem Evangelischen Erwachsenenbildungswerk. Dazu gibt's auch eher was zum Schmunzeln, wenn Norbert Neugirg, der Altneihauser Feuerwehrkommandant, im Oktober seinen Senf zu lutherisch und katholisch geben wird. Schließlich wird der 31. Oktober als gesetzlicher Feiertag noch einmal ein Höhepunkt werden mit all den Gottesdiensten, die an diesem Tag gefeiert werden. Und sozusagen zum Abschluss 2017 wird unser Kirchenparlament, die bayerische Landessynode, Ende November in Amberg tagen. Im Jahr 2017 ist das schon etwas Besonderes.

Was wünschen Sie sich von den evangelischen Christen, wie sie das Reformationsjahr begehen sollten?

Freudig und zuversichtlich die Schätze des eigenen Glaubens (wieder) zu entdecken: die Lebens- und Glaubensweisheit der Bibel und des Gebets. Papst Johannes XXIII. hat einmal gesagt: "Wer glaubt, zittert nicht." Viele diffuse Ängste unserer Zeit hängen meines Erachtens mit einem Glaubens- und Sinnvakuum zusammen. Wer sich seines evangelischen Glaubens bewusst ist, muss keine Angst vor anderen Konfessionen und Religionen haben. Ich freue mich, wenn Menschen sagen: "Ich bin evangelisch und das ist gut so!"

Hätten Sie da auch einen Wunsch in Bezug auf die Katholiken?

Dass sie sich mit uns freuen und feiern. Das geschieht ja auch. Mir gefällt der ökumenische Schwerpunkt des Reformationsgedenkens. Wir machen als Kirchen gemeinsam deutlich: Wir gehören zusammen, auch wenn wir unterschiedlich sind. Wir haben den einen Herrn: Jesus Christus. Freilich müssen wir über manches noch reden, aber wir sind auf einem guten Weg. Das wird dieses Jahr deutlich.

Was kann denn Luther Ihrer Ansicht nach dem modernen Menschen - ungeachtet seines Glaubens oder Nicht-Glaubens - 2017 noch sagen?

Ich würde die reformatorische Entdeckung Luthers, dass der Mensch in Glaubensdingen vor Gott gerecht ist unabhängig von seiner Leistung, heute unter verschiedenen Begriffen zusammenfassen: Liebe, Anerkennung und Würde, Vergebung und Freiheit. Mit einem Wort: all das, was unsere Gesellschaft und Welt so dringend braucht. Der Mensch wird nicht bemessen nach dem, was er nach außen darstellt oder auch wie er persönlich dasteht, sondern er wird von Gott geliebt, anerkannt, gewürdigt, ganz unabhängig von seinem Bildungsstand, Einkommen, sozialen Hintergrund und gesellschaftlichen Ansehen. Oder schauen Sie sich nur mal die sogenannten sozialen Netzwerke an. Die werden ja immer mehr zu unsozialen Netzwerken. Allein die gnadenlose Sprache, die man da vielfach lesen muss. Wenn da mehr Gnade wäre - auch so ein wichtiger Begriff bei Luther -, dann sähe das alles anders aus. Das ließe sich stundenlang fortsetzen. Darum gilt für mich: Die Reformation ist weniger ein Ereignis als ein Weg. Dieser Weg ist noch nicht zu Ende gegangen.

Was ist Ihr Lieblingssatz oder Ihre Lieblingsanekdote von Luther?

Mein Lieblingssatz stammt aus der Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" von 1520 und lautet: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Und dann habe ich auch noch eine Geschichte, die mir gut gefällt. Schon zu Luthers Zeit war das mit dem Gottesdienstbesuch nicht so toll, wie man sich das heute manchmal vorstellt. Als einige Kollegen Luther ihr Leid klagten, dass so wenige Menschen zum Gottesdienst kämen, meinte er, dann müsse man eben das Evangelium zuversichtlicher predigen. Also nicht jammern über die Schlechtigkeit der Welt, sondern sich zuversichtlich zum Glauben bekennen, wie man das auch an unserem Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm erleben kann.

Besteht in einem Lutherjahr die Gefahr, dass die Person Luthers so überlebensgroß aufscheint, dass sie andere wichtige Aspekte des Glaubens verdeckt?

Das sehe ich eher weniger. Die Veranstaltungen zum Reformationsgedenken, vor allem auch wie wir in der Region es handhaben, sind so vielfältig, da ist nicht "alles Luther". Martin Luther hatte ja viele Seiten. Das wird nirgends verschwiegen. Er war ja auch ein Mensch mit großen Zweifeln und dunklen Seiten. Ungeachtet dessen war er einfach der richtige Mann zur rechten Zeit am richtigen Ort mit einem großen Gottvertrauen und Selbstbewusstsein, der unsere Sprache, unser Land und Europa geprägt hat.

Können Sie denn einem Katholiken ganz kurz und einfach erklären, wodurch sich die evangelisch-lutherische Kirche von der evangelisch-reformierten oder der evangelisch-unierten unterscheidet?

Gegenfrage: Können Sie mir den Unterschied zwischen römisch-katholisch, griechisch-katholisch oder katholisch-uniert erklären? Scherz beiseite. Hinter der Frage steckt ja so der Gedanke, also die evangelischen Kirchen sind so unterschiedlich, da kennt man sich gar nicht aus, und bei der katholischen Kirche sei das ganz anders. Die katholische Kirche ist aber vielfältiger, als manche meinen, und die evangelischen Kirchen sind ebenso vielfältig.

Die Unterschiede der evangelischen Kirchen gehen sehr stark auf die verschiedenen Reformatoren zurück. Deshalb wäre es ja unzureichend, Reformation und Luther ganz in eins zu setzen. Im Süden des früheren Deutschen Reiches waren Reformatoren wie Ulrich Zwingli und Johannes Calvin besonders prägend, im Norden und Osten des heutigen Deutschlands vor allem Martin Luther und Philipp Melanchthon. Deshalb dann zwei Profilierungen des Evangelischen: die reformierte (Zwingli, Calvin) und die lutherische (Luther, Melanchthon) Prägung. Das hatte ja auch in unserer Region immer wieder zu Rivalitäten geführt, schließlich haben sich die Lutheraner durchgesetzt. Die unierten Kirchen haben versucht, beide Linien zusammenzuführen. Am deutlichsten werden die Unterschiede heute noch im Gottesdienst. Da werden Sie in den lutherischen Kirchen viele Elemente wiederfinden, die Sie aus der katholischen Messe kennen. In der reformierten Tradition hat die Predigt eine sehr viel mehr hervorgehobene Bedeutung. Im alltäglichen Leben evangelischer Christen sind die Unterschiede kaum noch zu spüren. Das kann man für das Miteinander von Evangelischen und Katholiken fast genauso sagen.

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.Für Dekan Karlhermann Schötz sein Lieblingssatz von Martin Luther
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