Milcherzeuger haben Angst vor dem nächsten Preissturz
Wie der Milchpreis fair wird

Die Kuh "Faironika" steht immer noch als Sinnbild für die Hoffnung der Bauern auf einen fairen Milchpreis. Doch die fünf Vertreter des BDM-Kreisvorstandes schauen angesichts der neuen Krisenanzeichen eher bedrückt in die Zukunft (von links): Manfred Bauer, Franz Meiler, Jürgen Pirner, Helmut Graf und Robert Graf. Bild: Steinbacher
 
"Von einer Krise in die andere stolpern, das ist keine Perspektive. Am Ende stirbt das Dorf, das Land." Zitat: BDM-Kreisvorsitzender Helmut Graf

Amberg-Sulzbach. Die Milchviehhalter müssten nicht so düster dreinblicken. Der Preis für das Kilo Milch kommt derzeit nahe an die 40 Cent heran, die die Plakate über vielen Stalltüren als fairen Preis fordern. Doch in der Krise haben sie gelernt, auf geringste Anzeichen der Marktentwicklung zu achten. Und die machen ihnen Angst.

Als im April 2015 die Milchquote wegfiel, rauschte der Milchpreis in den Keller. Der Tiefpunkt war Mitte 2016 erreicht, als der Erzeuger für ein Kilo Milch im Durchschnitt weniger als 23 Cent bekam. Viele Betriebe mussten damals Kredite aufnehmen, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Dauernde Drohung

Die fünf Landwirte aus dem Kreisvorstand des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) Amberg-Sulzbach, die zum Pressegespräch in die AZ gekommen sind, denken mit Grausen an diese Zeit zurück. Weil das Geld ja auch wieder zurückbezahlt werden muss. Weil viele Bauern damals aufgegeben haben. Weil auch die anderen Familienbetriebe nur dank ihrer nicht entlohnten Arbeitskräfte überleben konnten. Und weil die fünf die dauernde Drohung sehen, die hinter solchen Entwicklungen steht. "Von einer Krise in die andere stolpern, das ist keine Perspektive", sagt der BDM-Kreisvorsitzende Helmut Graf. "Am Ende stirbt das Dorf, das Land."

Flexible Mengensteuerung

Der BDM hat in den 20 Jahren seines Bestehens ein Rezept gegen diese Existenzbedrohung propagiert - die flexible Mengensteuerung. Das Konzept besagt, dass die Milchproduktion gedrosselt wird, wenn der Markt gesättigt ist. Es will Angebot und Nachfrage in Einklang bringen und dadurch einen Preis erreichen, der die Existenz der Erzeuger sichert.

Nach der Überzeugung der BDM-Leute hat die Entwicklung seit Mitte 2016 gezeigt, dass diese Idee funktioniert. Auf dem Tiefpunkt der Krise hat die EU nämlich nicht nur 380 000 Tonnen Magermilchpulver eingelagert, sondern auch das 150-Millionen-Euro-Programm für den freiwilligen Milchlieferverzicht gestartet. Es geschah, was der BDM vorausgesagt hatte: Als die Nachfrage das Angebot überstieg, trieb das den Milchpreis wieder in die Höhe.

"Wobei in Europa schon kleine Mengen viel ausmachen", erläutert Jürgen Pirner. "Die Menge musste nur um zwei bis drei Prozent reduziert werden, das hat dann im Endeffekt fast 40 Prozent Preissteigerung bewirkt." Ende 2017 lag der Milchpreis bei etwa 39 Cent. Nicht ganz unerwartet ließ das auch die produzierten Milchmengen wieder anschwellen, deutschlandweit sogar um knapp fünf Prozent. "Alle wollen jetzt ein Polster schaffen", erklärt Manfred Bauer diesen Effekt. Schließlich koste jede Krise einen Betrieb mit 50 bis 60 Kühen im Jahresschnitt mehrere Zehntausend Euro.

Es wäre so einfach

Doch die Mengensteigerung dürfte wieder zu einem Preissturz führen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Und dann muss auch der eingelagerte "Milchpulverberg" 2018 verwertet werden. Helmut Graf befürchtet, dass "die das auf den Markt werfen und es uns dann auf die Füße fällt" - also den Milchpreis zusätzlich unter Druck bringt.

Dabei wäre es aus BDM-Sicht so einfach, den Milchpreis auf einem für die Erzeuger existenzsichernden Niveau zu halten, wenn man nur die (ständige) Mengensteuerung auf eine gesetzliche Grundlage stellen würde, anstatt sie bloß im äußersten Notfall einzusetzen. Die EU hat bereits eine Monitoringstelle, die den Milchmarkt im Auge behält, ebenso eine Milchmengenerfassung. Sie weiß also, wann zu viel Milch auf dem Markt ist. Aber sie macht den Betrieben keine Mengenvorgaben, weil es dafür kein Gesetz gibt. "Wir hätten die Mittel, wir müssten sie nur von politischer Seite aus einsetzen", sagt Manfred Bauer. Aber die Milchindustrie verhindere das.

"Wir wollen nicht die alte, starre Milchquote zurück", verdeutlicht Jürgen Pirner den BDM-Ansatz. Das Ziel sei vielmehr, in einer sich anbahnenden Krise die Produktion auf einem stabilen Niveau zu halten oder zu reduzieren. "Unser Ansatz ist, die nicht benötigte Menge nicht zu produzieren." Oder sie jedenfalls nicht auf den Markt zu bringen, sondern anderweitig zu nutzen, wie Helmut Graf ergänzt: "Zwei bis drei Prozent der Milchmenge kann jeder locker im eigenen Betrieb verschieben, zum Beispiel für Kälber, das wäre das Natürlichste."

USA-Argument zieht nicht

Wenn die Nachfrage nach Milch steigt, kann sich nach BDM-Auffassung ein wachstumswilliger Betrieb auch vergrößern, aber eben nicht in der Preiskrise. "Wir wollen die Menge weghaben, die nicht nachgefragt wird", unterstreicht Robert Graf. Und das funktioniere nur mit europaweit geltenden Maßnahmen. Das oft gehörte Gegenargument, dass sich dann die Milcherzeuger aus den USA oder Neuseeland den europäischen Markt erschließen, findet er abwegig: Wo Milch nicht nachgefragt werde, fänden auch die keine Abnehmer.

GlyphosatGlyphosat zur Unkrautbekämpfung ist für Milchbauern kein großes Thema, sagt Manfred Bauer. Auf dem Grünland, das in erster Linie das Futter für die Kühe liefere, brauche man es nicht. Eines ist den BDM-Vertretern aber wichtig: Alle Landwirte, die Herbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat nutzten, hätten sich auf die Versicherungen der Hersteller verlassen, dass es ungefährlich sei, wenn es in der angegebenen Weise angewandt werde. "Die sind aber dann schon vorsichtig geworden, als es zum Thema wurde", hat Robert Graf beobachtet.


Milch und GeldNach den Zahlen des Amberger Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gibt es in seinem Zuständigkeitsbereich (Landkreis Amberg-Sulzbach und Stadt Amberg) 502 milcherzeugende Betriebe mit knapp 20 000 Kühen. Die jährliche Milchleistung pro Tier liegt im Schnitt bei 8000 Liter. Das heißt also (wenn man den Umrechnungsfaktor zwischen Liter und Kilogramm von 1,02 außer Acht lässt), dass eine Kuh dem Landwirt 1840 Euro an Milchgeld einbringt, wenn die Milch 23 Cent kostet, aber 3120 Euro, wenn sie 39 Cent kostet. Auf alle 20 000 Tiere übertragen, ist der Unterschied zwischen beiden Extremen der Preisentwicklung der zwischen 36,8 und 62,4 Millionen Euro. 25,6 Millionen Euro fließen also in einem Jahr weniger in die Region, wenn der Milchpreis auf dem Tiefstwert des Jahres 2016 verharrt. (ll)


Von einer Krise in die andere stolpern, das ist keine Perspektive. Am Ende stirbt das Dorf, das Land.BDM-Kreisvorsitzender Helmut Graf
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Ralph Schoeller aus Weiden in der Oberpfalz | 04.02.2018 | 16:49  
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