Intergrative Band probt fürs Dousamma in Hirschau
Wenn Thomas ins Schlagzeug haut

Foto: Wolfgang Steinbacher (Foto: Steinbacher)
 
Für Gruppenleiterin Agnes Meier steht die Freude am Musizieren im Mittelpunkt.

Wenn Agnes Meier dirigiert, tut sie das nicht mit den Händen. Ihre Musiker schauen ihr auf die Füße. Fast keiner von ihnen kann Noten lesen. Wie das klingt? Auf jeden Fall nach jeder Menge Spaß. Den tragen die "Lustigen Quertreiber" schließlich schon im Bandnamen. Ihre Zuhörer werden ihn sicher auch haben. Beim Dousamma-Festival in Hirschau.

Amberg-Sulzbach. Der Spaß an der Musik steht bei diesem Orchester im Vordergrund. Das müsste seine Leiterin Agnes Meier gar nicht extra erwähnen. Der Zaungast bekommt es selbst sofort mit: Es wird viel gelacht bei dieser Probe für den ganz großen Auftritt. Der erste ist es aber nicht. "Die lustigen Quertreiber" haben, obwohl es sie erst seit 2013 gibt, schon einige Bühnenerfahrung. Vor allem im Raum Schwandorf.

In der großen Kreisstadt arbeiten die Bandmitglieder in den Naabwerkstätten für Menschen mit Behinderung. Die Musik ist ihr Hobby. Bei Agnes Meier ist sie auch Beruf. Die Musikpädagogin hat "Die lustigen Quertreiber" 2013 ins Leben gerufen. Anfangs noch als namenloses Projekt mit Orff-Instrumentarium und von ihr freiberuflich betreut. Seit 2015 ist Meier, die inzwischen auch ausgebildete Musiklehrerin für Menschen mit Handicap ist, in den Naabwerkstätten fest angestellt. Die Einrichtung unterstützt die Gruppe auch darüber hinaus, unter anderem mit Instrumenten und Technik.

Hier sind Töne Farben

Einmal pro Woche treffen sich die Quertreiber hier zur Probe. Auf den ersten Blick eine ganz gewöhnliche Musikgruppe - mit Sängern und Instrumentalisten mit Keyboard, E-Bass, Gitarren, Akkordeon, Querflöte, Schlagzeug und Spezial-Percussion. Tatsächlich ist diese Band aber doch etwas ungewöhnlich: Die meisten Akteure können keine Noten lesen. Deshalb spielen sie nach Farben. Ein System, das Agnes aus der Arbeit mit sogenannten Boomwhackers (gestimmte Percussions-Kunststoffröhren) übernommen hat.

Was sich für den Außenstehenden ein bisschen kompliziert anhört (und wegen des Dirigierens mit dem Fuß auch etwas ungewöhnlich aussieht), klingt in der Praxis nicht anders als vom gewöhnlichen Notenblatt. "Wir spielen alles, querbeet durch die Literatur", sagt Agnes Meier. Und so reicht das Repertoire ihrer Musiker vom Schlager "Rote Lippen soll man küssen" über das Nessaja-Lied aus dem Musical Tabaluga bis zur Rock-Ballade "Lady in Black". Heute wagt sich die Gruppe auch an ein modernes Volksmusik-Stück. Agnes Meier hat dafür den Après-Ski-Hit "Rock mi" auf ihre Quertreiber umgeschrieben - nicht nur farblich, sondern auch mit einem eigenen Text. Hier kommt der Drummer groß raus: "Wenn der Thomas in sei Schlagzeug haut, ja mei Liaba dann wird's richtig laut" heißt eine Textzeile, die die Sängerinnen der Gruppe gerade anstimmen. Das Quertreiber-Lied soll beim Dousamma-Festival in Hirschau Premiere haben. Die Musiker sind aber noch nicht zufrieden damit. Die etwas andere Version, die sie zuvor probiert haben, gefällt ihnen besser. Kein Problem, meint Agnes Meier, "dann spielen wir es halt so". Schließlich soll die Freude am Musizieren im Vordergrund stehen.

Ausgezeichnete Inklusion

"Wichtig ist, dass es für uns passt", sagt die Musikpädagogin. Ihr Credo drückt sie in einer Frage aus: "Warum soll man Musik kompliziert machen?". Und sie gibt auch gleich eine Antwort darauf: "Musik soll Spaß machen." Deshalb schrauben die Quertreiber auch erstmal gar nicht weiter am neuen Stück, sondern präsentieren eines ihrer Lieblingslieder, die "roten Lippen". Den alten Schlager spielen sie bei jedem ihrer Auftritte. Auch mit ihren Freunden.

"Die lustigen Quertreiber & Friends" heißen sie, wenn sie ganz integrativ auf der Bühne stehen - gemeinsam mit dem Musikverein Wackersdorf-Steinberg am See oder dem Carl-Friedrich-Gauss-Gymnasium Schwandorf. Mit beiden verbindet die Quertreiber eine musikalische Kooperation, mit dem Musikverein außerdem der 2015 gemeinsam erhaltene Inklusionspreis des Bezirks Oberpfalz.

Lampenfieber kein Thema

Wäre noch die Frage nach dem Lampenfieber. Die ganze Gruppe lacht. "Am Anfang war es schlimm", verrät Thomas mit Augenzwinkern. Agnes Meier winkt ab: "Meistens bin ich aufgeregter als die Musiker." Die sind inzwischen ganz cool auf der Bühne. Und das, obwohl sie selbst und mit ihren "Friends" jedes Mal in einer etwas anderen Besetzung spielen. "Für die Quertreiber ist das kein Problem", sagt Agnes Meier. Wenn sie Musik machen, sind alle Handicaps vergessen. "Ich hab übrigens auch eins", merkt die Leiterin der Gruppe an. Ratlose Gesichter in der Musikerrunde. Jetzt lacht die Musikpädagogin. Und hält ihre Brille hoch.

Musik ohne NotenBeim Musizieren nach Farben werden einzelnen Noten bestimmten Farben zugeordnet. So ist das C beispielsweise rot, das E gelb. Vor Agnes Meier auf dem Boden liegen Karten im DIN-A-Format in diesen Farben: Wenn die Musikpädagogin mit dem Fuß darauf tippt, wissen ihre Schützlinge, was sie spielen müssen. "Die lustigen Quertreiber" arbeiten mit maximal fünf Farben (Tönen). Die Stücke, die sie spielen, muss Agnes Meier vorab in das Farbsystem "übersetzen". (eik)


DousammaDousamma, das Volksmusikfestival der Oberpfalz, geht am Donnerstag, 25. Mai, ab 11 Uhr in Hirschau über die Bühne (Eintritt frei). Im ganzen Stadtgebiet spielen Gruppen aus Bayern und Tschechien in Wirtshäusern, anderen Sälen und unter freiem Himmel. "Die lustigen Quertreiber & Friends" aus Schwandorf sind heuer zum ersten Mal dabei, sie spielen um 14.30 Uhr im Biergarten des Schlosshotels. Das komplette Festival-Programm ist im Internet abrufbar (www.dousamma.de). (eik)
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