31.08.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Karl Wittmann verlässt nach 47 Berufsjahren das Landratsamt Schulschwänzer, Schotter und Sitzplätze

Karl Wittmann galt am Landratsamt als einer der profiliertesten Sachgebietsleiter. Er kümmerte sich mit seiner Mannschaft um Schulen, ÖPNV, Bafög und Kommunalaufsicht. Und manchmal war sein Job sogar gefährlich.

Karl Wittmann wirkte auch dann oft entspannt, wenn die Arbeit auf ihn hereinprasselte. In langen Jahren am Landratsamt hat ihm das Routine und Anerkennung eingebracht. Nun ist er im Ruhestand. Bild: Schönberger
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Neustadt/WN. Der 63-Jährige, der aus Miesbrunn stammt und mit Frau und Pflegetochter in Neustadt/WN wohnt, ist ab diesem Freitag im Ruhestand. Das Gespräch zum Abschied führte Redakteur Friedrich Peterhans.

Herr Wittmann, nach 47 Berufsjahren haben Sie ab September endgültig frei. Was haben Sie vor?

Karl Wittmann: Ich will mal im Herbst in die Berge, sonst habe ich keine großen Pläne. Bisher konnte ich um diese Zeit nie verreisen, weil meine Frau als Kindergartenleiterin da immer beschäftigt war und ich im September und Oktober nach dem Schulbeginn gut mit dem ÖPNV zu tun hatte. Und dann habe ich noch Haus, Garten, Fahrrad und mache mein Holz selbst.

Der ÖPNV ist ein regelmäßiger Aufreger: zu wenig Sitzplätze für Schulkinder, zu lange Wege, zu wenige bezahlte Fahrkarten für Schüler, zu umständlich.

Die Sache mit den Sitzplätzen ist schon besser geworden. Das liegt daran, dass die Schülerzahlen etwas gesunken sind und viele Unternehmen mittlerweile Dreiachsbusse einsetzen. Grundsätzlich gibt es aber keinen Anspruch auf einen Sitzplatz im öffentlichen Linienverkehr, den haben die Kinder in der Münchner U-Bahn ja auch nicht.

Bleiben die Klagen über Buskarten in weiterführende Schulen, die das Landratsamt nicht zahlt.

Grundsätzlich gilt die Wahlfreiheit der Schule. Aber das Gesetz ist so, dass nur die Strecke zur nächsten Schule gezahlt wird. Da können wir nichts machen. Beispiel: Dem östlichen Landkreis Neustadt liegt das Gymnasium Oberviechtach am nächsten, aber viele wollen nach Weiden oder Neustadt. Unsere Entscheidungen in diesen Fällen haben vor Gericht allerdings immer standgehalten.

Gab es viele Klagen?

Oft kommen Eltern und Schüler mit Attesten und psychologischen Gutachten, dass sie die Schule nicht wechseln müssten und deshalb Anspruch auf eine bezahlte Fahrkarte hätten. Viele machen sich aber in weiterführenden Schulen keine Gedanken über die Ausbildungsrichtung. Nicht jede gibt es überall. Sie wundern sich dann, dass die Karte im Fall eines Wechsels der Ausbildungsrichtung nicht bezahlt wird. Auch die Drei-Kilometer-Grenze war immer wieder gut für Aufregung.

Was hat es damit auf sich?

Ab drei Kilometer Schulweg gibt es eine bezahlte Buskarte. Das hat kuriose Folgen. So läuft die Grenze in Altenstadt genau durch eine Straße. Einige Hausnummern haben Anspruch darauf, andere nicht.

Was bleibt Ihnen beim Thema Schulen noch in Erinnerung?

Einige unangenehme Sachen, wie der Vollzug der Schulpflicht. Früher gab es den "Schulzwang", das heißt, wir mussten losfahren, wenn uns ein Schulleiter meldete, dass ein Kind nicht auftaucht. Heute macht das die Polizei. In einigen Fällen haben wir damals auch ihren Schutz gebraucht.

Wie groß muss man sich dieses Problem vorstellen?

Zum Teil hatten wir pro Jahr 120 bis 130 Bußgeldverfahren wegen Nichterscheinens. Das ging bis zu 1000 Euro rauf. Berüchtigt war in dieser Hinsicht früher ein Grafenwöhrer Ortsteil.

Sie haben unter vier Landräten gearbeitet ...

... unter fünf. Ich war der letzte Stift im Landratsamt Vohenstrauß 1971 unter Landrat Franz Weig, übrigens ein sehr angenehmer Mensch.

Und seine Nachfolger in Neustadt?

Christian Kreuzer war ganz anders, da hast du nie gewusst, wie du dran bist. Anton Binner wollte immer alles auf einer halben Seite zusammengefasst haben. Der hat seinen Leuten nie so richtig getraut. Am schönsten war es unter Simon Wittmann. Das war wirklich ein absolutes Vertrauensverhältnis.

Und mit Andreas Meier?

Ich glaube, er ist mittlerweile gut im Amt angekommen. Am Anfang hat er noch wie ein Bürgermeister agiert, aber mittlerweile hat es sich eingespielt, dass er ein Amt leitet, das zugleich eine untergeordnete staatliche Behörde ist. Deshalb kann ein Landrat viele Dinge auch nicht so leicht entscheiden wie ein Bürgermeister.

Was hat Ihnen in der Zeit unter Simon Wittmann so viel Freude bereitet?

Ich war damals Naturpark-Geschäftsführer. Wir haben zwei Naturparke zu einem zusammengeführt und große Fortschritte gemacht. Unter anderem haben wir es geschafft, dass für das erste Stück des Bocklwegs von Eslarn nach Vohenstrauß Naturpark-Fördermittel flossen.

Sie waren auch federführend mit dem Regionalen Planungsverband betreut. Der steht in der Kritik, weil er Windräder in vier Landkreisen ermöglichen sollte, aber bis heute wenig passiert ist.

Da ist vieles falsch verstanden worden. Ziel war, die Standorte für Windkraft auf wenige geeignete Flächen zu konzentrieren, um Wildwuchs vorzubeugen. Am Ende haben sich aber fast alle Standorte als problembehaftet herausgestellt. Wenn es mal naturschutzrechtliche Bedenken gibt, wird es ganz schwierig. Aber der Planungsverband ist grundsätzlich sehr interessant.

Er ist beteiligt an der Aufstellung und Änderung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen in 123 Gemeinden. Was ist daran so spannend?

Das ist längst nicht alles. Er zeigte schon 1974 die ersten Ansätze für interkommunale Zusammenarbeit auf. Damals ging es um die Suche nach Rohstoffen und Deponien. Wir hatten mit Sand, Kies, Granit und Basalt zu tun. Wussten Sie übrigens, dass der anerkannt beste und stabilste Bahnschotter überhaupt vomTeichlberg bei Pechbrunn kommt? Der Verband kümmert sich heute außerdem um das Vorhalten kultureller Einrichtungen und war auch zuständig für die Auswirkungen der Grenzöffnung und der Autobahn A 6 auf Gemeinden in der Nähe zu Tschechien.

Wollten Sie eigentlich immer bei einer Kreisbehörde arbeiten?

1976 kam ich zur Regierung von Niederbayern. Das war gut, weil meine Frau damals auch dort unten arbeitete. Ich war damals zuständig für die Frachthilfe für Ostbayern.

Was ist das?

Der Freistaat sponsert den Transport für ostbayerische Produkte wie Holz, Glas und Granit zu den Seehäfen. Ich war dafür zuständig, dass es dabei mit rechten Dingen zuging.

Aber auf Dauer hat Ihnen das nicht gefallen?

Ich bin 1981 nach Neustadt gekommen. Schuld daran war der geplante Flughafen im Erdinger Moos, der die Baupreise in und um Landshut so in die Höhe getrieben hat, dass meine Frau und ich entschieden haben, wir gehen zurück. Seitdem war ich immer Sachgebietsleiter.

Was war das Kurioseste, das Sie in dieser Zeit erlebt haben?

Anfang der 90er Jahre ist direkt über meinem Schreibtisch der Putz mit einigen Stücken Mauerwerk von der Decke im Alten Schloss runtergefallen. Ich war zum Glück in der Mittagspause, aber mein Telefon und meine Rechenmaschine waren kaputt.

Steht Ihr Nachfolger schon fest?

Das ist Andrea Höning. Sie kommt von der staatlichen Rechnungsprüfungsstelle und kennt sich bereits gut aus mit der Materie.

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