Ein Reichsbürger aus der Oberpfalz
Blick ins Reich

Ein 49-Jähriger Angehöriger der "Reichsbürger"-Bewegung hat bei einer Razzia im Oktober vier Polizisten angeschossen. Auch in der Oberpfalz gibt es Menschen, die die Ansichten der "Reichsbürger" vertreten. Etwa 25 von ihnen haben die Berechtigung, eine Waffe zu führen. Archivbild: dpa
Politik
Kreis Neustadt/WN
27.12.2016
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Ein Gespräch mit einem "Reichsbürger" irgendwo zwischen belustigend und verstörend: Einblick in eine ganze eigene Welt.

Der Mann spricht ruhig, sachlich, überlegt - und wirkt so erst recht unheimlich. Wäre er fahrig, würde sich seine Stimme überschlagen, man könnte ihn als Spinner abtun. Denn in zwei Stunden Gespräch, bei drei Telefonaten und einer Unterhaltung am Rande einer Gerichtsverhandlung, sagt der 51-Jährige viel, was nach Spinner klingt: dass Ärzte gezwungen werden, Krebspatienten mit Chemotherapien zu vergiften. Dass hinter der Flüchtlingskrise ein Plan der Mächtigen steht. Dass Flugzeug-Kondensstreifen Chemikalien sind, die Menschen krank machen. Dass Politiker Journalisten steuern. Und natürlich: Dass die Bundesrepublik kein Staat ist. Der Bewohner des Kreises Neustadt/WN möchte kein "Reichsbürger" sein, aber er erfüllt die Kriterien.

Realitäten

Und doch lässt der Mann mit den kurzen Haaren und der auf die Stirn geschobene rotgerandeten Brille Vorurteile ins Leere laufen. Der Witwer kümmert sich um drei Töchter, betreibt ein kleines Unternehmen, bezahlt das Haus ab. So sehr die Gedankenwelt entrückt ist, im Alltag scheint er mitten in der Realität zu stehen. Mit dem Gesetz gab es keine Konflikte, bis er im Juli erstmals vorm Amtsrichter steht, weil er die GEZ-Gebühr nicht zahlen wollte. Der Gerichtsvollzieherin schickte er eine Gegenforderung über 40 000 Euro. Inzwischen ist er auch vom Landgericht wegen versuchter Erpressung und Nötigung verurteilt. "Ein Anwalt hat mich falsch beraten", erklärt der Mann. Im Recht fühlt er sich aber trotzdem.

Einst betrieb er ein Versicherungsbüro und wählte "eigentlich immer CSU". Heute geht er gar nicht mehr wählen, mit Versicherungen will er nichts zu tun haben. Der 51-Jährige erzählt, wie er sich einst als deren Spielball fühlte. Man muss kein "Reichsbürger" sein, um sein Unbehagen gegenüber den großen Konzernen nachzuvollziehen, das er hörbar angeekelt schildert. Wenn er von Kinderarmut und 200 000 Haushalten ohne Strom erzählt, klingt das nach Arbeitnehmerflügel der SPD und gar nicht nach Deutscher Reichspartei.

Wann aus Unbehagen Unsinn wurde, lässt sich so eindeutig nicht sagen. Er selbst stellt seine Radikalisierung als langen Prozess "ohne eindeutigen Auslöser" dar. Seine Schilderungen vermitteln aber, dass sich im Jahr 2009 für ihn eine Menge änderte: Ohne zu stocken erzählt er vom jämmerlichen Krebstod seiner Frau, den er damals miterleben musste. "Wir haben alles versucht, waren bei zig Ärzten." Unaufgeregt, kaum verbittert spricht er über die Hilflosigkeit, die Abhängigkeit von den ihm so gleichgültig erscheinenden Ärzten. Mit Schulmedizin und Gesundheitswesen hat er abgeschlossen. Er vertraut heute Heilpraktikern, die "Ganzheitlichkeit" versprechen, besucht ihre Vorträge. Ebenfalls 2009 lässt die Finanzkrise in der Welt des Geldes alle Hemmungen fallen. Spätestens jetzt hat der damals 44-Jährige auch damit abgeschlossen, nicht nur theoretisch: Der Richter rechnet es ihm positiv an, dass er für die Familie selbst sorgt, obwohl er von der Arbeitsagentur das selbe Geld bekommen würde. Vier Fünftel seines Einkommens gehen heute für die Hypothek drauf.

Dass das Internet eine große Rolle für bei der Entwicklung seines Weltbildes spielte, leugnet er nicht. In den vergangenen sieben Jahren habe er "viel recherchiert". Eine wichtige Recherche-Grundlage: Youtube-Videos. Diese präsentieren Gesetze, die sich dazu eignen, aus dem Zusammenhang gerissen und missverstanden zu werden. Politiker gelten grundsätzlich als Verschwörer - es sei denn einer ihrer Sätze lässt sich im Sinne des Reichs interpretieren. Dann werden diese Politiker zu Kronzeugen.

Widerspruch weglächeln

Diese Widersprüche lächelt er weg, wenn er darauf angesprochen wird. Aus der Ruhe bringt ihn während des gesamten Gesprächs nur eine Frage: die nach seinem Verhältnis zur Gewalt. Er könne keiner Fliege etwas tun, erklärt er genervt. Man möchte es ihm glauben.

Allerdings klingt er auch ernsthaft, als er kurz darauf berichtet, dass der "Reichsbürger"-Mord an einem Polizisten in Georgensgmünd in Mittelfranken gar keiner war. Die offizielle Darstellung stimme jedenfalls nicht, das wisse er aus "ganz zuverlässiger Quelle". Auf diesen Widerspruch hingewiesen reagiert er wieder mit einem Lachen. Er lacht dann, wie man es tut, wenn ein Kind etwas Dummes sagt. (Angemerkt)

Das war ein längerer Prozess, es gab nicht den einen Auslöser.Ein Reichsbürger über die Entwicklung seiner Ansichten.


"Reichsbürger" und SchusswaffenIn der Oberpfalz gibt es etwa 200 Menschen, die das Bayerische Innenministerium dem "Reichsbürger"-Spektrum zurechnet. Etwa 25 von ihnen haben die Berechtigung mit Waffen zu hantieren. Bayernweit sind es rund 290. In der Regel handle es sich um Sportschützen, heißt es aus dem Ministerium. Die Zahlen ergeben sich aus einer Abfrage der Landratsämter. "Mitte November kam die Anfrage aus München, bestätigt die Sprecherin des Neustädter Amts, Claudia Prößl. "Wir haben dann die Gemeinden aufgefordert, uns mitzuteilen, ob es bei ihnen Einwohner gibt, die ,Reichsbürger' sein könnten." Verdachtsmomente seien entsprechende Äußerungen oder Fahnen des Deutschen Reichs im Garten. Nach München habe das Amt "deutlich unter 10" Personen gemeldet, bei denen Verdachtsmomente vorliegen. Zwei davon besitzen eine waffenrechtliche Erlaubnis. Für den Kreis Tirschenreuth meldet das Landramtsamt 14 Personen nach München. Auch hierunter seien einige mit waffenrechtlicher Erlaubnis, erklärt Sprecher Walter Brucker. Die Prüfung sei nun Aufgabe des Staatsschutzes. Die Ergebnisse der Kontrolle liegen bislang noch nicht vor, erklärt Prößl. "Laut eines Schreibens des Innenministeriums führt die Zugehörigkeit zur "Reichsbürger"-Ideologie zu waffenrechtlicher Unzuverlässigkeit." Falls sich der Verdacht bestätigt, sind weitere Maßnahmen bei den Personen nötig. Ein erster Schritt wäre dann eine Anhörung. (wüw)

Angemerkt: Einfach zu komplex

Was lässt einen Menschen nur solchen Irrsinn glauben? Es hat wohl mit den modernen Zeiten zu tun, die manchmal selbst völlig irrsinnig erscheinen. Die Unübersichtlichkeit und Komplexität der globalisierten Welt scheinen manchem Menschen schwer erträglich. Wo Religion dann keinen Halt mehr bieten kann, muss ein Ersatz her - und sei er auch noch so lächerlich.

Bevor man sich damit abfindet, dass es niemanden gibt, der alles steuert, glaubt man lieber an dunkle Mächte, an die Verschwörung von Banken und Konzernen oder auch Juden und Freimaurern. Manchen Menschen erscheint der Gedanke an böse irdische Götter einfacher zu ertragen, als die Vorstellung, dass es einfach gar niemanden gibt, der alle Zügel in Händen hält.

Reichsbürger fantasieren sich dazu noch einen Ausweg aus der Verschwörung zusammen: Wenn nur erst wieder die Gesetze von vor 80 Jahren gelten, dann ist es auch mit der Unsicherheit der Moderne vorbei. Diesen Glauben an eine einfache Rettung lassen sich diese Menschen so leicht nicht nehmen - schon gar nicht von so etwas nebensächlichem wie der Realität.
5 Kommentare
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Wittmann P. M. aus Vohenstrauß | 28.12.2016 | 08:45  
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Markus Schmidbauer aus Amberg in der Oberpfalz | 28.12.2016 | 09:25  
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Wittmann P. M. aus Vohenstrauß | 28.12.2016 | 10:04  
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Wittmann P. M. aus Vohenstrauß | 28.12.2016 | 10:13  
Alexander Unger aus Amberg in der Oberpfalz | 28.12.2016 | 16:44  
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