19.01.2018 - 19:28 Uhr
Oberpfalz

Landrat Richard Reisinger zum Insektensterben Appell: Natur statt Kieselfläche

Den einen ist es noch gar nicht aufgefallen. Andere freuen sich einfach, dass sie kaum noch Fliegen von der Autoscheibe kratzen müssen. Landrat Richard Reisinger hat auch schon festgestellt, dass es weniger Insekten gibt. Das sei aber nicht unbedingt ein Grund zur Freude, meint er.

Lieber lebendige Natur als toter Kieselgarten: Landrat Richard Reisinger ist nicht nur Kreisvorsitzender der Gartler, sondern auch ein bekennender Naturfreund in seinem eigenen Garten. Hier könne jeder etwas mehr für Biodiversität tun. Bild: Hartl
von Heike Unger Kontakt Profil

Amberg-Sulzbach. Eine Nachfrage der Redaktion zum Thema Glyphosat im Landkreis bringt dieses Thema zur Sprache. "Ich nehme das auch so wahr, dass es weniger Insekten gibt", sagt Reisinger. Und auch wenn sich deshalb vielleicht mancher "über die nicht ganz so verunreinigten Scheiben freuen mag und über weniger Mücken im Schlafzimmer", sei dies doch ein Problem.

"Ich weiß vom Landesbund für Vogelschutz, dass als Nächste in der Kette die Vögel darunter leiden", erläutert Reisinger - "die soll man ja jetzt schon ganzjährig füttern". Er selbst tut das auch. Und nutzt die Gelegenheit zu einem Plädoyer für naturnahe Gärten. Damit, so betont Reisinger, könne jeder in der Kulturlandschaft als Gegenpol zum großen Maisfeld "noch ein bisschen Biodiversität schaffen". Als Kreisvorsitzender der Obst- und Gartenbauer sagt Reisinger: "Man kann sehr viel Gutes tun im Garten, ihn bienenfreundlich gestalten, mehr als das vielleicht woanders möglich ist." Er gehöre zu den "Kritikern der Verbetonierung" und der beliebten modernen Steingärten. Dies könne in Einzelfällen vielleicht "ästhetisch ansprechend sein" - aber dafür würden "Kubiktonnen an Steinen verbaut - und dann spitzen drei orientalische Gräser aus 20 Quadratmeter Kieselfläche, die man dann irgendwann auch beseitigt, weil sie Dreck machen". Reisinger wirbt hier für ein Zurück zur Natur - dabei gebe es viele Möglichkeiten, etwas zu tun.

Auch der Landkreis steuere das Seine bei: "Wir haben Fauna-Flor-Habitat-Gebiete und das Vertrags-Naturschutzprogramm stark intensiviert." Dabei würden vor allem Flächen extensiviert, also so gestaltet, dass man möglichst wenig eingreife. Deshalb seien die Verantwortlichen "eigentlich immer auf der Suche nach Flächen", die naturnah bleiben oder gestaltet werden können. Außerdem gebe es das Arten- und Biotopschutzprogramm des Landkreises "Bayern Netz Natur".

In diese Richtung zielten etliche Maßnahmen des Landschaftspflegeverbands, dem der Landrat formell vorsteht. Geschäftsführer Richard Lehmeier und die meisten Landkreis-Gemeinden setzten hier in Zusammenarbeit mit unterer Naturschutzbehörde, Ökomodellregion und dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten "sehr viel ein". Die Ökomodellregion, merkt Reisinger noch an, sei ein Fördermodell des Landwirtschaftsministeriums. "Das wäre so vielleicht vor 20 Jahren gar nicht denkbar gewesen."

Kostbares Wasser

"Das Trinkwasser ist den Bürgermeistern schon ein sehr hohes Anliegen": Diesen Eindruck hat Landrat Richard Reisinger. Man habe auch deutlich gemerkt, "wie sensibel die Bevölkerung darauf reagiert - und zwar zu Recht", als vor einiger Zeit die Privatisierung der Trinkwasserversorgung auf europäischer Ebene zur Debatte gestanden habe.

So weit dürfe es "natürlich auf keinen Fall" kommen, betont Reisinger - und hat einen Denkanstoß dazu: "Wenn man mal in einer Großstadt ist und im Hotel Wasser aus dem Hahn trinkt, merkt man, was man zu Hause für eine Wasserqualität hat."

Fakt sei aber auch, dass jahrzehntelang Stoffe in den Boden gelangt seien, "die da nicht hingehören" und auch das Grundwasser erreicht hätten. "Die Filteranlagen werden ja nicht umsonst installiert." Aber in Deutschland gebe es für alles Grenzwerte, meint der Landrat.

Zu weit geht es Reisinger in diesem Zusammenhang, wenn manche "in der Debatte um Glyphosat sagen, da ist Fleischverzehr und Cola ungesünder: Das ist Unsinn. Ich kann nicht etwas Schädliches mit einem noch Schädlicheren oder weniger Schädlichen relativieren. Ich muss versuchen, das alles zu minimieren."

Im Landkreis werde seit 2015 ein Brunnen (in Ammerthal) nicht mehr für die Trinkwasserversorgung verwendet. "Wir haben für alle Brunnen Wasserschutzgebiete ausgewiesen", berichtet Reisinger. Und die Wasserversorger hielten sich an die Grenzwerte. (eik)

Keine Pestizide

Zum Thema Spritzmittel betont Landrat Richard Reisinger: "Wir haben am 9. März 2016 beschlossen, der Landkreis verzichtet grundsätzlich auf allen kreiseigenen Flächen auf den Einsatz von Pestiziden. Vor allem in der Nähe von Spielplätzen, Schulen und Kindergärten - da sind ja unsere Flächen." Nachdem der Kreis auch Flächen verpachtet habe, weise er in den entsprechenden Verträgen ebenfalls auf dieses Thema hin. Und bei Vergaben an private Dienstleister zur Pflege landkreiseigener Grundstücke wirke man "auf einen grundsätzlichen Pestizidverzicht hin".

Die Landkreisgärtner verwendeten "schon seit Jahren kein Pflanzenschutzmittel mehr", betont Reisinger. "Ich weiß das auch vom Rosengarten am Zeughaus - da wird nichts eingesetzt." Die Verantwortlichen wüssten sehr wohl, dass sie deshalb immer wieder einmal Rosen austauschen müssen. Doch auch das gehöre zum Credo der Kreisfachberatung. Fachberater Arthur Wiesmet "reißt dann lieber etwas raus und tauscht es aus, bevor er spritzt", weiß Reisinger. "Das mach ich zu Hause auch, bevor ich eine Kümmerrose dauernd gegen Rost, Pilz und Laus spritze", plaudert der Landrat, ein bekennender Naturgarten-Freund, aus dem privaten Nähkästchen.

Zudem sei der Privatgärtner ja oft der irrigen Meinung "viel hilft viel" - auch beim Spritzen. Profis, die entsprechende Mittel einsetzten, "machen das schon aus finanziellen Gründen vorsichtig - weil das kostet ja auch was. Die rechnen deshalb genau aus, was sie brauchen." (eik)

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