Ein Streifzug durch den Bayerischen Sprachatlas
Ab Sonntag ist 2016 „fean“

Amberg-Sulzbach. Der Jahreswechsel ist nicht mehr fern: Ein paar Stunden noch, dann wird aus heuer "fean". "Fean" oder "feand" sagt der Oberpfälzer zum vergangenen Jahr. Wer den althergebrachten Begriff nicht kennt, kann ihn sich im Internet anhören. Dort gibt es eine sprechende Karte mit allen bayerischen Mundarten.

Wenn der Glos an die Tür klopft, dann stehen die Kinder im Landkreis Aichach-Friedberg stramm. Sie zittern nicht vor dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister, sondern sehen bangend dem Besuch des Nikolauses entgegen. Glos - so heißt der Heilige mit der Mitra im Dialekt von Teilen Schwabens.

Ruperich und Hätscheglas

Pelzenmärtel nennen ihn die Mundart sprechenden Kinder in Rothenburg, Ruperich in Hof, Hätscheglas in Schweinfurt und Rollerthomas mitunter in Hersbruck. "Leider geraten diese Bezeichnungen immer mehr in Vergessenheit", sagt Professor Werner König, der zusammen mit einem Team von Forschern den Sprachatlas herausgegeben hat. Vielleicht ein Grund dafür, dass in der jetzt vorgestellten vertonten Internet-Version nur Sprecher im Alter von über 60 Jahren zu hören sind.

Einer von ihnen ist der Schwandorfer Kreisheimatpfleger Alois Gillitzer. Wer den Sprachatlanten im Internet anklickt und mit der Maus über die Oberpfalz fährt, bekommt zu jedem gelisteten Wort auch ein Hörbeispiel aus Niedermurach angeboten. Hinter dem Button verbirgt sich eine digitale Aufnahme mit der Stimme Gillitzers. "Da Nigglo", sagt der Kreisheimatpfleger, wenn es um Sankt Nikolaus geht. Vor einigen Jahren ist Professor König mit Mikrofon und Aufnahmegerät in Niedermurach vorbeigefahren und hat eingefangen, wie Alois Gillitzer der Schnabel gewachsen ist. Besonders die Wörter aus der Landwirtschaft haben es den Forschern und ihren Gewährspersonen angetan. So befasst sich der Sprachatlas unter anderem mit den Bezeichnungen für "brünstig (bei Schweinen)", "Holz spalten" oder "dünne Reihen von halbdürrem Heu". "Riegel", sagt der Niedermuracher zu Letzterem. In Tirschenreuth heißt die Heumahd einfach "Moh", in Kallmünz sagt man "Schloißn". "Die Wörter sterben aus, weil man sie heute nicht mehr braucht", muss Gillitzer feststellen. Früher seien sie aus dem Alltag nicht wegzudenken gewesen.

70 Orte abrufbar

Insgesamt haben die Wissenschaftler 70 Orte in Bayern und sieben davon aus der Oberpfalz für den Sprachatlas im Internet ausgewählt: Neben Niedermurach noch Tirschenreuth, Pressath (Kreis Neustadt/WN), Neumarkt, Kallmünz, Pfatter (Kreis Regensburg) und Waldmünchen (Kreis Cham).

Der Heilige Nikolaus hat für jeden etwas im Sack: Ausgerechnet die bodenständigen Dialektsprecher Bayerns rehabilitieren den viel gescholtenen Santa Klaus. Genau so nämlich heißt der Heilige mit der Mitra und dem Stab seit jeher zwischen Unterammergau und Mittenwald. Und die Bezeichnung "fean" für "voriges Jahr" hat nach Meinung der Sprachforscher übrigens nichts mit der Distanzangabe "fern" zu tun. Angeblich stammt der Ausdruck vom Firnschnee, so wie es ihn auf Gletschern (Ferner) zuhauf gibt. Dort liegt der alte Schnee nicht erst seit letztem Jahr, sondern mindestens schon seit "vorfean".

Weitere Informationen unter www.sprachatlas.bayerische-landesbibliothek-online.de/
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