19.04.2018 - 16:36 Uhr
Oberpfalz

Fischzüchter schlagen wegen Fischotter Alarm Mörderischer Marder

"Das sind keine possierlichen Tierchen." Bezirksrat Toni Dutz wird im Teichwirtschaftlichen Beispielsbetrieb in Wöllershof lauter, als er auf Biber, Kormoran und Fischotter zu sprechen kommt. Andere sehen deswegen die Teichwirtschaft "gefährdet wie noch nie".

Irgendwie ist er ja süß, doch Teichwirte sehen bei so einem Anblick rot. Sie halten den Fischotter für existenzgefährdend. Bild: Claudia Völkl
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Neustadt/Tirschenreuth. Vor allem der streng geschützte Fischotter, der auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht, hat sich in den vergangenen Jahren viel Lebensraum zurückerobert. Anfang der 80er Jahre galt er in Bayern noch als ausgerottet. Mittlerweile fürchten ihn Fischzüchter zwischen Schwandorf und Neualbenreuth jedoch mehr als den Kormoran. Deswegen schlägt in Wöllershof am Mittwoch nicht nur die Besuchergruppe der CSU-Bezirksräte Alarm, sondern auch Experten einiger Behörden.

Thomas Ring, Fisch-Fachberater der Regierung der Oberpfalz, rät dringend zur "Entnahme" von Ottern in der Karpfenzucht. "Forellenteiche kann man eventuell besser schützen, aber für Karpfenbetriebe bedeutet der Otter den Exitus." Das betrifft vor allem sogenannte Winterungsteiche, in denen die Tiere dicht an dicht stehen, und sich so vor der Kälte schützen. Für den Otter ist so etwas ein gedecktes Silbertablett.

Drei-Säulen-Management

Ring kennt Fälle, in denen der Otter in so einem Weiher gefischt hat. Draußen schnappt ihm der Fuchs die Beute weg, und der Otter macht weiter, bis beide satt sind. Züchter Wolfgang Stock aus Kornthan bestätigt das. "Der Otter frisst die großen Laichfische, die man in zehn Jahren aufgebaut hat." Er hofft, dass dringend die Erlaubnis zur Entnahme kommt. Es dürfe nicht mehr so lang dauern wie beim Kormoran, der unter Auflagen geschossen werden darf. Am Landwirtschaftsministerium in München ist das Thema mittlerweile angekommen. Dort gibt es einen Fischotter-Managementplan. Er sieht drei Säulen vor: den Bau von Zäunen, einen Entschädigungsfond und Fischotterberater in den Bezirken. Alexander Horn ist so ein Berater. Er ist zuständig für die Kreise Neustadt, Tirschenreuth, Amberg-Sulzbach und die Stadt Weiden.

Horn glaubt nicht, dass schnell Abhilfe naht. Ergebnisse eines Monitorings, die Aufschlüsse darüber geben könnten, wie groß die Ottervorkommen in der Oberpfalz sind, werden wohl erst 2019 vorliegen. Unwahrscheinlich, dass der Gesetzgeber vorher tätig wird. Die durch die Marderart verursachten Schäden klettern derweil in die Höhe. Laut Horn waren es in der Oberpfalz rund 220 000 Euro im Jahr 2016. 2017 sind es Schätzungen zufolge zwischen 500 000 und 800 000 Euro.

Auf den Internetseiten des Landwirtschaftsministeriums heißt es, dass im Entschädigungsfond nur 100 000 Euro für 2016 zur Verfügung standen. Zudem unterstützt München Teichwirte beim Bau von Schutzzäunen. "Für Karpfenzüchter sind die unwirtschaftlich", sagt Horn. Die Folge: Immer mehr geben auf. "Allein im Landkreis Tirschenreuth haben seit 2011 über 50 Menschen die Genehmigung zum Verkauf von Lebendfischen zurückgegeben."

Darunter waren viele Nebenerwerbs- und Hobbyteichwirte. Bei rund 2700 Betrieben in der Oberpfalz (Stand 2016) ist das eine stattliche Zahl. Ähnlich wie Thomas Ring und Toni Dutz sieht auch Kevin Bäumler, Fischwirt in Wöllershof, deswegen eine gewachsene Kulturlandschaft bedroht. "Wenn wir so weitermachen, wird es nicht mehr gehen." Nicht nur, weil es sich nicht mehr rechnet. "Durch Nichtbewirtschaftung verlanden Teiche. Das heißt, sie bieten immer weniger Lebensraum für Tiere und Pflanzen."

Seltene Fische retten

Wöllershof arbeite dagegen an und sei ein Genpool für seltene Fischarten aus dem Donauraum, die auch durch Otter, Kormoran und Co. massiv gefährdet seien: Nase, Barbe, Nerfling und Frauennerfling. Der Otter bedrohe überdies die Flussperlmuschel. Daher sei die Entnahme "in einem verträglichen Maß" wünschenswert.

Die CSU-Bezirksräte unterstützen den Vorschlag, dass die Entnahme als vierte Säule in den Fischottermangementplan aufgenommen wird. Doch vorher will München die Ergebnisse eines Monitorings abwarten, bei dem österreichische Experten an vier Stellen in der Oberpfalz Teiche abgehen und Kotproben von Ottern suchen, um sie zu auszuwerten. Danach sollen erste Schätzungen möglich sein, wie viele dieser Tiere zwischen Kötzting und Waldsassen leben.

Unterdessen wächst der Ärger. Thomas Ring berichtet von einem Teichwirt, der frustriert aufgegeben und neben seinen verwaisten Weiher aus Trotz Mais angebaut hat. Ausufernder Maisanbau gilt ebenfalls als Feind der Teich-Kulturlandschaft, weil dadurch die Weiher versanden. All das müsste nicht sein, meint Thomas Beer, Vorsitzender der Arge Fisch im Kreis Tirschenreuth. "Wir erzielen gute Preise und haben gute Marktbedingungen, aber noch nie war die Teichwirtschaft so unter Druck."

Reaktionen

Geschützte Tiere umbringen. Für die Kreisgruppe Neustadt/Weiden des Bund Naturschutz kommt das nicht infrage. "Wir lehnen die Entnahme von Fischottern kategorisch ab - wir schützen die Pflanzen- und Tierwelt und töten nicht", sagt Vorsitzende Sonja Reichold aus Parkstein. Die momentanen Überlegungen erinnern sie sehr an die Diskussionen um Bär und Wolf. "Erst möchte sie jeder wieder ansiedeln, und wenn sie dann da sind, wird geballert." Der Fischotter sei ein "echter Bayer". Bayern und gerade auch der Landkreis Neustadt/WN hätten eine wichtige Brückenfunktion zwischen den Vorkommen im östlichen Mitteleuropa und denen im Westen, etwa in Frankreich.

Zur Akzeptanz beitragen könne ein Managementplan mit kompetenten Beratungsstellen, Ausgleichszahlungen für Teichwirte und Beihilfen für Schutzzäune. Eine langfristige Verbesserung von natürlichen, fischreichen Gewässern schaffe Lebensraum. Reichold: "Wo der Otter lebt, ist die Welt in Ordnung."

Problembär am Wasser

Ein Pelzträger namens Bruno avanciert 2006 in wenigen Tagen in den bayerischen Alpen zum „Problembären“. Ein ungewöhnlicher Pfotenabdruck im Schnee – schon herrscht rings um ein x-beliebiges Dorf zwischen Waidhaus und Grafenwöhr Wolfsalarm. Der Fischotter lacht sich derweil über diese Medienstars in die Krallen und knabbert munter einen Wirtschaftszweig ab, der seit dem Mittelalter die Oberpfalz prägt.
Der Aufschrei bleibt bislang aus. Vielleicht weil der Otter so ein putziger Geselle ist. Wenn ihn Fachleute aber als „Sargnagel der hiesigen Teichwirtschaft“ bezeichnen, sollten Politik und Naturschutz ihre Linie überdenken. Es ist grundsätzlich ein Jammer, warum es nicht gelingt, Tiere, die noch vor 30, 40 Jahren als ausgerottet galten, davor zu bewahren, plötzlich zur Plage zu werden. Mittlerweile ist das Kind aber in den Brunnen und der Otter in den Karpfenteich gefallen. Abhilfe schafft nur noch die Entnahme – amtsdeutsch für Tötung. Die sollte der Freistaat in Grenzen erlauben, allerdings möglichst bald. Österreich macht es vor.
Denn sollten Fischzüchter weiter in dem Tempo aufgeben wie bisher, könnten Slogans wie „Land der tausend Teiche“ oder „Karpfenland“ bald genauso passé sein wie „Europas Bleikristallzentrum“. Auch mit diesem Gewerbe war es in der Region schneller vorbei, als viele gedacht haben.

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