21.03.2018 - 17:00 Uhr

Fachtagung zeigt Lösungen, auch für extreme Überforderungssituationen Enkelin sperrt dementen Opa in Käfig

"Wenn Sie mir nicht helfen, bring ich meinen Vater um!" Die Frau ist völlig verzweifelt, als sie bei Georg Pilhofer anruft und ihr Herz ausschüttet. Und sie ist vor allem eines: überfordert. Mit der Situation, sich um ihren demenzkranken Vater kümmern zu müssen, der auch in der Nachbarschaft sexuell enthemmt auftritt.

Jens Trögner (links), Geriatrie-Chefarzt am Klinikum St. Marien, schildert bei der Tagung die Methoden der Medizin, das Altern zu erleichtern. Bild: Huber
von Thomas Amann Kontakt Profil

Amberg-Sulzbach. Dadurch gerät die Tochter immer mehr unter Druck, hält neben der Krankheit die "Schande für die ganze Familie" kaum mehr aus. Georg Pilhofer von der Gerontopsychiatrischen Koordinationsstelle kann der Frau nach eigener Auskunft rasch helfen. Er klärt sie über die seltene Demenzform mit sexuellen Enthemmungstrieben auf und vermittelt Behandlungsmöglichkeiten. Außerdem gibt er wertvolle Hinweise für Unterstützungsangebote von amtlicher und ehrenamtlicher Seite, damit die Familie entlastet wird und die Lage nicht eskaliert. All das ist auch Aufgabe des Vereins zur Förderung der seelischen Gesundheit im Alter (Sega) mit Sitz in Sulzbach-Rosenberg, der am Mittwoch zum elften Mal zu seiner Fachtagung Demenz ins Landratsamt einlud. Thema diesmal: "Schicksal Alter - Ende oder Wende?" Dabei ging es unter anderem um Verhaltenskrisen, wie zum Beispiel agitiertes, aggressives oder hypersexuelles Auftreten.

Alter ist lebenswert

Das stellte Sega-Vorsitzender Dr. Klaus Gebel, Neurologe und Psychiater in Sulzbach, samt Interventionsmöglichkeiten in seinem Vortrag dar, zumal das Publikum hauptsächlich vom Fach war: Pflegekräfte, Mitarbeiter von Einrichtungen der stationären Altenhilfe, von Krankenhäusern, ambulanten Diensten, Therapeuten, Sozialpädagogen sowie Beschäftigte von Behörden und ehrenamtliche Helfer, aber auch betroffene Familienangehörige. Gerade mit Blick auf Letztere hoben Gebel, Heidi Himmelhuber, die Vorsitzende des Regionalen Steuerungsverbundes Amberg-Sulzbach, und andere Referenten der Tagung aber auch hervor, dass Altern lebenswert sein und Lebensqualität geben kann. "Das wird einem nicht geschenkt, man muss es sich erkaufen und gewisse Verhaltensspielregeln erwerben", betonte Gebel, dem es auch um diese Botschaft ging. Himmelhuber und Pilhofer waren froh, dass die Tagung im König-Ruprecht-Saal fast ausgebucht war und so viele Zuhörer erreichte ("ein Riesenerfolg für Sega").

Tatsächlich geht es dem Verein darum, seine Angebote noch bekannter zu machen, breiter zu streuen, um Fachpersonal und Angehörige vor Überforderungssituationen zu bewahren. Grenzwertige Formen davon - vor allem im häuslichen und familiären Bereich, in den keiner hineinschauen kann - sind zum Beispiel freiheitsentziehende Maßnahmen. Nicht immer müssten Patienten fixiert oder eingesperrt werden, um sie vor sich und anderen zu schützen.

Enkelin total überfordert

Madeleine Viol vom Institut für angewandte Sozialforschung an der Hochschule Freiburg berichtete in einer Pressekonferenz zur Tagung vom erschütternden Fall eines demenzkranken Großvaters, der von seiner Enkelin zu Hause in einen Käfig gesperrt worden sei.

Dass so etwas bereits in den strafrechtlichen Bereich führt, wurde ebenso angerissen wie weitere juristische Themen der weniger bedrohlichen Art: Vorsorgevollmacht und Voraussetzungen für Betreuungsfälle zum Beispiel. Viol stellte den Besuchern technische Hilfen vor, die dennoch Freiheit und Sicherheit geben, und schilderte, dass sich die Zahl der Demenzerkrankten bis 2030 auf 460 000 verdoppeln werde.

Schon gegenwärtig haben nach ihrer Auskunft rund 47 Prozent der Pflegeheimbewohner mit freiheitsentziehenden Maßnahmen traurige Erfahrungen gemacht; dazu gehörten auch "chemische Fixierungen" und Sedierungen. "Hier scheint etwas im Argen zu liegen", mahnte Viol mit Blick auf Gegenwart und Zukunft ein Umdenken an. Auch das Thema "Altenwohlgefährdung" braucht nach ihren Worten eine Diskussion. Wiewohl geschilderte Zustände meist aus Überforderung und nicht aus bösem Willen geschähen.

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